Jeremy Jay
Splash
Text: Thomas Hübener, Lukas Dubro
Auf die Frage »Mann oder Maus?« würde Jeremy Jay wohl mit einem deutlichen »Maus« antworten. Denn als Wimp und coole Sau in Personalunion schätzt der Kalifornier mit frankoprovenzalischen Wurzeln das großspurige Understatement. Der Junge, der aussieht wie der Teenager, auf dessen Opferrolle sich alle einigen können, veröffentlicht jetzt sein drittes, unverschämt kurzes und unverschämt gutes Album.

Ja, ist denn schon wieder Jakob Dylan? Sowohl bei diesem als auch bei Bernadette La Hengst, Knarf Rellöm und Guz von den Aeronauten, die sich zu dritt neuerdings Die Zukunft nennen, hören wir Westerngitarren und die sonore Stimme eines Cowboys, oft begleitet von weiblichem Harmoniegesang. Zwar liegen Lichtjahre zwischen den beiden Entwürfen, aber in beiden Fällen wird das Gefühl unendlicher Weiten verbreitet, die keinen Sonnenuntergang benötigen, um uns mit selbstgenügsamer Entspannung zu benetzen.
Kunden, die Platten von Luke Haines kauften, kauften auch Bücher von Stewart Home, Guy Debord, Andy Warhol, Julie Burchill, Tracey Emin, Georges Bataille, Sadie Plant, Thomas Pynchon, Mishima Yukio, Louis-Ferdinand Céline, Pier Paolo Pasolini, John Milton, Bret Easton Ellis und Musik von Black Box Recorder, The Auteurs, Baader Meinhof, Serge Gainsbourg, The Kinks, The Divine Comedy, Sparks, Neu!, Denim, The Passage, The Virgin Prunes, Patrik Fitzgerald, Moondog, Jacques Brel, Josef K, Marquis de Sade, Bill Pritchard, Brian Eno und Roxy Music. Und für den Satz »Life is unfair / Kill yourself or get over it«, der 1998 erwartbar zum Radio- und MTV-Boykott der Black-Box-Recorder-Single »Child Psychology« führte, könnten sie den Selbstsaboteur und diplomierten Sarkasten Haines noch heute herzen.
Mechanisches Rattern, Piepen, atmosphärisches Filter-Rauschen. Die Grillen zirpen als der moogeske Lead-Synth und kurz danach der treibende Arpeggiator einsetzen und Mr. Watermark verkündet: »You are listening to James Holden, ›DJ-Kicks‹, coming late May on !K7 Records«. Musikalische Assoziation: »Shine On You Crazy Diamond« von Pink Floyd, während ein erstes technoides 808-Drum-Pattern mit Low-Pass-Filter reingeschraubt wird, nach wenigen Takten von housigen Sampling-Drums abgelöst. Jetzt, der CD-Track-Marker zeigt schon Track 2 an, schwindet der Lead-Synth und öffnet den Klangraum für ein weirdes Vocalsample, einen einzelnen harten Gitarrrenakkord, der das fortlaufende, harmonisch eher dunkle, mit kurzem Delay versehene Arpeggiogedudel für einige Takte unterbricht, um schließlich in den neu beginnenden Arpeggiogroove als Element integriert zu werden. Doch nur für kurze Zeit.
Nach seinem großartig anmaßenden Anti-Sampling-Manifest P.C.C.O.M. (Personal Contract for the Composition of Music), mit dem sich Matthew Herbert 2005 fast so viele Freunde und Feinde machte wie zehn Jahre zuvor Lars von Trier mit seinem ›Dogma‹, versiegte der Strom relevanter Veröffentlichungen von Matthew Herbert abrupt. Schlimmer noch: Im Unterschied zu den Dogma-Filmen, die mit der Zeit immer bahnbrechender ausfielen, legte Herbert mit seinen unsäglichen Big-Band-Platten schreckliche Plagiate großer Swing-Aufnahmen vor. Auf »One One« nun gibt er den Brit-Barden. Zurückgezogen und ganz allein in seinem Studio will Herbert »One One« aufgenommen haben. Möglicherweise hat er sich für seinen fast parallel erscheinenden Beitrags zur »
Sie haben immer noch den wunderbar zerbrechlichen Billie-Holiday-Blues und reihen Soulperlen zu funkelnden Ketten, aber diese werden nicht mehr vom Fön begleitet oder einem defekten Anrufbeantworter anvertraut. Konnte auf den ersten Platten CocoRosies noch der Eindruck entstehen, hier wolle jemand besonders neurotisch auffallen, so steht spätestens mit diesem vierten Album fest: Die sind so, die wissen, was sie tun, und sie tun es mit unglaublicher Passion.
Ein Album »Chicago« zu betiteln, zeugt angesichts der starken Chiffre, für welche die Stadt im Clubkontext steht, von Selbst- und Geschichtsbewusstsein. Zugleich ist klar, dass kein Retro-House zu erwarten ist, wenn Efdemin alias Phillip Sollmann derartig vorprescht. Zu vielschichtig klangen bis dato die Tracks des House- und Techno-Produzenten, der an der Wiener Universität für Musik und Darstellende Kunst Computermusik studierte. Mit Stücken wie »Bergwein« und »Acid Bells« reüssierte Sollmann 2006 zur Zeit der Renaissance von Afterhour-Kultur und Glücksbringer-Tunes. ›Verstrahlt‹ lautete das Schlüsselwort jener Tage, und auch auf »Chicago« klingt Efdemin wieder, als hätte er in seinem Leben bereits MDMA in ausreichenden Mengen eingenommen.

Eine sich Takt um Takt emporschraubende Basslinie, ein Grundrauschen aus Perkussion, dazu jaulende Lap-Steel-Gitarren – Heaven And steigen gleich mit dem ersten, siebenminütigen Track »Babylon« auf höchstem Energie-Niveau ein und halten dieses über die sechs Stücke und 46 Minuten ihres rein instrumentalen Albums. Die beiden Schlagzeuger Tony Buck und Steve Heather spielen traumwandlerisch zusammen, dabei unterläuft ihnen keinen Beat zuviel. Zeitblom am Bass und Gitarrist Martin Siewert ergänzen die beiden zu Heaven And.
Mark E. Smith altert zwar schneller, als einem lieb ist – er sieht aus, als sei er ein 62-jähriger Alkoholiker, dabei ist er erst 52 –, aber seine Veröffentlichungen sind in letzter Zeit von radikaler Qualität. Sein neues Album »Your Future Our Clutter« reiht sich bruchlos ein in die alle Konventionen hinter sich lassenden, kryptisch betitelten letzten zwei Alben »Reformation Post TLC« und »Imperial Wax Solvent«. Neun Songs finden sich auf dem neuen Werk, und ihre Gemeinsamkeit ist: Smith löst den Song auf, er sprechsingt unverständlich, er zerstört Strukturen. Das neue Album kann man nun auch in Gänze im Stream hören.





