LCD Soundsystem „American Dream“ Review / Ticketverlosung

Auf American Dream, LCD Soundsystems erstem Album seit der vorübergehenden Auflösung, exerziert Bandkopf James Murphy wieder einmal die eigene Symptomwelt durch. Das gelingt ihm nicht nur unfallfrei – sondern bisweilen grandios. Wir verlosen zudem 2×2 Tickets zu einem exklusiven Konzert der Band im Berliner Funkhaus.

James Murphy wirkte stets wie jemand, den ein launiger Weltgeist auf die große Bühne geschubst hat, manche sagen dazu „Anti-Star“. Doch nach neun Jahren Bandgeschichte und drei Alben war plötzlich Schluss. Mit kategorischer Endgültigkeit erklärte Murphy Anfang 2011 die Auflösung von LCD Soundsystem: „Lasst uns eine allerletzte große Party feiern!“, rief der Meister des under acting in einem raren Moment des Überschwangs beim Abschiedskonzert im vollen New Yorker Madison Square Garden. Seitdem hat Murphy in Dänemark geheiratet, auf David Bowies letztem Album Percussion gespielt, die Musik für Noah Baumbachs Tragikomödie While We’re Young komponiert und bei seinen Kumpels von Arcade Fire mitproduziert. Außerdem gibt er – wie es sich für einen Hipster mittleren Alters  geziemt – den Kulinarik-Connaisseur, in Brooklyn betreibt er seine eigene Weinbar „The Four Horsemen“. Und last but not least ist er Vater geworden.

In einem Interview deutete Murphy kürzlich an, dass Bowie höchstpersönlich den entscheidenden Anstoß zur Reunion gegeben habe. Jetzt kann Murphy der alten Bowie-Lektion, dass es eben doch ein würdevolles Altern im Popgeschäft gibt, eine wichtige Fußnote hinzufügen. Seit Ende 2015 versammelte Murphy seine Kollegen wieder um sich, um einigen Festivalauftritte zu spielen – nun erscheint ein neues Album. Es ist ein typisch LCD Soundsystem geworden. Im Dickicht der Musikgeschichte verschaffen sich die Musiker Raum für Intensitäten, die einen Moment lang das Dagewesene wie neu erklingen lassen. Virtuos und mit perfektionistischem Drang schreiten Murphy und Mitstreiter das Feld zwischen DIY und Hi-Fi, de-skilling und Stadionambitionen ab. Schon im ersten Song „Oh Baby“ werden die atmosphärischen Pole des Albums abgesteckt. Aus industriellem Geklacker entfaltet sich ein ergreifendes Liebeslied für ein biologisches oder metaphorisches Baby. Entfremdung und Intimität verschränken sich – wie an vielen anderen Stellen auf American Dream.

Schlagzeug, Synthesizer und Bass hat der Chef selbst eingespielt. Stärker als zuvor war Gitarrist Al Doyle von Hot Chip am Songwriting beteiligt. Und das merkt man. Die Harmonien sind einnehmend, die Melodien mitunter betörend schön und jeder noch so amtliche Knalleffekt ist subtil gesetzt. Der Postpunk, zu dessen Neuentdeckung LCD Soundsystem und Murphys Label DFA in den frühen Nullerjahren maßgeblich beigetragen haben, findet sich eher verklausuliert wieder: hier eine angedeutete Gang-Of-Four-Gitarre, dort ein karger Liquid-Liquid-Groove. Ansonsten tauchen diverse Krautrock- und Brian-Eno-Bezugnahmen auf. Die im Falle von LCD Soundsystem stets beschworene Liaison von Rock und Dance droht manchmal ins unbestimmt Wavige zu driften. Doch wenn es drauf ankommt, kriegt die Band die Kurve und meidet die Beliebigkeit. Detailverliebte Percussion-Einsätze und knautschige Synthesizer-Elegien führen raus aus der gemischten Zone und machen die Stücke klarer, artikulierter. Und dann gibt da noch das Loslabern als für Murphy typische Ausdrucksform. Einnehmend wie man ihn kennt, textet er einen zum Beispiel in „Other Voices“ zu.

Seit „Losing My Edge“ von 2002 gilt Murphy als Inkarnation der Nöte des alternden Popintellektuellen. Doch die Hipsterjugend im Nacken ist längst abgeschüttelt, es geht jetzt um Existenzielles. Die Songtexte kreisen auf American Dream um Vergänglichkeit, Verlust, innere und äußere Leere. In „Call The Police“ klingt das fast post-apokalyptisch: „We all know this is nothing / This is nowhere / We all know this nowhere / And there is no one here“. Doch Murphy wagt den inneren Aufstand gegen das Nichts. Es ist schlicht großartig, wie er sich in dem Neunminüter „How Do You Sleep?“ selbst aus dem Sumpf zieht und nach einem unheilvollen Stelldichein mit dem Abgrund das Absurde zurückschlägt. Nicht nur hier wirkt Murphy wie jemand, der die letzten Reste teenage angst mobilisiert und dabei zu viel will – nämlich alles.

Es ist ja so eine Sache mit dem Älterwerden. Der unmittelbare Zugang zu popkulturellen Energiequellen ist versperrt, nichts liegt mehr in der Luft, man muss aus sich selbst schöpfen. Auf American Dream ist das Verzehrende an dieser „Arbeit am Selbst“ genauso zu hören wie die Freude darüber, dass sich aus den biografischen Schichten doch noch neue Kicks herauskitzeln lassen, Kicks zweiter Ordnung wenn man so will. Und so porträtiert Murphy auf American Dream wieder die Symptome eines vertrauten Zeitgenossen. Dass ihm das plausibel gelingt, ohne sein altes Ich zu imitieren oder eine alterstypische Abgeklärtheit zu empfehlen, ist ihm gar nicht hoch genug anzurechnen.

SPEX verlost 2×2 exklusive Tickets für eine einmalige Show der Band am 04.09. inklusive Bootstransfer von Kreuzberg zur Location. Tickets für das Event im Berliner Funkhaus gibt es nicht im Handel. Zur Teilnahme reicht eine Mail mit vollem Namen an gewinnen@spex.de. Teilnahmeschluss ist der 03.09., 16 Uhr.

Dieser Text erschien als Album der Ausgabe in SPEX No. 376, die weiterhin am Kiosk oder versandkostenfrei im Shop zu haben ist.

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