King Krule – Kein Fön im Badewasser

Ungefähr hier beginnt Archy Marshalls Aufstieg vom Underdog zum Headliner und damit der spekulative Teil der Wahrheit. Denn niemand kann mehr nachvollziehen, wann und warum genau Marshall zu King Krule und als solcher zum „Sprachrohr seiner Generation“ erklärt wurde, obwohl er wie all die Jahre zuvor eigentlich nur von sich selbst gesprochen hatte. „Wenn ich über den Himmel singe, dann hat das für mich nichts Hoffnungsvolles. Die Wolken, die Sterne, der Mond – ich kann mich daran nicht festhalten, sondern nur zu ihnen aufsehen, um immer wieder festzustellen, dass sie unerreichbar bleiben“, meint er. „Ich beschreibe, dass da oben meine unerfüllten Bedürfnisse kleben, und dann passiert folgendes: Der Typ in Kanada mit dem Kackjob und das Mädchen in Japan, das über Selbstmord nachdenkt, erkennen sich darin wieder – und plötzlich geht es um etwas Größeres, um gesellschaftliche Desillusionierung. Dabei wollte ich nur ehrlich sein.“

Als King Krule sein erstes Album 6 Feet Beneath The Moon zu Archy Marshalls 19. Geburtstag veröffentlicht, soll dieser bereits um die 800 Songs auf Halde haben. Dass Marshall beim Zitieren eigener Texte ins Straucheln und insgesamt kaum damit hinterherkommt, Zitate zu dementieren, die er in anderen Interviews geliefert hat, verwundert angesichts solcher Zahlen kaum. Ganz im Gegensatz zu einer anderen Sache, mit der er fortlaufend kokettiert: Sprachlosigkeit. Wer sich mit dem selbsternannten geilsten Dichter der Millennials auf ein Gespräch trifft, ist für alle Härten der Tinder-Romantik und die volle Breitseite 140-Zeichen-Lyrik gewappnet. Aber was Marshall anbietet, muss man erst mal wegstecken. „Ständiges Quatschen hilft auch nicht, um mit den Menschen voranzukommen. Es ist wichtiger, die Stille dafür zu nutzen“, erklärt er in einem kurzen Moment zwischen Tee in der Backe und Rauch in der Lunge. „Gemeinsam entspannt schweigen zu können, ist das beste Zeichen, dass man sich wohlfühlt.“

„Die Wolken, die Sterne, der Mond – ich kann nur zu ihnen aufsehen, um immer wieder festzustellen, dass sie unerreichbar bleiben.“

Die Überraschung lautet nun nicht, dass Marshall ein Mann der Verknappung ist. Die Kunst seiner Mantras bestand immer darin, die Reihenfolge eines überschaubaren Repertoires an Worten für dieselbe Kette (probieren scheitern probieren scheitern) dermaßen clever zu variieren, dass niemand den Zirkelschluss bemerkte. Was jetzt selbst für Marshall-Maßstäbe überrascht, ist die Verknappung auf nichts. Davon erzählt er in den Texten und lautmalerischen Geisterbahnfahrten auf The Ooz ähnlich intensiv, als wäre es etwas – wie er es in dieser Qigong-Sitzung tut, die sich Interview nennt. „Ich kämpfe ständig mit der Masse an Worten in meinem Kopf, aber meist sind Auslassungen am stärksten“, sagt er. „Wenn man es schafft, ein komplexes Gefühl auf einen Satz herunterzubrechen, schießt man sich als Autor aber auch selbst ins Knie. Ich hatte immer Angst, dann sei alles gesagt und ich wäre arbeitslos. Narzissmus, Nihilismus, Zügellosigkeit – natürlich bleiben die Themen im Kern dieselben. Aber deswegen werden sie ja nicht unwichtiger.“

