Jan Delay und Marteria: »Dschungelcamp? Dann könnt ihr uns erschießen!«

Jan Delay vs Marteria by Amos Fricke
Keine Rapper wurden bei diesem Shooting verletzt …   FOTOS: Amos Fricke

Der eine prägte mit den Beginnern die goldene Ära in den Neunzigern, der andere ist einer der interessantesten Vertreter des aktuellen Rap-Booms. Aber Jan Delay und Marteria repräsentieren nicht nur zwei Generationen deutscher HipHop-Kultur, die beiden Norddeutschen sind auch seit Jahren gut miteinander befreundet. Zeit für ein Gespräch über den neuen und den alten Rap, über Haltung, Moral, stilvolles Altern im Pop und musikalische Wurzeln.

Jan, du hast 2010 gesagt, »Wenn ich ein Marteria-Album höre, bekomme ich wieder Bock zu rappen«. Ist Marteria also indirekt für die Beginner-Reunion verantwortlich, an der ihr gerade arbeitet?
Jan Delay: Definitiv! Dennis (Lisk aka Denjo) und ich haben exakt den gleichen Geschmack und uns ging es ähnlich, als wir das Marteria-Debüt hörten. Man muss sich einfach mal reinziehen, dass es von 2000 bis 2010 kein einziges komplettes Rap-Album gab, das uns krass weggeflasht und inspiriert hat. Zuletzt ging uns das bei Dynamite Deluxe so. Danach kam einfach: nichts! Es gab natürlich immer mal wieder gute Rapper und geile Songs, aber ein richtig derbes Album gab es nicht – bis Marteria kam.

Kennengelernt habt ihr euch allerdings bereits vorher. Nämlich als Jan dich 2007 als völlig unbekannten Musiker mit auf Tournee genommen hat, Marten. Wie ist es dazu gekommen?
Marteria: Das geht noch weiter zurück. Ich hab damals in Rostock gewohnt und unternahm erste Schritte mit der Underdog Crew. Das war ’ne HipHop-Crew, die im Osten ziemlich bekannt war und auch mal einen Auftritt in Hamburg oder auf dem Splash! hatte. Der erste, der mich außerhalb dieser Kreise kontaktiert hat, war dann Jan. Ich saß zu Hause bei meiner Mutter, meine Laune war eher so mittel, immerhin gab’s Rouladen. Wir hatten bereits ein Marsi-Album am Start, das hat aber keinen interessiert. Und in diese Stimmung herein kommt plötzlich eine Nachricht von Jan Delay: »Hey, geiler Scheiß, den du da machst, komm mal mit auf Tour.« Diese Zeilen haben alles auf den Weg gebracht. Dass danach Labels und A&R’s und überhaupt Leute kamen, die Bock auf meine Musik hatten, war vor allem der Tatsache geschuldet, dass Jan meinen Namen in Interviews gedroppt hat. Und wir durften im Tourbus mitfahren!

War das eher eine Zufallsentdeckung, Jan, oder hast du generell stets auch auf Graswurzelebene den Rap-Untergrund verfolgt?
JD: Na ja, von Cro hab ich auch eine goldene Platte bekommen. Ich hab geschrieben, dass er abgeht – und danach ging’s auch ab. Und bei Lady Gaga und Kendrick Lamar hab ich das auch gemacht, und von denen hab ich natürlich auch goldene Platten bekommen. Ich hab mich nur einmal geirrt: bei Fraktus. (lacht) Nee, Quatsch. Bei uns HipHoppern läuft das so: Alle, die mit Herzblut bei der Sache sind, sind auch Fans geblieben. Begeisterung und Leidenschaft kann nur ausstrahlen, wer sie selbst verspürt. Und wenn man Fan ist, verfolgt man automatisch, was die anderen machen. Rap ist ja auch irgendwie Sport. Wie im Fußball: Marten ist zwar Hansa-Rostock- und ich Werder-Fan, aber wir checken auch, was die anderen Vereine so treiben. Wir wissen halt, was läuft. Es gab bestimmt auch andere Rapper, die gesagt haben, »Marsimoto ist der Shit« – aber denen hören nicht so viele Leute zu wie mir.
M: Bei mir ist es auch so, dass ich mich ziemlich gut auf mein Gefühl verlassen kann. Ich kann zum Beispiel gut einschätzen, aus welchen Gründen Leute Features anfragen. Viele machen das nur wegen des Namens und da sage ich immer ab. Ich hingegen konnte damals jeden Song von der Jan Soul Rebels-Platte rappen, ich war der größte Jan-Delay-Fan!

