Krümelmonster & Fabelwesen

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   Man sollte nach Marry the Night eines bloß nicht versuchen: Lady Gaga Authentizität zu unterstellen. Denn eines ist sicher; die scheinbare Intention eines autobiographischen Ansatzes verbleibt letztendlich immer als das, was es wirklich ist – eine Illusion. Das Video beginnt gewohnt narrativ und bildgewaltig mit einem Prolog: Lady Gaga, blass und sichtbar ausgezehrt, wird im Krankenbett durch einen Flur geschoben, flankiert von zwei – wie man sogleich erfährt – Calvin Klein-tragenden Krankenschwestern. Die Szenerie ist morbide-modisch, wie es sich gehört.

   Währenddessen wird der Zuhörer monologisch aus dem Off mit Begriffen aus der Erzähl- und Kunsttheorie befeuert, die nur auf eine Erkenntnis abzielen: Letztendlich sind die selbstkonstruierten Lügen einer Künstlerpersona wahrer als jedes fremdbestimmte autobiographische Erlebnis – Kunst absorbiert Erinnerung und rekonstruiert sie. »I must fill in all the ugly holes and make it beautiful again« haucht Lady Gaga bedeutungsschwer; was folgt ist eine bunte Collage verarbeiteter Vergangenheitsmomente mit einer Diversität an tanzenden, strampelnden Persönlichkeitsfacetten der Diva: mal als enttäuschte, Cornflakes spuckende Furie, mal als eine an Madonna in Desperately Seeking Susan erinnernde Kämpferin oder als gewohnt skurrile Figur in Latex-Tutu und absurd hohen Fetisch-Spitzenschuhen.

   Der hier angestrebte Diskurs über Fiktionalität und Faktionalität muss jedoch zwangsläufig auf eines hinauslaufen: Dem Spiel mit dem Autobiographischen und der Identität. Laut Philippe Lejeunes Autobiographischem Pakt zählt das aufrichtige Bemühen um Authentizität in einer dem Künstler naheliegenden, beliebigen Form mehr als reine Faktionalität: die Wahrheit weicht hier vor der Künstlerwahrheit. Sollte Lady Gaga mit ihrer konzeptionell-artifiziellen Identitätensuche den Anschein erwecken, hinter den synthetischen Schichten liege ein wahrer Kern, könnte das tatsächlich so sein – oder eben auch einfach nicht.

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VIDEO: Lady Gaga Marry The Night

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   Natur vs. Stadt: Regisseur Mattias Erik Johansson inszeniert den Briten Patrick Wolf im Video zu Together als pantheistischer Apollon; der gefangen im Urbanen von den Wonnen des Zusammenseins singt. Flügelgleich mit zwei echten, ausgestopften Raubvögeln oder wahlweise Füchsen auf der linken und rechten Schulter ausgestattet – eine Kreation des britischen Designers Lee Paton -, sucht er, unter sinnlich-introvertierten-Bewegungen die Begegnung mit sich selbst. Ob er sie in seinem romantisch-schwülstigen Kosmos findet, ist dabei möglicherweise irrelevant. Die neuerliche Klimax der Wolf'schen Extravaganz dürfte jetzt aber doch etwas too much sein.

   Anders verhält es sich da mit den zwei, von Patti Smith geschossenen Fotos auf dem Cover der Brumalia EP, deren Schlichtheit ohne pathetische Aufladung daherkommt. Mit den sieben neuen, am 9. Dezember bei Mercury / Uniserval erscheinenden Stücken, darunter eben Together, knüpft Patrick Wolf an sein diesjähriges Album Lupercalia an.

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VIDEO: Patrick Wolf Together

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   The Rapture-Sänger und -Gitarrist Luke Jenner ist ein ziemlich gutgelaunter Typ. Im neuen Kris Moyes-Video seiner Band zu Sail Away kann man auch erahnen wieso: Wenn er tagträumt, stellt er sich vor, wie es wäre auf einer silbernen Chipstüte durch die Straßen zu reiten. Eine solche taucht nun auf einmal im herbstlichen Blätterspiel auf, vergrößert sich rasant in exponentiellem Maße und wird zu einem kuriosen, fliegenden Spiel-und Spaßgefährten. Während Jenner mit Robin Hood-Nylon-Umhang im Freiheitstaumel die Arme von sich streckt, können wir nur an Bastian und seinen animierten Gefährten Fuchur denken; die Parallele reicht hier weit über den identischen Gesichtsausdruck hinaus. Doch es sind Jenners Bandkollegen Vito Roccoforte und Gabriel Andruzzi, die, in ein Schofar und eine Riesenmuschel blasend, zwar nicht die Mauern Jerichos New Yorks zum Einsturz bringen, wohl aber das glänzende Objekt erst zum Leben erwecken.

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VIDEO: The Rapture Sail Away

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   Erhaben erscheint das Video zu The Shrine / An Argument aus unserer Platte der Ausgabe im Mai / Juni, Helpless Blues von den Fleet Foxes. Das Werk ist bereits die fünfte Zusammenarbeit zwischen der Band und dem Animationskünstler Sean Pecknold. Gemeinsam vollführen sie hier eine perfekte Synthese von Bild und Ton, alles fügt sich wie von selbst ineinander. Die typischen Fleet-Fox‘schen Attribute Feierlichkeit und Schwermut, gekleidet in konventionellem Folk-Wohlklang und emotional-aufgeladenen Gebärden beseelen die mystischen, in Abendrot getauchten Animationen, ohne zu sehr in Disney-artigen Kitsch abzurutschen. Was dadurch entsteht ist eine Fabel, die von Tod und Leben, Ying und Yang erzählt. Tierische Symbole aus westlichen sowie östlichen Kulturkreisen vermengen sich mit einer Naturästhetik zu mystischen Bildwelten; bevölkert von ineinander verschlungenen Wasser-Drachen, Holzmasken-tragenden, urvölkisch wirkenden Kreaturen und wilden, wölfischen Untieren; im Fokus: ein Hirsch, der gleichzeitig Jäger und Gejagter ist.

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VIDEO: Fleet Foxes The Shrine / An Argument

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