Lee Gamble „Mnestic Pressure“ / Review

Clubmusik ist bei Gamble nicht nur Quelle der körperlichen, sondern auch der geistigen Ertüchtigung – und wird bisweilen als akustische Vermessung einer von Cyborgs bewohnten Welt verstanden.

Lee Gamble erzählt Geschichten ohne Worte. Sein neues Album Mnestic Pressure ist pure Sonic Fiction. Und bedient sich dabei frei am Kühlregal elektronischer Clubmusik-Geschichte. Doch die Einflüsse aus HipHop, Jungle oder Ambient sind stets abstrakt, deuten Referenzen nur an, anstatt sie auszuformulieren.

Die 13 Songs sind amorphe Gebilde, immer in Bewegung, stets auf der Suche, ohne zu finden. Das großartige „Swerva“ etwa verändert mit seinen hunderten Klangquellen ständig seinen Aggregatzustand. Abgehackte Samples treffen auf perkussive Schläge und jene auf aus dem Nichts kommenden und schnell wieder verschwindenden Bässe, bevor die vermeintliche Entfremdung von kurz am Horizont aufblitzenden Akkordflächen in eine temporäre Erdung der Seele überführt wird.

Amorphe Gebilde, immer in Bewegung, stets auf der Suche, ohne zu finden.

Jene Dualismen aus Bewegung und Statik, Artifiziellem und Anthropomorphem, bestehen auch zwischen den Tracks. So folgt auf das geradlinige „Ghost“ mit seinen Jungle-Anleihen das Stück „Déjà Mode“, das mit vereinnahmendem Drone die Notbremse zieht. Solche Dialektik ist typisch für den in Manchester lebenden Producer und DJ, der seit jeher lose mit dem Denken des klandestinen Philosophenkreises der Cybernetic Culture Research Unit um Sadie Plant oder dem Schriften des jüngst verstorbenen Theoretikers Mark Fisher verbunden ist. Clubmusik ist bei Gamble nicht nur Quelle der körperlichen sondern auch der geistigen Ertüchtigung – und wird bisweilen als akustische Vermessung einer von Cyborgs bewohnten Welt verstanden.

Der Titel ist also gut gewählt – ähneln die schnellen Wechsel im Mnestic Pressure-Kosmos jener Geschwindigkeit, der das Ich im kognitiven Kapitalismus mit seiner sublimen Bilderflut ausgesetzt ist. Mit dem Unterschied, dass trotz des stetigen Abgleichens des Gehörten mit dem musikalischen Gedächtnis Neues entsteht. Alles ist offen genug, einerseits so, andererseits auch ganz anders zu sein: Vertrautes wird unterwandert, Schönheit gebrochen und Melodiegebäude zum Einsturz gebracht. Immer rechtzeitig, bevor sie drohen, in altbekannten Skulpturen zu versteinern.

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