Diese Feature-Kultur im HipHop ist ohnehin ein bisschen aus dem Ruder gelaufen. Gerade in den USA kann man anhand der Features den Marketingplan ablesen, wo dann also generalstabsmäßig für jede Zielgruppe der richtige Gast eingekauft wird. So nach dem Motto: »Wir brauchen jetzt unbedingt noch die R&B-Sängerin, die wir hier irgendwo zwischenschieben können, damit die weißen Vorstadtkids das dann mitsingen können.«
JD: Ich hab noch nie ’ne R&B-Sängerin irgendwo zwischengeschoben!

Du bist diesbezüglich auch eine Ausnahme. Allerdings sind deine letzten Platten auch keine reinen Rap-Alben, bei den Beginnern gab es ja durchaus Features – nur eben im ursprünglichen Sinne des Gedankens, von befreundeten Musikern. Grundsätzlich sollte so ein Gastauftritt ja vor allem dem betreffenden Song und der Musik dienen.
M: Auf jeden Fall. In erster Linie geht es mir dabei allerdings um Freundschaft, dieses Gang-Ding. Auf der letzten Platte hatten wir Jan (Delay), Casper, Pierre (Bagorry, Peter Fox). Jan war der Entdecker, mit Casper bin ich schon vor Jahren vor 40 Leuten aufgetreten und von Pierre hab ich wahnsinnig viel gelernt, das sind alles Freunde. Und jetzt ist noch Campino dazugekommen, weil sich da eine starke Verbindung ergeben hat, nicht zuletzt über den Fußball. Ich hab nie was mit jemandem gemacht, zu dem es keinen persönlichen Draht gab.

Ich hab mich ein bisschen gewundert, dass du eben zuerst ein Jan-Delay-Soloalbum erwähnt hast. Eigentlich denkt man ja immer, dass Bambule sozusagen das Sgt. Pepper’s des deutschen Rap ist.
M: Bambule war natürlich extrem wichtig. Die deutsche Rap-Szene war ja damals territorial aufgeteilt, mit den Frankfurtern, den Stuttgartern und den Hamburgern – und wir waren ganz klar hanseatisch orientiert in Rostock. Zu dieser Zeit hatte die Szene einen wahnsinnigen Output! Bambule war der Vorreiter, aber dann kamen Eins Zwo, Doppelkopf, Der Tobi & das Bo … Das war genau der Humor, den wir als Rostocker verstehen konnten. Ich glaube, deswegen kommen Jan und ich auch so gut miteinander klar: weil wir norddeutsche Hanseaten sind.

Sind Orte wichtig? Diese ganze Ost-West-Geschichte ist inzwischen ja echt Quatsch, weil es zum Beispiel von Mecklenburg Vorpommern viel mehr Verbindungen zu Hamburg als zu Sachsen gibt.
JD: Auf jeden Fall. Das ist mir spätestens klar geworden, als ich diese Gegenden zum ersten Mal bereist habe, das ist einfach der gleiche Slang. Dieses Platt, das geht im Prinzip von Holland bis nach Polen. Klingt zwar vielleicht echt platt, aber ich glaube, es hat was damit zu tun, dass wir die gleiche Tradition haben. Die Hanse, die Schifffahrt … Daraus resultiert vielleicht so eine gewisse Geistesverwandtschaft. Und auf jeden Fall ist dieser typische trockene norddeutsche Humor ähnlich. Was den betrifft, ist auch die Nähe zu England wichtig, eine weitere Seefahrernation.
M: England mag ich total gerne! Anderswo fällt es mir schwerer, Zugang zu den Leuten zu finden, aber in England bin ich mit drei Sheffield-Fans Arm in Arm durch die Straßen gerannt. Es war Bierfest und mit ganz wenigen Worten waren wir auf einem Nenner, das ist toll!
JD: Es gibt eine Enklave im Süden, die irgendwie an unseren Humor angedockt hat – und das ist Heidelberg.

Ist das so?
JD: Auf jeden Fall. Das ist so krass! In Süddeutschland oder hier in Berlin stoßen wir oft auf Unverständnis, aber in Heidelberg läuft das. Das ist so schön da!
M: Ich merke auch immer wieder, dass Leute in Berlin zum Beispiel meine Wortspiele nicht witzig finden und mir das ausreden wollen.

Berliner Humor ist aber auch sehr speziell.
M: Obwohl ich diesen Busfahrerhumor schon klasse finde.
JD: Ganz kurz, da muss ein großes Missverständnis vorliegen: Ich liebe den Ur-Berliner Humor, dieses alte, richtige Berlin, die Wurzeln. Ich liebe Harris und all die Berliner, die ich früher in meiner Rucksackzeit so hiphopmäßig kennengelernt habe, den Wedding und das alles. Womit ich nicht warm werde, ist allerdings dieses Zeitgeist-Berlin. Alle flippigen coolen jungen Leute kommen ins moderne neue Berlin und sind am Nabel der Zeit. Die ganzen Wurzeln und das, was Berlin eigentlich ausmacht, der Humor die Schnauze, fallen weg. Das Fashion-Week-Berlin finde ich schlimm.

