John Paul Jones

John Paul Jones
TEXT: Torsten Groß   MUSIKAUSWAHL: Max Link & Torsten Groß   FOTO: Dustin Rabin

Die Tatsache, dass John Paul Jones zwölf Jahre in der größten Band der 70er-Jahre gespielt hat, vernebelt bisweilen die in jeglicher Hinsicht reichhaltige Vita des Mannes, der auf jeder zweiten Aufnahme aus den 60ern zu hören sein dürfte, die Sie im Regal stehen haben. Ein erfülltes musikalisches Leben – und die Basis dieses Vorspiels.

The Shadows
»Blue Star«
vom Album The Shadows — 1961

Nachdem Tony Meehan und Jet Harris die Shadows verlassen hatten, engagierten die beiden Sie für ein gemeinsames Nachfolgeprojekt. Sie waren damals 17 Jahre alt. War das Ihr Einstieg in eine Karriere als professioneller Musiker?
Das war meine erste große Band, aber professioneller Musiker war ich bereits, seit ich 16 Jahre alt war. Wir spielten etwa ein Jahr zusammen, danach haben sie die Band auch schon wieder aufgelöst.

Die Shadows waren aus einem weiteren Grund wichtig: Der Shadows-Schlagzeuger Tony Meehan verschaffte Ihnen einen Vertrag als Sessionmusiker für Decca Records, die Grundlage für Ihre vielen Engagements in den folgenden Jahren.
Damit ging der ganze Wahnsinn los!

The Rolling Stones
»Ruby Tuesday«
von der gleichnamigen Single — 1967

Sie haben die Streicher dieses Songs arrangiert. Wie war es zu dieser Zeit, mit den Stones zu arbeiten?
Ja, mit 18 wurde ich plötzlich auch noch zum Arrangeur. (lacht) 1964 muss das gewesen sein … Ich erinnere mich, wahnsinnig lange gewartet zu haben, bevor auch nur ein Meeting mit ihnen zustande kam. Und wir reden hier nicht über Stunden, sondern über Tage. Ich war zu der Zeit musikalischer Direktor von Andrew Oldham, der die Stones gemanagt hat. Wir haben eine Menge Sachen gemeinsam gemacht, die Stones waren ein Auftrag von vielen. »Ruby Tuesday« war schon fertig, als ich dazu kam, Nicky Hopkins hatte das Klavier eingespielt. Ich hab dann lediglich die Streicher drüber gelegt. Ich weiß gerade gar nicht, ob ich danach noch mal mit ihnen gearbeitet habe.

Das dürfte Ihnen nicht nur in diesem Fall so gehen. In Ihrer aktiven Zeit als Studiomusiker haben Sie Aberhunderte Songs eingespielt, Ihr Name ist auf jeder zweiten relevanten Produktion britischer Provenienz der Jahre 1964 bis 1969 zu finden.
Es waren in der Tat unzählbar viele. Es kam damals häufig vor, dass man gar nicht wusste, für wen man gerade etwas einspielte, man hat es einfach nur getan, wie am Fließband.

Kommt es bisweilen vor, dass Sie in Cafés oder Bars sitzen und eine Aufnahme hören, auf der Sie Ihre Handschrift erkennen?
Oh ja, das passiert immer noch andauernd. Ich höre den Bass und erkenne, dass ich mitgespielt habe. Kürzlich lief eine Radiosendung mit dem Titel »Die Hits von 1967« – und ich war bei jeder Aufnahme nichtamerikanischen Ursprungs beteiligt. (lacht)

Dusty Springfield
»I Can’t Give Back The Love I Feel for You«
vom Album Dusty … Definitely — 1968

Das war eine ganz besondere Session und eine der wenigen, an die ich mich richtig gut erinnere. Dusty war eine wunderbare Sängerin, eine tolle Frau. Die Beats für dieses Album waren alle im Stax- und Motown-Style, ich hab einfach die Akkorde bekommen und konnte drauflos improvisieren, das hat Spaß gemacht. So war es längst nicht immer …

Gab es bei diesen Sessions generell Zeit, sich vorzubereiten?
Niemals. Man kam ins Studio, bekam die Noten und spielte das Zeug in einem Take ein, mehr Zeit war meistens nicht.

Wie viel haben Sie damals verdient?
Anfangs gab es sieben Pfund für drei Stunden, später neun und am Ende zwölf. Wenn man sieben Tage die Woche zwei bis drei Sessions am Tag spielte, kam man gut über die Runden. Nebenbei habe ich noch etwa 20 bis 30 Arrangements im Monat geschrieben, viel Zeit zum Geld ausgeben blieb also ohnehin nicht.

John Paul Jones
»Baja«
von der gleichnamigen Single — 1964

Ihre erste Solo-Aufnahme, ein Instrumental …
Ein großer Moment in meiner Karriere, ich glaube, wir haben 60 Platten verkauft. (lacht) Das war ungefähr zu der Zeit, als die Beatles groß rauskamen. Von diesem Moment an hatte keiner mehr ein Interesse an Instrumentals, alle wollten nur noch Songs. Kein günstiger Zeitpunkt für mich.

