Janet Jackson »Unbreakable« / Review

So verständlich das Bedürfnis nach Einkehr ist – die Wegbereiterin heutiger weiblicher Popstars ist immerhin 49, und man mag sich gar nicht vorstellen, wie anstrengend »Rhythm Nation«-Danceroutinen in diesem Alter sein müssen.

Im Frühjahr tauchte eine Vermisstenanzeige im Netz auf: »Seriously Janet, where are you?« (Freundlicherweise nicht: »What have you done for me lately?«) Ihre Fans bettelten sieben Jahre nach Discipline um ein Comeback. Die Musikindustrie brauche sie dringend, den dreisten Popfrischlingen solle mal wieder gezeigt werden, wie es wirklich geht. Janet Jackson antwortete auf Twitter mit einem freundlichen »LOL« – und einem neuen Album.

Während zahllose Entertainmentseiten verbreiteten, dass die Millionensellerin MTV News verraten habe, ihre 2012 geschlossene Ehe mit dem muslimischen Geschäftsmann Wissam Al Mana und die zahlreichen Restriktionen ihres Lebens als zum Islam konvertierte Frau in Doha – keine Musik, kein Auto, keine Designerklamotten, nicht alleine aus dem Haus – hätten sie an den Rand des Selbstmords getrieben (auf der MTV-Webseite findet sich allerdings keine Spur dieses Interviews), geht JJ nun auf Tour und zeigt sich: Unbreakable.

Ihr elftes Album in 33 Jahren, das achte mit dem Produzententeam Jimmy Jam und Terry Lewis, zu dem sie hiermit zurückkehrt, ist das erste, das auf ihrem eigenen, neu gegründeten Label Rhythm Nation erscheint. Kein unwichtiges Detail, wenn man bedenkt, wie systematisch das jüngste Kind aus dem Jackson-Clan von der Entertainmentindustrie fertiggemacht wurde, als es 2004 beim Superbowl-Duett mit Justin Timberlake im Reliant Stadium in Houston eine Atombombe zündete. Weil Timberlake Jacksons rechte Brust halb entblößte und sie danach von den Grammys ausgeladen wurde, die sie eigentlich präsentieren sollte (und die Timberlake besuchte) und von vielen Sendern wegen ihres unmoralischen Verhaltens boykottiert wurde (und Timberlake nicht). Es folgten Unstimmigkeiten mit dem neuen Label Island beim letzten Album, der Tod des geliebten Bruders Michael im Jahr 2009 und immer wieder die alten Gassenhauer: Depression, Essstörung, body dysmorphia und Selbsthass.

Kein Wunder, dass es auf Unbreakable um Persönliches geht, um Schwäche und Stärke, Zweifel und Liebe, einstige Fehler und geglückte Wiederaufrichtungen. Der titelgebende Auftakt – meine Güte, wie sehr Janets Stimme nach der von Michael klingt! genderless! – ist eine gelungene, zeitlose Upbeat-Soul-Pop-Hymne. Getoppt wird sie vom darauf folgenden energisch Beat-furzenden »Burnitup!«, bei dem Missy Elliott (wo ist eigentlich deren Vermisstenanzeige?) wie zu ihren schönsten Zeiten mit reschen Reibeisen-Raps einheizt. Es gibt vielspurig produzierten urbanen Dance Pop, Versatzstücke von klassischen Soul-Heulern, Bossanova, jaulende Gitarren, ein Feature von J Cole, in dessen Video Jackson entrückt lächelnd und wie ferngesteuert durch ein nächtliches Haus gleitet, und sehr viele introspektive Balladen mit oder ohne sanft klopfenden Beat, in denen unnachahmlich zart und dünn über Synthieklänge gehaucht wird.

So verständlich das Bedürfnis nach Einkehr ist – die Wegbereiterin heutiger weiblicher Popstars ist immerhin 49, und man mag sich gar nicht vorstellen, wie anstrengend »Rhythm Nation«-Danceroutinen in diesem Alter sein müssen –, man hätte sich an einigen Stellen doch mehr experimentierfreudige Aggression und weniger spirituelle Erleuchtung gewünscht. Aber wie schön ist es doch, dass die Musikerin, die vor fast 30 Jahren Control über ihr Leben ergriff, diese immer noch hat! Über sich und die Fans.

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