Lafawndah – Der Beat entscheidet / Feature, Konzert & Verlosung

Auf ihrer EP Tan verabschiedet sich die Sängerin und Produzentin Lafawndah von gängigen Kategorisierungen traditioneller, religiöser und elektronischer Musik. SPEX stellt sie im Feature vor und verlost Tickets für das Konzert in Berlin.

Fünf Leute, vier Songs und viel Zeit: Über ein Jahr arbeitete die Sängerin und Produzentin Lafawndah mit ihren Freunden Nick Weiss (Teengirl Fantasy), Tamer Fahri (Produzent von Dillon), L-Vis 1990 (Mitgründer des Labels Night Slugs) und Aaron David Ross (Gatekeepers) an der EP Tan. Die ungleichen, aber kohärenten Songs sind vom Beat her gedacht: Ihre Anziehungskraft wird entfacht durch eine Vielzahl von Schlagzeugen, Trommeln, Off-Beats und Bässen, die den Körper durchdringen. »Ausgangspunkt ist so gut wie nie die Melodie«, sagt Lafawndah. »Oft sind auch keine Akkorde und keine Tonalität vorhanden. Der Beat entscheidet, ob mich ein Song interessiert und ob ich diesen weiterverfolgen möchte oder nicht.«

Lafawndah setzt sich mit traditioneller, religiöser und elektronischer Musik auseinander, zerlegt ihre Einflüsse, um sie dann in eine eigene Sprache zu übersetzen. Bei einer solchen Dekonstruktionsleistung ist man gezwungen, sich von gängigen Kategorisierungen zu verabschieden; auch weil die Künstlerin vormacht, wie die Kritikpunkte der Cultural Appropriation herausgefordert und Stilelemente nicht bloß plump geklaut oder exotisiert werden können. Ihre EP setzt mit den dumpfen Trommelschlägen des Songs »Town Crier« ein, die sich zu klirrenden metallischen Fabrikgeräuschen aufbauen. Die Snaredrums und Sirenenklänge, die noch vor den Lyrics produziert wurden, wecken den Eindruck eines Aufmarschs und lieferten die Inspiration für das Konzept des Songs. »›Town Crier‹ soll wie eine gescheiterte Revolution klingen«, sagt Lafawndah. »Sehr viele Menschen sind auf die Straße gegangen, sehr viele Menschen haben ihr Bedürfnis nach Veränderung zum Ausdruck gebracht, sehr viele Menschen wurden getötet, und es hat sich nicht ausgezahlt.«

»Mir ist es wichtig, keine weiteren zynischen und fatalistischen Ideen darüber zu verbreiten,
wie abgefuckt unsere Welt ist –
oder darüber, dass wir nichts verändern könnten.«

Die in Brooklyn lebende Kosmopolitin Lafawndah wuchs in Teheran und Paris auf. Der Arabische Frühling führte sie in den Iran. »Es war eine sehr traurige Erfahrung«, sagt sie. »Die Iraner waren über ein Jahr auf der Straße und haben es nicht geschafft, ihre Regierung zu stürzen. Dann kam plötzlich der Arabische Frühling, und gleich mehrere Staaten konnten ihre Regierungen zu Fall bringen.« »Town Crier« soll den Hörer vom ersten Moment an glauben lassen, es gehe darin um eine schlecht laufende persönliche Beziehung. Erst wenn der Chor einsetzt, wird der abstrakte Gehalt des Songs offengelegt: »Tatsächlich geht es darum, eine Revolution anzudrohen und Mächte herauszufordern und zu sagen, dass es nicht viel braucht und eigentlich keinen Grund gibt, nicht auf der Straße zu sein. Mir ist es wichtig, keine weiteren zynischen und fatalistischen Ideen darüber zu verbreiten, wie abgefuckt unsere Welt ist – oder darüber, dass wir nichts verändern könnten.«

Auf die Frage, ob sie sich als politische Künstlerin versteht, antwortet Lafawndah: »Ich finde das wirklich kitschig. Die Tatsache, dass ich jeden Morgen aufwache, dass ich mit Ihnen spreche, dass ich in einem Studio Musik als woman of colour produziere: All das ist politisch. Jeder Tag, jeder Atemzug, alles, was ich mache, ist politisch. Ich möchte das nicht als Statement bringen, um mich von anderen abzugrenzen. Was hinterfragt werden sollte, sind Leute, die das nicht tun.«

Dieser Text stammt aus der Printausgabe SPEX N° 367. Das Heft ist nach wie vor versandkostenfrei hier zu bestellen.

Lafawndah live
10.6. Berlin – Kantine am Berghain

SPEX verlost 2×2 Tickets für die Show in der Kantine am Berghain. Wer teilnehmen möchte, schickt einfach eine Mail mit dem Betreff »Lafawndah« an gewinnen@spex.de. Es entscheidet das Los.

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