Das ist aber keine berlintypische, sondern eine allgemeine Entwicklung. Auf der Schanze sieht’s auch nicht viel anders aus.
JD: Na klar, das ist das Schlimmste. Das St. Pauli, das ich besinge, gibt es auch nicht mehr. Aber es lebt in unsren Herzen weiter.

Wir sprachen eben über Bambule. Das Album weist für mich eine direkte Parallele zu vielen Sachen auf, die aktuell erfolgreich sind. Ähnlich wie Marteria oder Casper hatte diese Musik einen Crossover-Effekt, weil es weit über die Grenzen des Rap hinaus funktioniert und einer Menge Leute gefallen hat, während Rap in den 2000er-Jahren eine ziemlich exklusive HipHop-only-Veranstaltung war.
JD: »Mein Block« hat auch Crossover-Qualitäten!

In gewisser Weise. In meiner Wahrnehmung zog das allerdings nicht so weite Kreise wie Bambule.
M: Das lustige ist, dass mittlerweile auch die ganzen Street-Typen Bambule als wichtigen Einfluss benennen, Fler zum Beispiel. Eine Zeitlang war es quasi verboten, als Berliner irgendwas aus Hamburg zu loben – und jetzt geschieht das plötzlich in sämtlichen Interviews. Im Endeffekt haben die ganzen Berliner Ghetto-Kids nämlich auch Bambule gehört!
JD: Das hat Marten jetzt gesagt, darauf lege ich Wert! (lacht) Was ich noch ergänzen will, das ist mir wichtig: Es gab durchaus in diesen zehn Jahren auch andere Sachen, die ich richtig gut fand. Ich hab das alles verfolgt und vieles hat mir auch gefallen. Aber das Album als Gesamtkunstwerk ist halt sozusagen der whole train der Musik – und da hat mich nichts so geflasht wie Martens erste Platte.

In den vergangenen zwei, drei Jahren haben wir es mit einer wahnsinnigen Rap-Goldgräberstimmung zu tun. Fliegt uns die ganze Scheiße bald mal wieder um die Ohren?
JD: Man weiß ja wie das funktioniert, man hat das ja alles schon einmal erfahren. So was läuft halt immer wellenförmig. Irgendwann wird sich wieder alles überreizen und wenn dann in ein zwei Jahren nur noch irgendwelche bodenständigen Mützenträger gesignt werden, die zum 20. Mal vom Armeritzen rappen. Oder irgendwelche Typen, die ihre Stimme mit ’nem Effekt ganz nach oben pitchen …
M: Oder ’ne Maske aufsetzen. (lacht)
JD: Oder das. Also wenn die Firmen dann wieder alles signen, was rappt, dann wird der Overkill kommen. Man wird sagen: »Lass mich zufrieden damit«. Die ganzen Medien-Knotenpunkte werden die Schnauze voll haben, und dann werden jene übrig bleiben, die das immer gemacht haben, weil sie es lieben. Danach wird es irgendwann wieder im Untergrund brodeln – und dann kommt das Beginner-Album! (lacht)

Wie ist denn da der aktuelle Stand?
M: DJ Mad ist ein bisschen langsam.
JD: So ist es. Eigentlich ist alles fertig, nur die Scratches sind noch nicht da. (beide lachen) Unsinn! Es ist einfach nicht mehr so wie früher. Wir sind in verschiedenen Städten, haben Familien, das dauert alles ein bisschen länger. Als ich vor einem Jahr entschieden habe, das Rockalbum durchzuziehen – denn dass das parallel weiterläuft, war immer klar –, hatte ich zehn Songs fertig – und mit den Beginnern hatten wir vier Songs und 20 Skizzen. Und wenn man geile Platten machen will, geht es nun mal um Songs. Wir machen diese Platte nicht, um die Miete zu bezahlen oder irgendwelche Festivalgigs zu bekommen. Wir sind die Beginner, das haben wir nicht nötig. Diese Platte kommt nur raus, wenn’s der totale Shit ist! Der Shit sind jetzt vier Dinger – und davon müssen noch acht folgen.

Ihr geht beide aktuell als Einzelkämpfer durchs Leben, kennt aber auch die Arbeit im Kollektiv. Fehlt euch das manchmal?
JD: Ich genieße es voll, wieder in einer Gruppe zu arbeiten. Bislang geht das ja nur im Studio, aber ich freu mich schon total, wenn’s wieder richtig losgeht. Zum Beispiel auf so Tage wie heute. Es macht mir Spaß, jetzt mit Marsi hier zu sitzen und nicht alleine. Denn es ist nun einmal so: Musik machen macht Spaß, performen macht Spaß. Aber Promotouren machen nicht in erster Linie Spaß. Das ist jetzt gar nichts gegen dich, aber so was kann schon sehr eintönig werden. Da hilft es, eines Leute dabeizuhaben und Gags machen zu können. Musik ist eigentlich nur warten, das ist alles. Und die, die es durchhalten zu warten, sind am Start.
M: (lacht) Warten auf Bordeaux!

