Kettcar „Ich vs. Wir“ / Review

Zu nationalelfkabinenkompatiblem Uptemporock lotet Marcus Wiebusch mit angestrengt dreitagebärtiger Weariness-Stimme bundesrepublikanische Linksmainstream-Befindlichkeiten aus.

Als Bertolt Brecht Ende der Zwanzigerjahre sein episches Theater entwickelte, hatte er keine Ahnung, welchen Schaden er damit im deutschen Pop anrichten würde. Indem er sich von der Wirkungsästhetik des aristotelischen Theaters abwandte und die Bühne zur pädagogischen Lehranstalt umfunktionierte, diskreditierte er den Rausch als systemstabilisierendes Betäubungsmittel, das Klassendifferenzen zementieren helfe. Nicht nur durch die Prolongierung dieses Kunstbegriffs, sondern auch durch das romantische Erbe mit seiner Kultur gegen Zivilisation ausspielenden Innerlichkeitsbesessenheit entwickelte sich in Tateinheit mit postgenozidalem Selbsthass ein problematisches Verhältnis des Deutschen zum schönen Schein und den Ekstasen der Immanenz.

Next exit Kirchentag.

Für den armen Pop, der immer lieber ein lautes Ja als ein öder Entnazifizierungswaschsalon sein mag, hieß das: Diskurs statt Disco, Hinterfragen statt Abfahrt, Suhrkamp-TB statt Tanz, tiefenorientiertes Geleide statt oberflächenumarmende Feier des Jetzt. Das traurige Resultat lässt sich auch auf dem fünften Album der Hamburger Band Kettcar ausmachen. Zu nationalelfkabinenkompatiblem Uptemporock, der die Essenz des Indieslackertums bis zur Autoradiotauglichkeit verwässert, lotet Marcus Wiebusch mit angestrengt dreitagebärtiger Weariness-Stimme bundesrepublikanische Linksmainstream-Befindlichkeiten aus.

So etwa in „Wagenburg“ beim Pegidistendissing, das abermals vor den totalitären Gefahren eines Untergangs des Einzelnen in der politisierten Masse warnt. Wohlfeiles Singen im Chor der über die „besorgten Bürger“ besorgten Dachspatzen gibt sich hier als nonkonformistisches Selberdenken aus. Mehr Menschlichkeit wagt auch die Flüchtlingshelfer-Single „Sommer ’89“, die die Auflehnung des aus einem existenziell-moralischen Imperativ handelnden Einzelnen gegen die bedenkenträgerische ingroup feiert. Next exit Kirchentag. Thees Uhlmann postete als Gänsehautmomentbeweis seine aufgestellte Unterarmbehaarung. Mein Haar sträubt sich, weil dieser humanitätsduselnde Betroffenheitspop so gut gemeint wie ästhetisch unerträglich, so sexy wie eine DGB-Trillerpfeifendemo und so revolutionär wie ein „Refugees welcome“-Aufkleber an der Tür zur durchsanierten Altbauwohnung ist.

14 KOMMENTARE

  1. Das ist keine Albumkritik. Du bist verliebt in deine Wortschöpfungen und die sind bei linkspop natürlich leichter zu kreieren, wenn man, ohne auf die Intention einzugehen, einfach die schon ewig umhersäuselnden immerselben Argumente einmal durch den Kritikerlingus jagt. Arme spex…Danke MWibu

  2. Also Brecht als Ursache allen Übels darzustellen halte ich für lächerlich. Politische und gesellschaftskritische Literatur hat es schon immer gegeben: Shakespeare, Moliere, Goethe, Schiller, Heine, Döblin.. die Liste ist lang. Außerdem glaube ich nicht, dass Brechts Einfluss auf die Pop- und Rockmusik so groß war. Kenne zumindest keine Band, die sich auf ihn beruft. Sie fänden es also besser, wenn sich Künstler nicht zu gesellschaftlichen Themen äußern. D.h sie mögen auch keine Bands wie Nirvana, Rage against the machine, Pink Floyd, und Bob Dylan ist also auch scheiße. Und was zur Hölle sollen so Begriffe wie Entnazifizierungswaschsalon, Pegidadissing. Auf welcher Seite sie stehen ist da sehr schwer zu erkennen.

