Krisenpokerface – The Big Short

Fotos: Filmstills aus dem offiziellen Trailer zu The Big Short

Ambitioniert: Adam McKays Adaption des Sachbuchs von Wirtschaftsjournalist Michael Lewis startet am Donnerstag in den Kinos. Ein Ausblick.

Es ist paradox: Jeder kennt die 2007 eingetretene Finanzkrise, viele haben sie am eigenen Leib zu spüren bekommen, aber nur wenige sind sich über ihre genauen Ursachen im Klaren. Christian Bale bringt es in der Wall-Street-Milieustudie The Big Short als nerdiger Hedge-Fonds-Manager mit ausnehmend autistischem Gesichtsausdruck gut auf den Punkt: Die sehr eigene Sprache der Börse sei nur so kompliziert, weil Außenstehende sie nicht verstehen sollen. Tatsächlich konnten sich die Finanzmärkte nur zu einem derartigen Ungeheuer auswachsen, da kaum jemand, der nicht beruflich mit ihnen zu tun hat, über sie Bescheid weiß. Regisseur Adam McKay will nun Abhilfe schaffen und das Kauderwelsch entschlüsseln.

bigshort3

Ungewöhnlich an McKays Film The Big Short ist, dass er auf einem Sachbuch basiert. Der Wirtschaftsjournalist Michael Lewis erzählt darin, wie sich einige geschäftstüchtige weiße Männer in den Jahren vor der Krise alle Freiheiten nehmen, die ihnen der Markt lässt. Erhaben über (fast) jeden moralischen Zweifel, wird gegen die gesamte amerikanische Wirtschaft gewettet oder besser gesagt: gegen Massen an unterprivilegierten Mitbürgern, die zwar kein Geld haben, aber mithilfe von unvernünftigen Hypotheken den amerikanischen Traum vom Eigenheim verwirklichen wollen. Dass Lewis’ schmissige Analysen das Zeug zu Hollywoodfilmen haben, zeigte bereits Moneyball, verfilmt von Bennett Miller. Doch McKays Adaption ist noch deutlich ambitionierter. Während die hochkarätige Besetzung ein großes Publikum ins Kino locken soll, erweist sich der Film selbst als dicht inszenierte Lektion über die Schattenseiten des Kapitalismus.

Dass einen The Big Short mitleidslos mit Fachchinesisch bombardiert und trotzdem immer wieder die Nähe zum Publikum sucht, es teilweise sogar zu Komplizen macht, ist seine große Leistung. Da erklärt Ryan Gosling etwa als solariumgebräunter frat boy den Immobilienmarkt mit einem Turm aus Jenga-Klötzchen. An anderer Stelle treten Teenie-Idol Selena Gomez und Promi-Koch Anthony Bourdain in Gastrollen auf, um dem Publikum bildhaft zu erklären, was sich hinter kryptischen Abkürzungen wie CDS und CDO verbirgt. Am Ende raucht einem zwar der Kopf, aber man hat auch etwas dazugelernt – nicht zuletzt, dass man im Restaurant keinen Fischeintopf bestellen sollte, weil darin nur alte Ware verarbeitet wird. Die Schlusstitel verraten uns schließlich, dass das Ungeheuer schon längst wieder sein hässliches Haupt erhoben hat. Man hat nur wieder neue, schwer verständliche Fachbegriffe gefunden, um davon abzulenken.

Dieser Beitrag ist wie viele weitere Musik- und Filmfeatures in der Printausgabe SPEX N° 366 erschienen. Hier geht’s zum Heft, das weiterhin versandkostenfrei online bestellt werden kann.

1 KOMMENTAR

  1. Die „geschäftstüchtigen weißen Männer,“ von denen hier die Rede ist, sind übrigens eher die Guten (auch aus Sicht von Buch und Film), wenn man diese Kategorie hier anwenden kann. Die Verursacher der Immobilien-Blase und der sie verstärkenden Finanzinstrumente sind die, gegen die sie spekulieren.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here