King Krule – Kein Fön im Badewasser

Foto: Sebastian Mayer

Best of 2017: Keine Wahrheiten sind weniger Lüge als die des Londoner Profi-Slackers King Krule – einer der SPEX-Artikel des Jahres aus No. 377.

Niemand klaut geiler als Archy Marshall. Als King Krule und das Internet weiß, wer noch alles, hat der Londoner in einem Septakkord und dem immer gleichen Binnenreim schon mit Anfang 20 die letzten 60 Jahre Musikgeschichte versampelt. Jetzt fragt er sich: Was soll denn da noch kommen? Die Antwort lautet: nichts. Das zweite King-Krule-Album The Ooz croont zärtlich von Nihilismus und Sprachlosigkeit.

Vom Warten auf seinen Earl Grey und das Ende der Menschheit abgesehen gibt es noch zwei Dinge, die Archy Ivan Marshall richtig fertigmachen: Schlaf und gutes Wetter. Von beidem hat er heute zu viel. „Es geht ununterbrochen weiter: Erfahrung um Erfahrung um Erfahrung und dann irgendwann: Crash“, scheitert er am Versuch eines Einstiegssatzes und macht stattdessen eine schlaffe Handgeste, die sich wenig später als erfolgreiche Dienstanweisung herausstellt. Wie jeder Profi-Slacker hatte Marshall es in den 45 Minuten, die er auf sich warten ließ, zwar geschafft, drei Lagen Mustermix (den Schal nicht mitgezählt) überzuwerfen und eine Packung Kippen auf vier Taschen zu verteilen. Nicht aber, den versilberten Frontzahn zu putzen und seine ähnlich ramponierte Sonnenbrille einzupacken. Mit der Geste kommt die Brille und mit der Dunkelheit das Vokabular: „Die Worte fließen besser, wenn ich die Augen schließe“, sagt er und lässt laufen. „Ständig habe ich das Gefühl, ich müsste jetzt wirklich mal pennen. Letzte Nacht zum Beispiel wurde ich in diese gigantische Suite gesteckt und dachte: Hier kannst du relaxen, heute einfach mal nicht rausgehen, Mann. Am Ende stand ich bis fünf Uhr morgens mit irgendeinem Musiker auf der Straße. Warum zur Hölle tue ich mir das immer wieder an?“

Natürlich kennt Marshall die Antwort, wie jeder, der auch nur einen Song, ein Bild, ein Gedicht von ihm kennt. Sie ist genauso einfach wie unbefriedigend. Weshalb er nicht aufhört, die zugrunde liegende Frage immer wieder zu stellen und lediglich Rhythmus und Absender zu ändern: Pimp Shrimp fragt im Vierviertel, Edgar The Beatmaker fragt on-beat, DJ JD Sports fragt neben dem Takt und Hypnodisc sowieso in gar keinem. An der Antwort hat sich in den neun Jahren, seit Marshall alias Zoo Kid die Wasted-youth-Hymne „Out Getting Ribs“ geschrieben hat, auch nur die Formulierung geändert. Das „I can’t escape my own escape“ von damals lautet auf The Ooz, Marshalls zweitem Album als King Krule und seinem ersten als „Ich bin kein Jazzmusiker“-Jazzmusiker: „We all have our evils / Wish I was equal“. Im Klartext: Dieser Junge kann nicht anders.

Was für Menschen mit Puls und Farbe im Gesicht das absolute Grundbedürfnis ist, bedeutet für Marshall schon viel zu viel des Guten. „Fünf Stunden am Stück? So viel habe ich sonst in einer Woche nicht“, meint man ihn noch sagen zu hören, bevor er den Rest des Monologs (und einen Zahn?) in die Teetasse spuckt. Als seine spröden Lippen wieder auftauchen und irgendwas von „wir alle wissen, ich bevorzuge das Gegenteil“ murmeln, geht es längst nicht mehr um die Überdosis Schlaf in der letzten Nacht, sondern um die Herausforderungen, vor die ihn dieser scheißperfekte Herbsttag stellt. „Grau ist mein Blau“, sagt er und meint: Der Berliner Himmel ist zu schön, um über Dystopien nachzudenken. Vielleicht ein Grund, warum Marshall nach wie vor in London lebt.

