Laurie Anderson – „Glück ist die Fähigkeit, nicht bei jeder Kleinigkeit durchzudrehen“

Foto: Kevin Fuchs

Sie haben Ihr aktuelles Virtual-Reality-Projekt erwähnt. Im Ankündigungstext Ihrer Auftritte am Abschlusswochenende der Transmediale wurde die Frage aufgeworfen: „Wo hört die Wirklichkeit auf, und wo beginnt die Fiktion?“
Uhh!

Ist es angemessen, unsere Umwelt mittels dieses Gegensatzes zu betrachten?
Ich denke nicht. Ich glaube, dass es zwischen den beiden Dingen keine Grenze gibt. Was ist Fiktion? Es ließe sich ziemlich leicht behaupten, dass alles in unserem Leben Fiktion ist. Denn alles muss durch unseren Wahrnehmungsapparat hindurch, den wir über die Wirklichkeit legen. Die von Ihnen zitierte Frage ist für mich also nicht von Bedeutung. Andererseits bedeutet sie alles. Denn es geht darum, wie man die Welt wahrnimmt und welche Filter man davorschaltet. Wir alle bedienen uns solcher Filter, die wiederum sehr davon abhängen, was wir machen, denn das diktiert die Fragen, die wir stellen. Wenn Sie Journalist sind, werden Sie Fragen so formulieren, dass sie in diesem Rahmen gut funktionieren. Wenn Sie Dichter sind, werden Sie andere Fragen stellen. Mein Anspruch ist, die Dinge so zu sehen, wie sie sind, nicht wie sie sein sollten oder könnten. Das ist ein journalistischer Anspruch – und eine sehr schwierige, vermutlich unmögliche Aufgabe.

Derzeit scheint vielen bewusst zu werden, dass das Verhältnis zwischen „Wirklichkeit“ und „Fiktion“ fluide ist. In Ihrer Arbeit ging es immer schon darum, die beiden Dinge ineinander zu verschränken.
Das stimmt. Aber ich beobachte, dass das im Grunde alle tun. Bei mir fällt es nur mehr auf, weil es eines der zentralen Themen meiner Kunst ist. Deswegen heißt eines meiner Stücke „A Story About A Story“. Es handelt vom Akt des Geschichtenerzählens, warum man sie erzählt, was einem das gibt. Man erzählt eine und dieselbe Geschichte je nach Situation anders. Man bedient sich mindestens zehn verschiedener Stimmen, die man auf verschiedene, fiktionale Arten nutzt: eine Interviewstimme, wie ich sie gerade verwende, die Stimme, mit der man mit der besten Freundin am Telefon spricht, eine Stimme für die Kinder, eine andere Stimme für sehr intime Gespräche. Und das sind nicht einfach nur Stimmen, sondern Elemente unserer Persönlichkeit. Sind sie fiktional? Ich weiß es nicht. Es sind Figuren, die wir für uns schaffen.

Ihre Stimme ist eines Ihrer zentralen Instrumente, wenn nicht das wichtigste überhaupt. Trainieren Sie sie?
Ich bin keine Schauspielerin. Ich hatte eine Produktionsfirma namens Talk Normal Productions, und genau das ist es, was ich bei Performances mache: Ich spreche so, wie ich jetzt auch mit Ihnen spreche. Ich nutze bei Anlässen, die etwas formeller sind, gerne einen lockeren Gesprächston. Deswegen wirkt das vielleicht besonders: Es ist einfach, als würde jemand normal sprechen.

„Nehmen wir an, eine Maschine bringt mich auf die Idee, eine Oper über Eisen zu schreiben.“

Bei Ihrer Performance in Berlin vor zwei Tagen sagten Sie: „Wir ertrinken in Geschichten.“ Der Satz fiel im Zusammenhang mit Äußerungen über den neuen Präsidenten der USA, über die Lage der Medien – also in keinem unbedingt erfreulichen Kontext. Aber genau dieses Ertrinken verwandeln Sie in ein überaus angenehmes, mitunter erleuchtendes Erlebnis. Was heißt das: in Geschichten ertrinken?
(lacht) Manche Menschen mögen diese Art des Ertrinkens erfreulich finden, aber mir geht es nicht darum, es angenehm oder unangenehm zu gestalten, ebenso wenig wie ich versuche, unterhaltsam oder nicht unterhaltsam zu sein. Ich denke, das Vergnügen liegt darin, Dinge identifizieren und benennen zu können. Wenn man in ein unablässiges Trommelfeuer von Kürzestgeschichten gerät, ist das sehr schmerzhaft. Darunter leiden derzeit viele Menschen: Sie können die Masse und die Geschwindigkeit der Informationen, die auf sie einprasseln, nicht verarbeiten. Aber auf sehr seltsame Weise bin ich glücklich, heute am Leben zu sein und beobachten zu können, wie alles kollabiert. Ich bin nicht froh darüber, dass es kollabiert, aber ich hätte mir das nie vorstellen können. Ich hätte nicht gedacht, dass die Dinge so fragil sind, niemals. Aber jetzt sehe ich es mit eigenen Augen. So wie ich versucht habe, das zu artikulieren, und es nicht geschafft habe, geht es auch vielen anderen. Es gibt eine Million Theorien, aber niemand kann wirklich sagen, warum das passiert. Und wenn man sich in einer Situation befindet, die man nicht in Worte fassen kann, ist das wirklich unglaublich. Selbst wenn das in vielerlei Hinsicht mein Gebiet ist: Ich bin – sprachlos.

Was bedeutet Ihnen Schönheit? Der Abschiedsbrief, den Sie nach dem Tod Ihres Ehemanns Lou Reed in einem Lokalblatt veröffentlichten, endete mit den Worten: „Long live the beauty that comes down and through and onto all of us.“
Damit bezog ich mich auf etwas, das Lou gesagt hatte: dass er von der Schönheit der Welt überwältigt war. So fühlte er sich in den letzten Tagen seines Lebens. Ich habe voll Ehrfurcht miterlebt, wie es eine Person schaffte, sich derart zu öffnen und loszulassen – und eben nicht zu verzweifeln: „Warum muss ich sterben? Es ist so traurig und schrecklich und ungerecht!“ Das hätte er tun können, so wie viele Menschen es tun: Sie sterben in Bitterkeit und Kummer. Lou nicht. Er war von Schönheit überwältigt. Er hatte große Anstrengungen unternommen, zu einer Person zu werden, die dazu fähig war.

Geht es Ihnen nicht auch genau darum?
Ich bemühe mich. Es ist mein Ziel. Manchmal wird man von bestimmten Dingen eingeengt, dann muss man sie fortschieben. Etwas, das ich an Berlin sehr schätze, ist der immense Himmel hier. Es gibt nicht viele Orte, die eine solche Weitläufigkeit und eine so unglaubliche Offenheit nach oben haben. Viele Städte können sehr klaustrophobisch werden. Berlin ist nicht so. In dieses Groß-Himmel-Berlin zu kommen, fühlt sich immer gut an. Die Stadt vermittelt ein wirklich offenes Gefühl, und ich denke, das zieht die Leute an diesen Ort. Das ist eine wundervolle Sache. Mehr als alles andere ist das für mich ein Symbol von Freiheit: der Himmel, dieser große Himmel. Er hat Potenzial.

Dieses Interview ist erstmals in SPEX No. 374 erschienen. Das Heft ist wie alle weiteren Back Issues versandkostenfrei im Onlineshop bestellbar.

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