John Darnielle „Rekorder“ / Review

The Mountain Goats‚ John Darnielle hat einen stoischen Anti-Welterklärer-Roman geschrieben. Rekorder erscheint in der Übersetzung von Tobias Schnettler heute bei Eichborn.

Das Problem mit der Geschichte von John Darnielles Rekorder ist, dass niemand sie erzählen will. Die Figuren sträuben sich mehrheitlich dagegen, in die Sache hineingezogen zu werden, sie sind zu ängstlich, zu faul oder anderweitig interessiert. Small town America, das zeigt sich im zweiten Roman des Songwriters der ewigen Kultband The Mountain Goats, hat kein allzu großes Herz für Tratsch und Abenteuer. Aber auch der Erzähler von Rekorder, eigentlich ausgestattet mit allen auktorialen Freiheiten, kommt nicht aus dem Quark. Immer wieder schiebt er die Enthüllung wichtiger Informationen vor sich her, weist stattdessen auf mögliche andere Versionen seiner Geschichte hin und wischt diese schon wieder vom Tisch, bevor sie sich entfalten können. Was für ein Sackgesicht.

Worum geht es also? Um die Entdeckung von merkwürdigem Filmmaterial, das eine unbekannte Person (oder mehrere) Ende der Neunzigerjahre scheinbar willkürlich über das Sortiment einer Videothek in der Kleinstadt Nevada, Iowa verteilt hat. Selbst was auf diesen Videos zu sehen ist, verrät Rekorder nur zögerlich: Irgendwann zeichnet sich das Bild einer Frau (oder mehrerer) ab, die offenbar in einer Scheune festgehalten und misshandelt wird. Der Video-Clerk Jeremy möchte mit der Angelegenheit nichts zu tun haben, schafft es aber nicht, sein Unterbewusstsein auf Gleichmut einzuschwören.

Im Verlauf des Romans enthüllt Rekorder schließlich eine weitere Gemeinsamkeit seines Personals neben der mangelnden Neugierde: Es ist vom Leben gezeichnet, durch romantische, religiöse oder schicksalhafte Enttäuschungen traumatisiert. Plötzlich erscheint die allgemeine Verschlossenheit nicht mehr wie ein nerviger Autorentrick – sondern taktvoll. Darnielle schwingt sich nicht auf zum großen Welterklärer, den andere literarische Vertreter der Baby-Boomer-Generation so gerne geben. Er löst nicht jedes Rätsel und führt nicht jeden Gedanken zu Ende, den sich Rekorder über die US-Provinz macht, über Söhne ohne Mutter, Ehemänner ohne Frau und den schmalen Grad zwischen spiritueller Erleuchtung und Verblendung. Er vertraut lieber auf die Vorstellungskraft seiner Leser.

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