Ihr seid beide rapsozialisiert. Inwiefern unterscheidet sich eure Arbeitsweise beim Songwriting von derjenigen anderer Musiker? 
M: Bei mir geschieht das zumindest anfangs eher bruchstückhaft. Ich bin so der Typ Duschmelodien. Unter der Dusche kommen mir Ideen für Melodien, die ich dann rappe oder ansinge und mit dem Telefon aufnehme. So sind viele Songs auf der neuen Platte entstanden, was den musikalischen, melodischen Teil betrifft. Im Gegensatz zu früher hab ich mich nicht an Beats orientiert, sondern einfach Songs geschrieben – weil ich so viel unterwegs war und noch keine geilen Beats hatte. Ich hatte also haufenweise Ideen für Melodien und Texte, dann kamen die Beats und ich saß davor und hab geguckt, was zueinander passt.

Spielst du ein Instrument, Jan?
JD: Nee, ich spiele nur Computer. Also, ich entwerfe am Computer meine Ideen. Ich finde aber trotzdem, dass wir Rapper durchaus Musiker sind. Ich selbst war sowieso immer der Musiker unter den Rappern, aber für Marten gilt das ebenso. Ich bin davon überzeugt: Wenn du heutzutage als Rapper nicht auch Musiker bist, wirst du auf Dauer niemanden interessieren. Die Leute, die viele Platten verkaufen, die auf Festivals spielen und große Hallen voll machen, sind in meinen Augen alle Musiker, egal in welchem Land. Das sind die Leute, die mehr drauf haben als ’nen geilen 16-er. Jene, die andere inspirieren und flashen und Projektionsfläche bieten. Das ist Musik – und alles andere ist halt ein netter 16-er.

Mir ging es mit dieser Frage vor allem darum, herauszufinden, ob man vielleicht aus einer Limitierung im positiven Sinne schöpfen kann. Kein Instrument spielen zu können, beugt ja eventuell auch der Gefahr vor, dass man sich aufs Handwerk verlässt und das Ganze so einen technokratischen Ansatz bekommt. Weil den wollen wir ja vermeiden, ne?
JD: Absolut. Was ich eben meinte, gilt natürlich nicht nur für Rapper. Grundsätzlich denke ich, der »Musiker« heutiger Zeit kann im Allgemeinen keine Noten lesen und beherrscht auch sonst nichts, was man tradierterweise im handwerklichen Sinne mit Musikertum in Verbindung bringen würde. Dafür hat er andere Sachen drauf. Er hat zum Beispiel Instagram. (lacht) Nee, aber er kann die Dinge aus seiner Erfahrung heraus beurteilen, der moderne Musiker muss in der Lage sein, gefühlsmäßig eine Band zusammenstellen zu können, er muss Ideen entwickeln können, unter der Dusche und sonstwo.

Jan Delay und Marteria by Amos Fricke

Stichwort Limitierung: Mit der neuen Platte, dem Rock-Album Hammer & Michel, setzt du dir abermals enge stilistische Grenzen. Was interessiert dich daran, dem starren Konzept fester Genrealben zu folgen? Man könnte ja auch alle Einflüsse einfach bündeln und organisch in eine Produktion einfließen lassen.
JD: Das mache ich alles nur, um auf allen Festivals spielen zu können, von Summer Jam bis Wacken. (lacht) Nee, das ist einfach Nerd-Scheiß, ich bin ein totaler Nerd, mir macht das Spaß, in diesen Genres zu forschen. Es wäre langweilig, mit dieser Band jetzt noch mal Funk zu machen, das haben wir durch. Dann hals ich mir lieber die Arbeit auf, ein für uns total neues Genre zu erforschen. Mindestens dreimal hab ich während der Produktion gedacht, ich schmeiß alles hin, ich hab keinen Bock mehr, ich gehe nach Ibiza, fickt euch alle. Und das meine ich in solchen Momenten durchaus ernst. Am Ende hab ich aber jetzt dieses tolle Resultat und kann woanders weitermachen. Ich liebe solche Herausforderungen. Auf Marsis Goldparty hab ich zu Kaspar (Wiens alias Tropf, Delay-Produzent) gesagt, dass ich mir nicht sicher sei, ob ich mir so ein Mammutprojekt wie diese Rockplatte noch mal aufhalsen wolle, weil ich ja jetzt auch Vater geworden bin und so und das dann vielleicht auch einfach mal zu viel wird. Woraufhin er meinte: »Nee, das schaffen wir, weil der Flash jetzt nämlich ist, einfach Musik zu machen.« Wir haben alles abgeliefert, und machen ab sofort nicht mehr diese Musik-Leistungskursscheiße, sondern genau das, was du gerade gesagt hast: Einen Funksong, einen Rocksong und so weiter – und irgendwann haben wir dann hoffentlich ein geiles Album. Aber um an diesen Punkt zu kommen, musste ich es genauso machen, wie ich es in den vergangenen Jahren gemacht habe.
 
