Kinostart von Lucy: Luc Bessons Mental-Feuerwerk

Fehlannahme hin oder her: Luc Bessons morgen startender Film Lucy ist ein brachiales Feuerwerk rund um Scarlett Johansson als hyperaktives bastard child der paradoxen amerikanischen Doppelmoral.

Der alte Mythos, wonach der Mensch nur zehn Prozent seines Gehirns aktiv nutzt, übt immer noch Faszination aus: Was, wenn wir in der Lage wären, immer alles Potenzial gleichzeitig zu aktivieren? Könnten wir unseren Biorhythmus mental beeinflussen, vielleicht sogar die stoffliche Außenwelt?

Wie in Verbindung mit dem US-Kinostart von Luc Bessons neuem Film Lucy allerorts von Schlaubergern erklärt wurde, ist diese Vorstellung größtenteils Unsinn: Der Mensch nutzt nicht zu jeder Zeit jeden Teil des Gehirns, wie er ja auch nicht ständig seine Beine oder Arme aktiv gebraucht, und grundsätzlich gibt es auch theoretisch keine »unbegrenzten Möglichkeiten«.

Solche Neunmalklugen müssen allerdings schnell kapitulieren vor dem brachialen Feuerwerk, das Besson mithilfe dieser Grundidee abfackelt. Hatte man die Hoffnung, noch einmal einen Smash-Hit im Stil von Nikita oder Das Fünfte Element von ihm zu sehen, angesichts seiner mauen Regiearbeiten der letzten Jahre im Grunde aufgegeben, meldet er sich mit Lucy fulminant zurück.

Die Story ist simpel: Lucy (Scarlett Johansson) ist eine US-Austauschstudentin in Taiwan mit leichtem Hang zu Trash und schlechtem Geschmack. Offensichtlich hat sie sich auch den falschen Boyfriend ausgesucht: Der bittet sie nämlich, an seiner Stelle einem Drogenboss das Geld zu übergeben, das er ihm schuldet. Der Deal geht schief: Lucy gerät in die Gefangenschaft des finsteren Unterweltchefs – und damit nicht genug: Man pflanzt ihr operativ eine große Menge einer neuen synthetischen Droge ein, die sie in ihrem Körper über die Grenze schmuggeln soll, »für die reichen Kids in Westeuropa«, wie es heißt. Auf dem Weg zum Flughafen reißt der Plastibeutel in Lucys Eingeweiden. Sofort beginnt sie, ganz außergewöhnliche Fähigkeiten zu entwickeln. Ihre Gehirnauslastung steigt langsam von zehn in Richtung 100 Prozent, mit unglaublichsten Auswirkungen.

Bessons Film funktioniert auf vielen verschiedenen Ebenen. Im Verein mit Jonathan Glazers Under The Skin, der hierzulande im Oktober auf DVD erscheint, arbeitet Besson weiter am ironischen Star-Image von Scarlett Johansson, das sich vom blonden Männertraum immer mehr zur ikonenhaften Überfrau wandelt – vom reinen Körper zum reinen Geist.

Davon abgesehen erlaubt die wissenschaftlich vielleicht nicht korrekte, aber clevere Grundidee dem Regisseur absolute Freiheit in Sachen Spektakel. Mit dem Fortschreiten von Lucys »Mutation« kann diese andere Menschen, Gegenstände, ja Raum und Zeit an sich kontrollieren, was Besson mit voller visueller Wucht inszeniert. Besonders hervorzuheben ist die vielleicht wildeste Autoverfolgungsjagd dieses Jahrzehnts.

Nicht zuletzt ist Lucy auch ein zwar nicht übermäßig tiefgehender, aber bissiger Kommentar zu Drogenkonsum und vor allem zur westlichen Drogenpolitik. Die Figur Lucy ist so etwas wie das hyperaktive bastard child der paradoxen amerikanischen Doppelmoral: Starke leistungssteigernde Drogen wie Adderall und Ritalin sind legal und absolut salonfähig, während der Besitz selbst kleiner Mengen von Substanzen, die nicht zur kapitalistischen Produktivität beitragen, drakonisch bestraft wird.


LUCY
FRANKREICH 2014
REGIE: LUC BESSON
MIT SCARLETT JOHANSSON, MORGAN FREEMAN, CHOI MIN-SIK U. A.

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