Das Blöde an der Wahrheit über Archy Marshall ist: Sie ist keine Lüge. Niemand musste sich jemals ernsthaft Mühe geben, eine Story über ihn zu erfinden. Sein Leben und sein Bariton haben sie einfach mitgeliefert, und als Kind von DSL und WLAN hat er selbstverständlich dafür gesorgt, dass man sie auf jeder einzelnen Seite des Internets nachblättern kann. Dass die Sache mit dem Popstarwerden sich im ersten Anlauf dennoch schwierig gestaltete, hat also einen simplen Grund: Archy Marshall ist kein Spekulationsobjekt. Alles, was man aus Texten von und über ihn zu wissen meint, stimmt. Er atmet weed und pure honesty, es gibt kein „lyrisches“ vor dem Ich, und falls doch, hat Marshall es dort ehrlich hingedichtet. Natürlich gibt es trotzdem einen Cliffhanger an der Wahrheit über Archy Marshall: Sie ist erst der Anfang der Geschichte.

„Wenn man es schafft, ein komplexes Gefühl auf einen Satz herunterzubrechen, schießt man sich als Autor selbst ins Knie.“

Weil er dermaßen früh damit begonnen hatte, sein eigenes Klischee zu werden, war Marshall schon bald so gelangweilt von sich selbst, dass er entweder sterben oder sich neu erfinden musste. Im Alter von acht wusste er bereits alles über sich und kreierte deswegen eine Version seiner selbst, die nichts über ihn, aber alles über Gentrifizierung, Klebstoff und Billy Bragg wusste. Er nannte sie Zoo Kid und ließ sie fortan in genialen Binnenreimen und großen Septakkorden verarbeiten, was mit Marshall in den kommenden neun Jahren im Dunstkreis der Bohème-Haushalte seiner Kostüme schneidernden Mutter in East Dulwich und seines Bühnenbilder bauenden Vaters in Peckham passierte: linke Theorie, Kontrollverlust und Oliver Twist. Weil beide Elternteile viel Zeit aufs Trinken verwandten (sie in Gesellschaft von Partygästen, er in Gesellschaft seiner Gitarre), ernährten sich Archy und sein älterer Bruder Jack überwiegend von Tiefkühlessen, Gras und dem Geistesfutter Fela Kutis und Sun Ras. „Meine größte Sehnsucht war es immer, zu leben und zu arbeiten wie er und seine Gefährten“, sagt Marshall heute. „Diese fluide Gemeinschaft zu kreieren, einen Ort des kreativen Austauschs, der für alle offen steht.“

Es mag nicht verwundern, dass Marshalls Vorstellungen von freier Bildung mit denen des rigiden britischen Schulsystems kollidierten. Dass die Forest Hill School, von der er gekickt wurde, ihn heute als einen der „Notable people educated at …“ listet, eigentlich auch nicht. Damals war Marshall 13 und seine Stimme schon größer als sein Körper. Als seine Versuche, nachts Züge mit Farbe und tagsüber Mitschüler mit Achtspurkassetten und selbst gestalteten Inlay-Stickern zu bombardieren, ihn in eine Einrichtung für Problemkinder und seine Eltern beinah in den Knast brachten, nutzte Marshalls Vater die Gelegenheit, um als Privatdozent für Selbstdarstellung zu brillieren und als Dad endgültig zu verkacken. „Seine Texte waren schon immer unglaublich, aber ich habe ihn nie als Konkurrenten gesehen. Ich wollte um Himmels Willen niemals werden wie er“, erinnert sich Marshall, als er von seinem Song „Half Man Half Shark“ erzählt, der eigentlich das Plagiat eines Songs seines Vaters ist. Und dann erinnert er sich auch, warum: „Wenn er gesoffen hatte, ist er zum zügellosen Performer mutiert. Ständig musste er sich aufbauen und den Leuten ins Gesicht schreien: Das hier ist meine Show!“ Am Ende hatte Marshall in ein paar Nächten zu Hause also mehr übers Popstarsein gelernt als in den drei folgenden Jahren auf der Brit School. Er beschloss, depressiv zu werden, und wechselte in die Kunstklasse.

Foto: Sebastian Mayer

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