Vielleicht keine schlechte Idee. Für Genrenischen sind wir ja auch alle schon bisschen alt langsam. Ist das bisweilen Thema: wie man in einem klar als Jugendkultur definierten Umfeld wie Rap stilvoll altern kann?
JD: Darauf hab ich eine ganz klare Antwort: Ich danke Gott für Jay-Z! Natürlich kommen solche Gedanken, aber das schöne ist, dass wir auch in diesem Fall, wie so oft, Amerika als Vorbild haben. Und dort gibt es schon seit zehn Jahren grown rap. Sogar mit diesem Begriff und der dazugehörigen Kultur, der Haltung, den Filmen und der Literatur. Das konnte man immer beobachten und das hat mich ruhig schlafen lassen. Weil man halt so dachte: »Okay, Russell Simmons läuft mit beinahe 60 immer noch mit der Cap rum, dann ziehe ich das auch durch, also fickt euch.« (lacht) Und Jay-Z macht mit über 40 immer noch geile Musik. Das ist doch schön! Solange man das Gefühl hat, dass es nicht peinlich wird, kann man wunderbar so weiterleben. Es darf nur nie diesen Altrockertouch bekommen. Das hat man schon als Kind gecheckt, diese Altrockertypen, die dann Mitte der Achtziger noch Lederhosen mit Schnüren hatten und so ausgelatschte Moskitoboots und lange Haare – aber eben auch schon Geheimratsecken. Man dachte: »Ach Mann, Junge, lass das doch.«

Jay-Z passt aber ja seine Kleidung bis auf die Kappe auch dem Alter an. Mit 50 in Baggy-Pants wär’ jetzt auch nicht so toll …
JD: Da hatte ich ein krasses Erlebnis, als ich vor drei Jahren in New York war. Davor war ich das letzte Mal noch vor 9/11 dagewesen, damals war dort noch alles total rap, praktisch die Rap-Stadt überhaupt. Und jetzt kam ich also da an, und lief dann Downtown Manhattan in der Chinatown-Gegend rum – und die ganzen alten Rap-Läden waren weg. Stattdessen kommen drei kleine schwarze Kids in Röhrenhosen um die Ecke, wie man halt heute so aussieht. Im gleichen Moment läuft so’n 35-Jähriger Rap-Typ mit Baggy-Pants und Air Force Ones vorbei, und die drei Kids gucken genau so, wie wir damals die Altrocker angeguckt haben. Das war so history repeating! Aber das ist das Gute an Protagonisten wie Jay-Z: Er steht eben nicht in dem Outfit von 2002 auf der Bühne und lässt das Ganze altrockermäßig erscheinen. Sondern er bleibt Fan und holt neue Einflüsse rein und schafft es, zur gleichen Zeit zeitgemäß und zeitlos zu sein – das ist das Geheimnis.
M: Ich glaube ja auch nicht, dass man nur Musik machen sollte, um die Kids abzugreifen. Bei uns ist das so: Beate, die bei der Barmer Ersatzkasse arbeitet und vielleicht ’ne Freundeskreis-Platte zu Hause hat, kommt jetzt auch zu unseren Shows. Wir beobachten zunehmend, dass es eine generationsübergreifende Spannbreite für Leute gibt, die Bock auf Rap haben. Da gehen so viele mit … Bei mir ist das ja zum Beispiel auch anders als bei Benjamin …
JD: Benjamin?
M: Casper. Bei dem stehen in den ersten zehn Reihen Mädels, die dann alle umfallen. Bei uns sind die Leute überwiegend älter, die stehen da auch meistens erst mal mit so einer Erwartungshaltung: »Zeig doch mal, was du draufhast!« Wir haben auch die ganz jungen Leute, aber überhaupt nicht so offensichtlich. Es gibt also ältere Leute, die einen Bezug zu Bambule haben und so, die aber trotzdem mitbekommen haben: Da gibt’s jetzt wieder neuen Shit.
JD: Die Leute bei Marteria-Konzerten können auch ’ne Torch-Strophe mitrappen und die Leute bei Benjamin nicht. Das ist jetzt überhaupt nicht despektierlich gemeint, aber das ist halt so.
M: Bei ihm können das auch viele Leute, aber das steht nicht so im Vordergrund.