  3. Diese Rezension hat anscheinend eins der zynischen Wracks geschrieben, von denen Marcus Wiebusch in Den Revolver entsichern singt. :)

  4. Je länger die zusammengewürfelten Worte und Phrasen und je pseudo geschwollener die verschachtelten Sätze, desto schlauer finden mich meine Leser?

  5. Ist ja schön, dass Herr Hübener seine Germanistik- und Philosophie-Seminare nicht vollends verkatert nach Vollsuff verschlafen hat. Nur blöd, dass dann so ein erzreaktionärer Unsinn dabei rauskommt.

  6. Mit Schulz und Böhmermann als Gegner… ist dies der Sargnagel für das Magazin. „Spex“ bei Google eingegeben.. und schon wird „Kettcar“ vorgeschlagen :D. Im Ernst: Ich kann zwar erahnen, was der Autor meint und den Inhalt auch einigermaßen nachvollziehen. Dennoch liest sich das ganze, als ob er der Welt zeigen müsse, was er im Rahmen seines Theater-, Film- und Fernsehwissenschaft-Studium gelernt hat… Ein Tick zu viel.

  7. … er hätte auch einfach schreiben können „Das Album ist scheiße“. Dieser „Justus“ ey… hausiert hier mit seinem kompletten Wictionary-Repertoire und versucht einen mutwillig eloquenten, jedoch ignoranten Veriss eines eigentlich ganz gut gewordenen deutschsprachigen Albums. Von dem haarsträubenden Vergleich mit Brecht ganz zu schweigen.
    Ich bleibe mal ehrlich und sage es direkt: „Diese Kritik ist scheiße“.

  8. Man darf die Musik Kettcars für zu pathetisch und zu radiotauglich halten. Man kann Wiebuschs Texte kitschig und mainstreamig finden. Unterschiedliche Meinungen muss selbst der härteste Fan aushalten, Geschmäcker sind verschieden. Aber mal ehrlich: Wenn Popkritiken zu geisteswissenschaftlichen Abhandlungen mutieren und Formulierungen aus der tiefsten Hölle einer Magisterarbeit in Soziologie ausgekramt werden, macht sich der Autor lächerlich und man fragt sich, wer solch geschwurbeltes Egoaufgepluster ernstnehmen soll…

  9. Absolut zutreffende Kritik. Vielen Dank dafür. Liest man die Kommentare der anderen Floristen, wird schnell klar, dass sie die auf das Album bezogene berechtigte Kritik am brechtschen Theater nicht verstehen.

    Ich hoffe weitere Artikel auf diesem Niveau lesen zu dürfen.

  10. Haha. Lange nicht so einen Blödsinn gelesen. Selbstverliebtheit als Kritik getarnt. Oder mio Egozentrik im unimusikalischen Lokus ist die Geilste. Oder so ähnlich. Prust…

  11. Der BlaBlaMeter sagt:

    Bullshit-Index :0.52

    Ihr Text signalisiert deutlich: Sie wollen etwas verkaufen oder jemanden tief beeindrucken. Es wirkt unwahrscheinlich, dass damit auch eine klare Aussage verbunden ist – und wenn ja: wer soll das verstehen?

    Dem ist nix hinzuzufügen…

  12. DGB, Brecht, „refugees welcome“, Albauwohnungen und Kirchentag. Sicher, dass das die richtigen Feindbilder sind, liebe Spex? Oder seid ihr irgendwo am Kunstpol verloren. Auch sexy oder nicht sexy scheinen mir nicht die einzige gültige Differenz für Pop. Seltsam erregte Reaktion auf ein Album, dass ich mir dann in der Stadtbibliothek ausgeliehen haben und Brecht immer noch suche!

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