The Yardbirds
»White Summer«
vom Album Little Games — 1967

Jimmy Page hat den Song komponiert und spielt natürlich Gitarre. In den Studiojahren sind Sie einander immer wieder begegnet, er dürfte auf ebenso vielen Aufnahmen zu hören gewesen sein wie Sie – waren Sie bereits zu dieser Zeit befreundet?
Wir spielten ständig zusammen, ich war bei all diesen Sessions der Jüngste, er im Allgemeinen der Zweitjüngste. Jimmy und ich waren also die young guns zwischen all diesen alten Hasen. Das und unsere große Neugierde, die Leidenschaft und Liebe zur Musik, hat uns verbunden. Die Yardbirds waren ja praktisch die britische Gitarristenschule. Clapton, Page, Jeff Beck, alle waren dort – großartig!

Für eine Weile bildeten Page und Sie danach den Kern der New Yardbirds, aus denen wiederum Led Zeppelin hervorgingen.
Das wird immer gesagt, aber eigentlich hießen wir von Anfang an Led Zeppelin. Wir hatten aber noch einige alte Tourverpflichtungen der Yardbirds zu erfüllen, und man wollte uns natürlich nicht unter anderem Namen spielen lassen. Deshalb waren wir dann eben einige Wochen lang die New Yardbirds.

Stimmt es, dass Sie zuvor zu Jimmy Page gesagt hatten, dass Sie auf jeden Fall bei seinem nächsten Projekt mitmachen wollten, egal, was es sei?
Nicht ganz. Tatsächlich gab es einen Artikel im Disc Magazine, in dem stand, dass Page die Yardbirds verlassen habe und eine neue Band gründen wolle. Meine Frau kam mit dem Artikel an und meinte, ich solle Jimmy unbedingt anrufen. Weil sie merkte, dass die Arbeit als Studiomusiker mich immer mehr ausbrannte. Ich wollte zunächst nicht, weil ich noch so viele offene Jobs hatte. Aber sie war hartnäckig und schließlich rief ich ihn an: »Hey Jimmy, brauchst du einen Bassisten?« Darauf er: »Klar, sehr gerne. Ich fahre hoch in den Norden und sehe mir einen Sänger und einen Schlagzeuger an, ich ruf dich wieder an, wenn ich zurück bin.« Einige Tage später hatte ich ihn völlig aufgekratzt am Telefon: »Der Sänger ist unglaublich und den Schlagzeuger werden wir bezahlen müssen, damit er mit uns spielt. Aber jeder Penny wird sich lohnen, dieser Typ ist unfassbar.«

Led Zeppelin
»Kashmir«
vom Album Physical Graffiti — 1975

Ein späterer Zeppelin-Song, also ein kleiner Zeitsprung. Aber ein Song, der Ihren Beitrag zur Musik dieser Band verdeutlicht. Ihr Geschick mit Arrangements und die musikalische Offenheit, die Sie nicht nur in diesem Fall veranlasste, mittelöstliche Harmonien und im Rock-Kontext exotische Instrumente wie ein Mellotron einzubauen …
Jimmy und ich waren generell sehr an arabischen und mittelöstlichen Tonleitern interessiert. Als ich noch ganz jung war, in den 50er-Jahren, hörte ich nordafrikanische Radiosender über die Kurzwelle. Wir lebten in einem Haus mit Flachdach und hatten eine ziemlich gute Antenne, ich konnte türkische und sogar afrikanische Radiosender empfangen. Und natürlich die amerikanischen Sachen über Radio Luxemburg aus Deutschland. Das alles hat mich sehr beeinflusst.

Spinal Tap
»Hell Hole«
vom Album This Is Spinal Tap — 1984

Led Zeppelin waren zusammen mit einigen anderen die Urheber all jener Rockstar-Klischees, die in Spinal Tap auf die Schippe genommen wurden …
Das stimmt nicht, daran waren Saxon schuld! (lacht)

Meinetwegen auch Saxon. Trotzdem: Sie waren die erste Band mit einem Privatjet und haben auch sonst wenig ausgelassen. Nun gelten Sie im Vergleich zu Ihren Bandkollegen als bodenständiger Typ. Wie ging es Ihnen mit all diesen Dingen?
Mit einem Privatjet zu reisen, ist jedenfalls großartig, das kann ich Ihnen versichern. (lacht) Zumal ich die USA zuvor einige Male mit dem Auto beackert hatte, was alles andere als ein Vergnügen ist. Aber Mann, natürlich gab es eine Menge Dinge, die nichts mehr mit der Musik zu tun hatten. Das ständige Leben in Hotels, die Hysterie der Fans … Aber ich hatte Glück, weil mich bis heute kein Mensch erkennt. Während Robert und Jimmy Autogramme gaben und sich vor schreienden Fanhorden versteckten, hab ich kurz mein Hotelzimmer gecheckt und mir danach die Stadt angesehen. Ich war stets viel alleine unterwegs, wenn wir auf Tour waren. Dafür bin ich sehr dankbar, so habe ich die Welt kennengelernt.