Casper ist halt auch ein Teen-Phänomen.
JD: Noch krasser ist das ja bei Cro, da weiß man im Publikum noch nicht mal, wer Torch ist. (lacht)
M: Das ist das Geheimnis seines Erfolgs: Cro verkauft nicht zuletzt deshalb so viele Tickets, weil immer der Vater und die Mutter noch mit müssen. (lacht)

Trotz allem verbindet euch nicht zuletzt die Liebe zu zwei Leuten, die man durchaus als Altrocker bezeichnen könnte: Udo Lindenberg bei Jan Delay und Campino bei Marteria. Beides Leute, die nicht unbedingt als cool angesehen werden in so einem geschmackspolizeilichen Sinne …
JD: Achtung, mein Lieber. Du wandelst hier auf sehr dünnem Eis!

Es ist aber doch so! Lindenberg ist jahrelang belacht worden und hat es jetzt irgendwie geschafft, sich zu rehabilitieren und als Vorkämpfer deutschsprachiger Texte wahrgenommen zu werden. Und Campino wird ebenso verspottet wie er von den Fans der Toten Hosen heiß geliebt wird. Das kann man ja nicht wegdiskutieren. Insofern ist es in gewisser Weise ein unironisches Eins-zu-eins-Bekenntnis von euch beiden, das euch in eurem Umfeld nicht unbedingt Props einbringt. Sind das Ur-Einflüsse und Vorbilder?
M: All diese Leute sind wichtig, das ist deutsches Kulturgut. Die Arbeit mit Campino war für mich durchaus ein »Walk This Way«- Moment. Als ich aufgewachsen bin, hab ich trotzdem zuerst nach England geguckt. Die erste Prodigy, oder natürlich Björk – also ich bin ein Riesenfan von diesem Englandkram!
JD: Die kommt aus Island, das weißt du aber, oder?
M: Mann, das ist doch dasselbe, beides Inseln. (lacht) Nein, klar weiß ich das. Sie wohnt aber schon ewig in London und produziert von dort aus ihre Sachen. Dann gab’s für mich zum Beispiel noch Pearl Jam, auch sehr wichtig. Aber bei diesen beiden Künstlern … Ich meine, egal, wen du fragst, jeder kennt mindestens fünf Songs von den Hosen oder von Udo, 99 Prozent erkennen diese Menschen auf der Straße, das ist einfach deutsches Kulturgut. Wenn ich sehe, wie lange die auf der Bühne stehen. Als ich mit den Hosen in Argentinien war: Die haben einfach seit 30 Jahren dieselbe Crew, da gibt’s keine Arroganz und keinen Egotrip, sondern alle gehen total respektvoll miteinander um. Und das ist für mich, der ich erst seit drei Jahren von der Musik lebe, total wichtig. In meiner Crew gibt’s auch Leute, die ich kenne, seit ich sechs bin.

In jedem Fall sind diese Leute Pioniere im Umgang mit deutscher Sprache, was zumindest im Rap-Segment auch für die Beginner gilt. Auch ihr habt – gemeinsam mit einigen anderen – etwas aus dem Boden gestampft, was es vorher gar nicht gab. Und zu dem viele auch gesagt haben, dass es das nicht geben kann, da die sozialen Rahmenbedingungen in Deutschland anders sind als in den USA, wo HipHop vor allem als Sprachrohr der unterprivilegierten schwarzen Minderheit popularisiert wurde. 
JD: Klar, wenn’s das in Deutschland überhaupt gab, war’s immer albern und lächerlich. Thomas Gottschalk und Frank Laufenberg. Von Udo gibt es übrigens auch einen Rap, ganz schlimm – »Wo ich meinen Hut hinhäng«. Trotzdem: Wenn ich auf Deutsch singe, ist Udo da immer irgendwie drin. Seit ich ein kleiner Junge war … Weil er das erste war, was ich für mich entdeckt habe. Der erste, der in meiner Sprache zu mir gesungen hat, mit Scheiße und Arschloch und so weiter. Wenn man mit sechs so was aufsaugt und zum ersten Mal Fan ist, begleitet einen das das ganze Leben. Ich glaube, ich trete Campino nicht zu nahe, wenn ich sage, dass das bei Marten nicht so war. Du bist ja nicht mit den Hosen aufgewachsen, oder?
M: Nee, das stimmt. Aber es gab schon immer so einzelne Sachen, die …
JD: Klar, zum Beispiel »Hier kommt Alex«, unglaubliche Nummer!
M: Genau, das zum Beispiel. Vom Style-Ding und so her war ich früher auch eher Udo-Fan. Die Ärzte und die Hosen hatten aber eine Menge witziger Dinge auf Lager. Vor allem die Ärzte haben einen Wortwitz etabliert, der für deutschen Rap sicher ein ganz wichtiger Einfluss war.
JD: Seine Wortwahl und die Geschichten betreffend, hätte Udo damals am ehesten Rapper sein können, dieses Storytelling, das Straßenverhaftete … Das passt schon. Rap gab’s ja damals noch nicht, aber das ist genau die Sprache. Grundsätzlich dürfen wir aber Rio Reiser nicht vergessen, wenn wir über deutsche Texte sprechen: Die Dinge so einfach mit wenigen Worten auf den Punkt zu bringen, wie er das konnte, ist schon der Wahnsinn. Wie im Rap übrigens Sido, da muss man ja auch mal Props geben. »Mein Block« hat mich total umgehauen. Keiner hat es bis dahin geschafft, so einfach und pointiert Dinge auf den Punkt zu bringen.
M: Sido Reiser. (beide lachen)
 
