Voicemail für Lauryn: Jamila Woods betreibt gewaltlosen R’n’B-Widerstand / SPEX präsentiert

R’n’B als gewaltloser Widerstand: Jamila Woods setzt sozialen Ungerechtigkeiten und dem mörderischen Treiben in ihrer Heimatstadt Chicago ein zartbitteres Lächeln entgegen. Im Februar spielt Woods zudem zwei exklusive Deutschland-Shows – SPEX präsentiert.

Wenn es nur so einfach wäre: Platz nehmen in einer Seifenblase und mühelos allen Sorgen davon fliegen. Jamila Woods macht es so, gleich im ersten Song ihres Debütalbums Heavn. Man sollte das aber nicht als Eskapismus missverstehen. Woods propagiert eine sanfte Botschaft der Umarmung, eine Idee von empowerment, die sie vor allem an junge schwarze Frauen und Mädchen richtet. Was Martin Luther King einst sagte, gilt für die Songwriterin, Sängerin und Dichterin aus dem Süden von Chicago noch immer: Niemand in Amerika hat es schwerer als die Bevölkerungsgruppe, der sie selbst angehört.

Der Frust, der sich darüber bei Woods angestaut hat, mündete 2015 in ihr erstes Solostück „Blk Girl Soldier“. „Damals sind so viele Dinge passiert, die entweder mit Gewalt gegen schwarze Frauen zu tun hatten, oder mit dem Versuch, sie öffentlich unsichtbar zu machen“, erinnert sie sich. „Ich wollte ein Zeichen dagegen setzen und die Widerstandsfähigkeit schwarzer Frauen zelebrieren.“ „Blk Girl Soldier“ tut das, indem es eine neue Plattform schafft für Frauen, die drohten, in Vergessenheit zu geraten – etwa Aktivistinnen wie Ella Barker und Sojourner Truth.



Ganz persönliche Anekdoten verarbeitet Woods hingegen in den Voicemail-Versatzstücken, die auf Heavn erklingen und sich bei The Miseducation Of Lauryn Hill anlehnen. Die Künstlerin befragt darin Freundinnen und Freunde nach ihrem Verhältnis zum eigenen Namen und entlockt ihnen ihre Lieblingsaspekte am Schwarzsein. Dabei, betont sie, müsse man präzise sein. „Erinnerungen können sich sonst bedeutungslos anfühlen, obwohl sie eigentlich Großes aussagen. Wir alle stecken voller Geschichten – und ich versuche, Menschen dabei zu helfen, auf dieses Potenzial zuzugreifen.“ Woods hat ihre Herangehensweise in den Schreibworkshops der Young Chicago Authors kennengelernt. Mit 16 unternahm die heute 28-Jährige dort erste Schritte als Lyrikerin. Später kam durch Hip-Hop-Freunde wie Chance The Rapper und Noname die Musik dazu.

Beide haben Gastauftritte auf Heavn, das eigentlich schon letztes Jahr im Eigenvertrieb erschienen war und Woods einigen Ärger wegen freimütig verwendeter Stereolab-Samples und einem Neo-Soul-Cover von The Cures „Just Like Heaven“ beschert hatte. Nun bringt das eigentlich auf Indie-Rock spezialisierte Midwest-Label Jagjaguwar die Platte offiziell heraus, erweitert um einige Bonustracks. Man hört darauf klassisch veranlagten R’n’B, Chicago-Rap ohne Verweise auf dessen Hardcore-Ausprägung Drill und einen generell entspannten Umgang mit den eingangs erwähnten heiklen Themen. Woods’ Einstellung ist unumstößlich positiv. Selbst Zeilen wie „If I say that I can’t breathe / Will I become a chalk line?“ singt sie mit einem zartbitteren Lächeln auf den Lippen. Sicher ist für sie nur eins: Am Ende wird es der gewaltlose Widerstand sein, der sich auszahlt.

SPEX präsentiert Jamila Woods live
22.02. Köln – Yuca
24.02. Berlin – Kantine am Berghain

Dieses Feature erschien in unserer aktuellen Printausgabe SPEX No. 377, die weiterhin versandkostenfrei im Shop erhältlich ist.

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