R.E.M.
»Nightswimming«
vom Album Automatic For The People — 1992

Ein Zeitsprung. Wie bereits 30 Jahre vorher für die Rolling Stones haben Sie auch bei diesem Stück die Streicher arrangiert.
Michael Stipe schickte mir eine Anfrage, es gäbe vier Songs, für die sie gerne Streicherarrangements von mir hätten. Also flog ich nach Athens und wir nahmen mit dem Atlanta Symphony Orchestra auf. R.E.M. sind gute Typen, das hat Spaß gemacht.

Diamanda Galas
»Do You Take This Man«
vom Album The Sporting Life — 1994

Eine schöne Produzentenarbeit! Aber davor kam noch so viel anderes. Zum Beispiel die Butthole Surfers. Ich war einen Monat in Austin, dort bereiteten wir alles vor und nahmen dann in Kalifornien Independent Worm Saloon auf, eine großartige Platte, Paul Leary ist ein Genie!

Sie haben generell mit vielen Post-Punk- Bands gearbeitet. Mit Musikern also, deren Generation Ihre Band Led Zeppelin zum Feindbild erkoren hatte. Wurde dieser Aspekt jemals thematisiert?
The Mission schenkten mir ein T-Shirt mit der Aufschrift »The Gothfather«. (lacht) Ach Gott, diese Diskussionen. Letztlich war ihre Gitarrenarbeit genauso von Blues und frühem Rock’n’Roll inspiriert wie unsere, selbst bei den Pistols war das so. Ich war da ja generell immer offen, zur gleichen Zeit habe ich zum Beispiel auch sehr viel an klassischer Musik gearbeitet. All diese Stile stehen bei mir gleich berechtigt nebeneinander, der Rest ist Ihr Job, Herr Musikkritiker. (lacht)

Trent Reznor & Karen O
»Immigrant Song«
vom Soundtrack-Album The Girl With The Dragon Tattoo — 2011

Wunderbar! Ich weiß, dass das eine Menge Leute hassen, aber ich finde die Version toll. (lacht)

Haben Sie generell ein favorisiertes Zeppelin-Cover?
Darüber hab ich noch nie nachgedacht, aber dieses hier ist ziemlich gut. Vor allem gibt es reihenweise Coverversionen von Hardrock- und Metal-Bands.

Sind Sie grundsätzlich der Meinung, dass die Verortung von Led Zeppelin in diesem Bereich ein großes Missverständnis war oder zumindest zu kurz greift?
Letzteres auf jeden Fall, wir waren niemals eine Metal-Band. Als wir anfingen, dachten wir noch, wir könnten vielleicht eine Prog-Rock-Band sein. Aber dann hat Progressive sich in eine etwas andere Richtung entwickelt und wir merkten, okay, das geht dann wohl eher nicht. (lacht) Manchmal waren wir eine Folkband, manchmal eine Rockband, dann wieder eine Bluesband. Das war das Besondere an uns, dass man uns nicht wirklich einordnen konnte.

Them Crooked Vultures
»Elephants«
vom Album Them Crooked Vultures — 2009

(hört lange hin, schüttelt dann den Kopf) Keine Ahnung, was das sein könnte …

Das sind Them Crooked Vultures, Ihre gemeinsame Band mit Dave Grohl und Josh Homme!
Oops, sorry, guys! (lacht) Unfassbar, das ist mir jetzt peinlich. Aber mein Gott, so viele Jahre, so viele Platten …

War Dave Grohl der Schlagzeuger mit dem härtesten Punch seit John Bonham?
Zumindest ist er definitiv der lauteste, mit dem ich gearbeitet habe. (lacht) Die Vultures-Tour war die entspannteste, an der ich je teilgenommen hatte. Eine wunderbare Zeit und ein großer Spaß. Wir wollen das unbedingt noch mal machen. Zurzeit arbeite ich allerdings an einer klassischen Oper, einer Interpretation eines Werks von August Strindberg.

Wann wird das aufgeführt?
Wir sehen uns gerade nach einem geeigneten Haus um, es gibt jede Menge Interessenten. Aber ich mache auch noch so viele andere Sachen … Grundsätzlich spiele ich mit jedem, der interessant ist – solange ich vorher nicht proben muss.

ANM   Die Playlist des aktuellen Vorspiels mit Bryan Ferry aus SPEX N°343 findet sich hier und auf der SPEX-Seite beim Musikstreamingdienst WiMP – nebst weiterer Vorspiel- und anderer Musiklisten.

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