Le Guess Who?, Freitag: Meredith Graves, Jenny Hval, Moor Mother

Freitag in Utrecht: Performance und Performance-Kunst beim Le-Guess-Who?-Festival mit Jenny Hval, Meredith Graves und Moor Mother.

Utrecht ist immer gleich – oder tut wenigstens so. Einmal im Jahr kommt man zum Le-Guess-Who?-Festival in die Stadt und verbringt vier Tage damit, sich zu verlaufen. Erst am Bahnhof, der direkt vom Gleis in die größte, seit Jahren unvollendete Shopping Mall der Niederlande übergeht. Dann im Tivoli Vredenburg, dem neunstöckigen, 99 Konzertsäle starken Kulturhauptquartier der Stadt, dessen Anordnung aus Roll- und herkömmlichen Treppen, schmalen Durchgängen, Garderoben, Bars und verschlossenen Türen vermutlich auch das eigene Personal bisweilen vor unlösbare Aufgaben stellt.

Kommt man doch mal dort raus, wo man hinwollte, kann wiederum Folgendes passieren: Man blickt nach vorne auf eine Bühne, auf dieser Bühne passiert gar nichts, dann kommt eine Stimme von rechts, und plötzlich ist da noch eine Bühne, und auf der steht Meredith Graves, Sängerin der Hardcore-Band Perfect Pussy, Journalistin, Schriftstellerin, Nachrichtensprecherin auf MTV. Heute rezitiert sie Gedichte.

Graves hält Zettel und Kugelschreiber in der rechten Hand und lächelt entwaffnend. Beides wäre eigentlich nicht nötig. Ihre Texte kann sie auswendig, von den Worten über den Rhythmus bis zur richtigen Lautstärke scheint alles in einer flüssigen Bewegung aus ihr herauszufließen. Die Performance ist schnell, aber pointiert, eindeutig Poetry Slam, nur ohne die Effekthascherei, von sich selbst ergriffene Cleverness oder die schlechten Haare, die man sonst mit Poetry Slams verbindet. Ein ziemlicher Coup, selbst wenn man es gar nicht merkt im Moment des Vortrags.

Wovon handeln Meredith Graves‘ Gedichte? Gute Frage! Die Texte sind dicht und detailliert, brechen ohne Platz für Applauspausen über ihr Publikum herein, verlieren einen schon mal und enden schließlich bei Erkenntnissen (um nicht zu sagen Punchlines), die auch dann einleuchten, wenn man Teile der Vorgeschichte verpasst hat. Ryan Gosling versagt als Jazz-Retter in La La Land, Los Angeles taugt ohnehin nur zur Projektionsfläche der eigenen Träume, aber nicht im echten Leben, und gemütlicher ist es sowieso in New York, eingequetscht zwischen fremden Körpern in der U-Bahn.

„Wer sich mal richtig blamieren will, sollte tun, was ich gerade getan habe“, sagt Graves nach ihrem Auftritt in den Applaus hinein. Das ist Koketterie, aber nicht nur: Tatsächlich liegt der Reiz ihrer Texte neben der hervorragenden Performance auch darin, dass sie aus Gedanken bestehen, die sich viele Menschen machen, aber kaum jemand aufschreiben würde: zu krude, zu banal, zu persönlich, zu schwerwiegend, zu alles. Graves‘ Umgang mit den Worten führt an wichtigmacherischer Tagebuchblümchenpoesie vorbei direkt in den Vortrag. Erkenntnis des Abends: Manche Dinge muss man laut sagen, damit sie wahr werden.

Nächste Erkenntnis: Wer das Pandora, eine der 99 Veranstaltungshallen in einer der höchsten Etagen des Tivoli, nicht verlässt, kann sich in diesem M.C.-Escher-Erlebnispark auch nicht verlaufen. Kurz nach Graves führt Jenny Hval im Pandora vor prall gefülltem Haus vor, was Herrschaft und Beherrschtheit bedeuten. In einer ungemein kontrollierten Show, flankiert von einem Knöpfchendreher und einer Tänzerin, die Performativität in Versatzstücken aus Fitness-, Striptease- und Kunst-Happening-Routinen vorführt, behandelt sie äußerst schwer kontrollierbare Dinge. Hval singt über Körperfunktionen, Begehren und Tod.

„Ich bin angezogen wie eine Maschine“, sagt Hval zur Begrüßung in einem glänzenden Latex-Overall und bringt dann die angedeutete Dekonstruktion und die Übererfüllung des Formats „Popkonzert“ gleichzeitig auf die Bühne. Hvals Stimme ist Porzellan, man meint, sie könnte in jedem Moment in jeder Fistelfrequenz in tausend Bruchstücke zerbersten, und doch ist ihre Wirkung so schneidend, dringlich, präsent, dass der Saal selbst in längeren Pausen nach den Songs – Hval schlachtet sie als doppelbödige Momente der Reflexion über das Format „Zwischenansage“ genüsslich aus – gebannt den Atem anhält. Sie lässt sich während eines Stücks über Menstruation von ihrer Begleiterin die Hand rot einfärben, später wird sie mit Rosen ausgepeitscht.

Noch ein paar Treppenwindungen höher, auf Cloud Nine, peitscht Moor Mother später – es ist inzwischen halb drei Uhr morgens – dem Publikum unmissverständliche Parolen um die Ohren. „Hau ab, wenn du dein Maul nicht halten kannst!“, quittiert sie das Quäken eines Zwischenrufers. „Fuck you, fucking fuckers!“ An einem mit Klangerzeugern vollgeräumten Schaltpult kloppt die aus Philadelphia stammende selbsterklärte Afrofuturistin im Sitzen Collagen aus Fiepen, Brummen, Beats und Verzerrung zusammen und springt immer wieder auf, um Zeilen über Unterdrückung, Widerstand und Selbstermächtigung durch das Mikrofon zu berserkern.

Die letzten Töne ihres Auftritts auf Wolke neun gehören Alice Coltrane. Moor Mother schickt deren „Journey In Satchidananda“ ziemlich übersteuert aus ihren Schaltkreisen, angereichert mit „a little noise for Alice“. Krach und Erlösung zugleich.

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