Jan, als wir letztens über dein Rockalbum sprachen, hast du gesagt, du könntest nichts mit Indie-Rock anfangen, dein Rockgeschmack sei eher Mainstream. Das hat mich gewundert, weil du ja eigentlich ganz klar in diesen alten Hamburger Indie-Strukturen verhaftet bist und im Prinzip die Beginner ein bisschen das für den Rap waren, was Blumfeld oder Tocotronic hier in Deutschland für Indie-Musik waren und sind.
JD: Das, was ich meine, hat nichts mit Independent zu tun, sondern ich meine diese komische Genrebezeichnung. Da gibt’s ja ganze Etagen bei Majors, die nichts anderes machen als Indie-Rock – und damit kann ich musikalisch nichts anfangen. Tocotronic und Blumfeld sind natürlich komplett meine Welt. Ich bin ein Hamburger Jung, und die geistige Haltung und die Texte von diesen ganzen Bands sind auf jeden Fall in mir drin, ich lieb’ die alle. Das waren ganz wichtige Leute für mich. Das ist nur einfach nie so ganz meine Musik gewesen …

Stattdessen machst du auf dem neuen Album eine sogenannte »Scorpions-Ballade«.
JD: Das mach ich zum Beispiel, um die zu ärgern. (lacht) Wobei ich glaube, dass viele von denen das auch lieben werden. Aber damals war das für die alle der totale Feind, für die Punkrocker waren die Scorpions das Schlimmste!

Mit dieser »Scorpions-Ballade« thematisierst du etwas, worüber wir letztens schon gesprochen haben: die alten Codes und Abgrenzungsmechanismen der Popkultur funktionieren nicht mehr, die Leute verorten sich nicht mehr klar abgeschottet über ein bestimmtes Genre, sondern alles passiert gleichzeitig und man darf auch alles gut finden, was ja in gewisser Weise eine positive Entwicklung ist, aber eben auch wenig Raum für Distinktion lässt.
JD: Da muss ich kurz einhaken: das Thema des Songs ist etwas anderes. Was du gerade sagst, ist eine Traumvorstellung: dass es keine Genres mehr gibt und Musik universell und frei ist. In dem Song geht es eher darum, dass es keine politischen Feindbilder mehr gibt.

Dazu wollte ich gerade kommen: Andererseits führt diese Entwicklung nämlich auch dazu, dass es keine klar definierten Gegenpositionen mehr gibt. Früher war zum Beispiel klar: lange Haare gleich Hippie, garantiert politisch links und so weiter. Heute scheint alles ein bisschen egal zu sein. Was zum Beispiel war die Antwort der Popkultur auf NSA oder NSU? Nichts. Pop scheint als Protestmedium ausgedient zu haben, ihr gehört zu den wenigen Leuten, die überhaupt noch irgendwie Position beziehen.
JD: Matt Damon war der einzige auf meinem Radar, von dem ich mitbekommen habe, dass er sich zur NSA-Affäre positioniert hat.
M: Mit »Lila Wolken« hatten wir einen krassen Hit. Aber mit meiner neuen Platte war es mir persönlich wichtig, dieses Konzept nicht endlos weiter zu variieren, sondern etwas zu sagen. Also sozusagen die Öffentlichkeit, die ich durch die Hits bekommen habe, auszunutzen, um ein Statement abgeben zu können. Politische Themen kann man ja auch tanzbar machen, das hat Jan schon bewiesen. Mein Song »Bengalische Tiger« sollte aber eher so eine Riot-Ansage sein. Ich war in Uganda und hab da eine Deutschstunde gegeben. Und dann wurden plötzlich die Türen geschlossen, weil überall Tränengas war und die Bullen da rumrannten und so – weil die dieselben Probleme haben wie wir hier: zu hohe Studiengebühren und so weiter. Es brennt überall, und dieses Gefühl wollte ich wiedergeben. Da hab ich ja als Hansa-Fan durchaus gewisse Erfahrungen. (lacht) In einer Zeit, wo alles so peaceful und politisch korrekt erscheint und man in Deutschland gerne mit dem Finger auf andere zeigt, finde ich es wichtig, auch mal ein paar Sachen zu hinterfragen und zu sagen, dass eben nicht alles so toll läuft hier.

