King Midas Sound / Fennesz »Edition 1« / Review

Knapp unter Zimmerlautstärke funktioniert das Album vorzüglich als Trauerweidenklangtapete im Kaffeehaus Ihres Misstrauens. Pump up the volume.

Am Ende regnet’s doch. »Above Water« heißt der 14 Minuten lange, ruhige Fluss von Sound, der mir so regnerisch vorkommt, dass ich ihn noch mal höre, um zu überprüfen, ob ich einer Autosuggestion zum Opfer gefallen bin. Und tatsächlich. Am Ende regnet es. Hörbar. Allerdings regnet’s jetzt auch draußen, es ist Anfang September. Oder regnet es nur draußen? Egal, da läuft schon das nächste Stück, »We Walk Together«, und das beginnt mit einem regnerischen Knistern und Rauschen, wie wir es aus Burials ewig nachtgrauem London kennen. Dann singt Kiki Hitomi vom »stormy weather«, in dem »we walk together«. Nein, sie singt nicht, sie haucht, offenbar wurde ihr das Mikrofon am hinteren Ende des Gaumens befestigt. So close to you produziert Hitomis Stimme Intimität, hart an der Grenze zur Tyrannei. Und hart an der Grenze zur irre dekorativen, Bonjour-Tristesse-haften Intimität, die einst bei Portishead auf der Stelle ins Warenförmige kippte.

Zuletzt war viel vom politischen Potenzial der Melancholie die Rede, die auch gelesen werden könne als Symptom des nicht mehr Mitspielen(wollen)s. Von einer »mesmeric examination of melancholy and desolation« spricht die Selbstauskunft von King Midas Sound und wirft die Frage auf, was es hier mit der Untersuchung oder Begutachtung – der examination – von Melancholie und Verzweiflung auf sich hat und ob es sich nicht vielmehr um eine exploitation dieser Seelenlagen handelt. Das ist der schmale Grat, auf dem Edition 1 wandelt, die erste von vier Kollaborationen von King Midas Sound, eines der vielen Projekte des Kevin Martin a.k.a. The Bug a.k.a. Ice a.k.a. God a.k.a. Techno Animal a.k.a. undsoweiter.

Als examination of melancholy und vielleicht gar desolation könnte auch Endless Summer durchgehen, das bekannteste, weil zugänglichste Album von Christian Fennesz aus dem Sommer 2001. Da durchmisst der Wiener Gitarrist und Soundartist gewissermaßen das Strandterrain der Beach Boys mit dem Wissen um die Tragödien der Bandgeschichte und um das Drohpotenzial des vermeintlichen Versprechens eines Endless Summer. Die dunkle Seite des endlosen Sommers – das könnte die Schnittmenge von Fennesz und Martin sein, der ja ein Liebhaber jamaikanischer Musik ist und einer der wenigen, die begriffen haben, dass der weiße Mann mit den geliebten Objekten Dub, Reggae und Dancehall vorsichtig und überlegt umgehen muss, sonst wird daraus schnell Affenliebe und Kolonialherrenpaternalismus.

Am besten funktioniert dieser Dub’n’Drone-Emo, wenn Vokalist Roger Robinson sich melodicagestützt auf Linton Kwesi Johnson besinnt, auch wenn ihm die Schärfe des großen alten Dub-Poeten abgeht und er manchmal zu feierlich daherkommt – ein Problem, das auch Massive Attack hatten. An deren beste Momente knüpft der Hit von Edition 1 an, »On My Mind«. Da werden Kiki Hitomis Wisper-Vocals aufgefangen vom gern genommenen Bass aus Keni Burkes Song »Risin’ To The Top«. Top! Knapp unter Zimmerlautstärke funktioniert das Album vorzüglich als Trauerweidenklangtapete im Kaffeehaus Ihres Misstrauens. Pump up the volume.

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