Um seine Angst vor Wiederholung und der eigenen Irrelevanz zu überlisten, hat Marshall noch eine andere Strategie entwickelt: Er öffnet fortlaufend neue Tabs in seiner Alias-Chronik, aber nie wird eines geschlossen. Heute ist Marshall 23 Jahre alt und besitzt annähernd so viele Identitäten. Das hat viel mit Langeweile zu tun, aber eben noch mehr mit dem, was er mit Ausnahme von Interviewsituationen am besten kann: Worte finden. Er mag Sprache, deswegen mag er Namen. Und Leute, denen das zu einfach ist, behaupten nun entweder, Marshall sei ein Schisser, weil er vor der Realität weglaufe, oder ein faker, weil er seine eigene konstruiere. Sie haben Recht mit beidem. „Die Musikindustrie besteht doch nur aus Fassade“, erklärt Marshall. „Diese ganze Heuchelei kann man gar nicht ernst nehmen, oder man muss sich davor schützen, wenn man es tut. Produkte verkaufen sich, weil sie gut aussehen, aber ihre Musik ist beschissener Pop. In diesem Zirkus wird niemand unterstützt, der abgewetzte Sportklamotten trägt, sondern nur, wer vorgibt, den Rock’n’Roll-Lifestyle zu leben, der verdammt noch mal nicht mehr existiert.“

Foto: Sebastian Mayer

Ein Grund, warum Marshalls Generation-Y-Version von no future einen trotzdem hochbringt, könnte ihre ständige Erinnerung daran sein, dass genau dieses Leben einmal möglich war. Es ist kein Zufall, dass „blue“ und „Blues“ nur einen Buchstaben voneinander entfernt liegen. Dass jede Sorte von Blau, die Marshall in den Mund nimmt, im New York der Fünfzigerjahre schon mal so oder so ähnlich ins Sax gespuckt wurde, ist es ebenso wenig. Das liegt offenkundig an der Plattensammlung seiner Eltern (die Referenzen kann man auf jeder Seite des Internets nachblättern) und Marshalls Vorliebe für zu große Sakkos, aber womöglich auch an seiner Suche nach dem, was er nicht im babyblauen Himmel von heute, sondern in „It’s A Blue World“ der Jive Bombers von 1959 findet: etwas zum Festhalten.

„Lange Zeit konnte ich an keine Form der Liebe glauben“, sagt Marshall. „Vielleicht war ich zu gefühlstaub, vielleicht habe ich sie nicht gefunden oder es in dem Moment einfach nicht gemerkt. Und vielleicht ist es das, was man in meiner Musik gehört hat.“ Das klingt nach Fön im Badewasser, bedeutet aber das Gegenteil, denn auf The Ooz hat Marshall die Form von Liebe gefunden, an die er glauben kann: Geschichte. „Musik hat die Kraft, Erinnerungen heraufzubeschwören. Und seien wir ehrlich: Es liegt viel Humor in der Dunkelheit. Hören Sie das ganze Melodrama auf dem Album nicht? Das ist doch alles völlig drüber.“

Archy Marshall ist ein faker. Aber lieber 19 Mal geil bei King Creole, Johnny Marr und Dirty Beaches geklaut als auch nur ein schlechtes Original von irgendwem, der auf der Brit nicht in die Kunstklasse gewechselt ist. Außerdem hat Marshall im Sommer während der Aufnahmen das erste Mädchen klargemacht, das seine „Kreativität zur Eskalation gebracht“ hat, und darüber hinaus jede Menge über Synkopen, Kosmologie und das ohnehin Allerwichtigste gelernt: Popel. The Ooz erzählt allerhand von dem Haufen Scheiße da draußen, aber es croont auch zärtlich vom eigenen Dreck, den wir fressen. Der Junge mit der Silberkrone im Mund mag aussehen, als kümmere ihn all das nicht. Aber das ist ja das Blöde an den einfachen Antworten. Für Interviews wie dieses hat er sich 23 Jahre lang Tag und Nacht dermaßen den Arsch abgerackert, dass er es nun beinah verschlafen hätte. Warum die Leute Wahrheiten wie die von Archy Marshall brauchen? Weil sie keine Lügen sind. Sie führen einer ganzen Generation von Schlaflosen vor Augen, warum sie so fertig ist. Aber am Ende wählen eben trotzdem alle die einfache Antwort. Und glauben, es liege am Wetter.

Dieser Text ist erstmals in der Printausgabe SPEX No. 377 erschienen. Das Heft kann wie alle weiteren Back Issues versandkostenfrei im Onlineshop bestellt werden.

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