Jean-Michel Jarre »Electronica 1 – The Time Machine« / Review

Wo Kraftwerk heute unantastbar im Museum spielen, verblasst Jarre im direkten Zusammenspiel mit der Schar seiner Epigonen fast.

Kollaborationen gelten nicht ohne Grund als problematischste Disziplin der Popmusik. Was im Jazz oder HipHop noch strukturell via Jam oder Battle zu nicht immer überzeugenden Ergebnissen führen muss, wird im Rock als sportliche Supergroup-Leistungsschau vollends verdächtig. Viel zu oft schwächen sich große Talente im Zusammenspiel gegenseitig, überlappen sich, statt sich zu ergänzen, und produzieren seltsam ziellose Dokumente, die nur noch Spuren der jeweiligen signature sounds aufweisen. Warum das Prinzip einer partnerschaftlichen Zusammenarbeit in der elektronischen Musik nie wirklich Fuß fassen konnte und dieses ach so offene Genre jenseits der üblichen Remix-Aufträge alles andere als empfänglich scheint für den Input von außen, beleuchtet ein aktuelles Beispiel.

Jean-Michel Jarre ist bislang eher als One-Man-Show denn als ausgesprochener Team-Player aufgefallen. Dass er jetzt als Pionier der elektronischen Musik noch mal groß gefeiert werden soll, liegt weniger an den Konzeptalben, die der Mann seit 40 Jahren im stillen Kämmerlein komponiert, sondern vielmehr an seiner Funktion als Guinness-Buch-geführter Erfinder der megalomanischen Open-Air-Bespaßung – vulgo: Rave –, womit der Popstar mit Hang zum Superlativ bevorzugt Pyramiden und postindustrielle Stadtkulissen beschallt. Wenn der 67-Jährige nun im Herbste seiner Karriere auf gleich zwei Alben die Zusammenarbeit mit Vorbildern (Pete Townshend), Zeitgenossen (Tangerine Dream, John Carpenter) und mehreren Generationen von Nachfolgern (Vince Clarke, Moby, Massive Attack, Air, M83) zelebriert, dann verlangt die Comeback-Maschinerie nach nicht weniger als nach einem »Gipfeltreffen der elektronischen Musikszene« und einer allgemeingültigen Übersicht der Entwicklung der elektronischen Musik der letzten 40 Jahre.

Die hat Jarre zwar maßgeblich an der Schwelle vom Psychedelic Rock zum Synthie-seligen Ambient-Sound mitgeprägt, doch sein selbstherrliches Schweigen angesichts der Techno- und House-Bewegung der frühen Neunzigerjahre hat eben auch die anhaltende Amnesie seinem Œuvre gegenüber erst eingeläutet. Wo Kraftwerk heute unantastbar im Museum spielen, verblasst Jarre im direkten Zusammenspiel mit der Schar seiner Epigonen fast und muss sich auf die portionierte Verschnörkelung seines Trademark-Geblubbers beschränken.

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