Man muss bei solchen Themen immer aufpassen, dass man nicht zu kulturpessimistisch argumentiert. In einigen Bereichen finde ich aber, dass es absolut keinen Grund gibt, die alten Fronten zu überdenken. Werbung für Bild oder McDonald’s von Leuten wie Udo Lindenberg oder Moritz Bleibtreu gehört dazu. Ich finde es schon wichtig, dass man sich klar verortet und eine Haltung transportiert. Weil eben nicht alles scheißegal ist.
JD: Für Udo ist das irgendwie was anderes, der steht nach seiner eigenen Definition klar über den Dingen und kann sich alles erlauben.
M: Klar, wie man sich als Künstler definiert, ist wichtig. Das muss jeder selbst wissen, aber es ist ein Unterschied, ob ich jetzt den ganzen Tag in der Bild bin oder vielleicht mal mit 70 eine Strecke in der BamS habe. Wenn man das grundsätzlich ablehnt, geht das natürlich auch nicht. Aber ich finde, es gibt da schon Unterschiede. Meine persönliche Haltung ist auf jeden Fall, dass man ganz oft Nein sagen muss. Wir haben so unfassbar viele Angebote auf dem Tisch liegen, die oft mit extrem hohen Summen verbunden sind, wo man einfach auch ganz klar die Stärke braucht, Nein zu sagen. Weil das dreckiges Geld ist. Das verbündet Jan und mich. Und wenn wir dann doch mal irgendwann beide im Dschungelcamp sitzen sollten, dann erschießt uns bitte.
JD: In unseren Baggy-Pants! (lacht) Was wirklich schade ist: Die Leute wissen von einem immer nur, was man so macht. Aber wenn die mal alle wüssten, was man alles nicht macht, würde man noch ganz anders dastehen.
M: Das war ja auch das Ding, weswegen diese McDonald’s-Werbung so weite Kreise gezogen hat. Weil da so viele Leute bei waren, von denen man das absolut nicht gedacht hätte. Wenn Cro Werbung für McDonald’s macht, juckt mich das null, das ist mir vollkommen scheißegal. Der kann meinetwegen alles machen. Oder MC Fitti, der sowieso. Für mich waren Leute wie Christian Ulmen und Jürgen Vogel halt echt krass. Ulmen hat uns derbe beeinflusst, wir haben damals fast ein Jahr lang so gesprochen wie er in dieser einen Mein neuer Freund-Folge. Das ist halt einfach ein geiler Typ, der für so viel Wertvolles stand …
JD: Das ist das erste Mal in meiner Kulturhistorie, dass ich das Schaffen dieser Leute automatisch damit in Verbindung bringe. Neulich hab ich irgendeinen Film mit Jürgen Vogel gesehen, ich weiß nicht mehr was. Und dann denk ich automatisch: McDonald’s! Ich kann den nicht mehr ernstnehmen, ich denke nur: Big Mac! Apfeltasche! Wie du gerade gesagt hast: Was diese Leute für einen bedeutet haben, ist weg. Heinz Strunk hat letztens in einem Interview erzählt, wie viel die Teilnehmer für den Spot bekommen haben. Und dann hat er was Geiles gesagt: Das Schöne sei, dass man wisse, dass sich nicht nur McDonald’s mit den krediblen Künstlern schmücken könne und dafür Geld zahle, nein, das Geschäft laufe dummerweise auch andersrum: Diese krediblen Künstler müssen sich jetzt auch mit dem McDonald’s-M schmücken, das ist auf sie übergegangen. Genau so ist es! Und das wäre mir das viele Geld nicht wert.

Ein schönes Schlusswort!
JD: Eigentlich schon, aber ich muss noch zwei Sternchen setzen. Zuerst kommt ja immer das Interview und unten gibt’s dann noch so Sternchen als Nachtrag. Also, Sternchen eins: Ich hab jetzt gerade erst entdeckt, dass Marten Air Force Ones trägt. Aber zur Zeit der Szene, von der ich vorhin sprach – 2010 –, waren diese Schuhe wirklich altrockermäßig, da gab’s noch keinen A$AP Rocky, der die wieder rausgeholt hat. Zweites Sternchen: Pearl Jam und Björk finde ich persönlich richtig scheiße. (Lautes Gelächter)

Jan Delay ist aktuell auf Tour. Marteria spielt im Sommer zahlreiche Festivals, gelistet finden sich alle auf seiner Webseite.