Ja, Panik und ihr Libertatia

Fotos: Yves Borgwardt

Umwerfend leicht, shockingly zurückgelehnt, nicht weniger als mitreißend: So muss man sich Musik in einem Land namens Libertatia vorstellen. Auf dem Album von Ja, Panik ist diese Musik zu hören. Sie klingt wie von Freibeutern gespielter Soul, nach Trotz und Neuanfang und einer besseren Welt. Eine der besten deutsch textenden Bands dieser Tage spielt morgen gemeinsam mit Jens Friebe und Chris Imler ein Solikonzert für die Kontakt- und Beratungsstelle für Flüchtlinge und Migrantinnen im Berliner SO 36. SPEX besuchte sie in ihrem eigenen kleinen Utopia: im Ja-Panik-Probekeller.

Die Gruppe Ja, Panik hat ein Programm.

1. Jegliche Begebenheit im menschlichen Leben gehört in die Kette der Dinge.

2. Dies sind die Schätze, die wir euch geben wollen: scharfe Schwerter und die Spitzen der Speere.

3. Warum ist vorbei. Richtig ist: trotzdem. Und: deswegen.

4. Sing ihre Melodien, und zwing sie zum ta-ta-tanzen!

So könnte es im allerneuesten der Panik-Manifeste stehen. Tut es zwar nicht. (Dort steht, zwischen zahlreichen anderen stolzen Behauptungen, vielmehr: »In gewissen Momenten in der Kunst des Krieges sind Orte und Freunde strategischer als Waffen und Schilder.«) Aber genau so steht es dann eben zwischen den Zeilen und zwischen den Tönen der allerneuesten Panik-Platte namens Libertatia, und der Blend ist ohnehin derselbe. Utopie, Piraten, Style, Disco. Apodiktische Sätze wie die hier oben rauchen Menschen, die ihre Band Ja, Panik nennen, nämlich in der Pfeife, zum Frühstück.

ZU BESUCH …

Jetzt, am späten Nachmittag eines Novembersamstags, gibt es Gauloises und Selbstgedrehte, dazu Sprudel und von zu Hause aus dem Burgenland geschickte Nusswürfel. Beim Abklopfen ihrer verrauchten Gedanken und Worte lassen die drei Kernmitglieder von Ja, Panik den Glasaschenbecher auf dem Couchtisch vor sich immer wieder singen wie eine Mini-Steeldrum in Trinidad und Tobago – pling pling. Sie sitzen, alle in Schwarz, in ihrem Proberaum in einem ehemaligen Fabrikgebäude in Berlin, jetzt ein Areal, in dem Partynutzung gegen Edelkreative ankämpft und irgendwie der gute alte Keller-Rock’n’Roll dazwischen fast aufgerieben wird. Die meisten Bands hätten ihre Räume wegen Lärmbelästigungsbeschwerden verlassen müssen, erzählen die drei.

Schlagzeuger Sebastian Janata gibt dabei den schweigsamen Schönen, sein »Born to die«-Tattoo auf dem rechten Unterarm erzählt ohnehin einiges; Bassist Stefan Pabst bringt mit Glitzernagellack an den Fingernägeln einen dezenten Camp-Touch in die Runde; Gitarrist und Sänger Andreas Spechtl raucht Kette und übernimmt, ein Bohemientuch um den Hals gebunden, die Rolle des Wortführers. Ohne besondere Eile oder Aufregung stammelt und stottert er dabei auch mal länger herum, wälzt und wiegt die Worte so lange in seinem Mund, bis sie sich einigermaßen seinen Gedanken entsprechend zurechtgebogen haben. Beim Singen schaltet Spechtl in ähnlichen Momenten, wenn das kantige Deutsch mit Ostösterreicheinschlag eben nicht so recht flutschen will, kurzerhand in eine fremde Sprache, bevorzugt ins Englische, aber er schiebt auch französische und italienische Zeilen ein oder ein arabisches »Yalla!«.

Das Gespräch dreht sich hauptsächlich um – und das lässt sich eventuell als dialektischer Dreierschritt lesen –: 1. Afrika; 2. Befreiung; 3. Utopie. Und es geht natürlich darum, wie diese Triade verwandelt in Musik klingt. Die Kurzzusammenfassung zum letzten Punkt gleich vorab: umwerfend leicht, shockingly zurückgelehnt und doch nicht weniger als mitreißend. Keine Frage: Libertatia ist ein grandioses Popalbum.

»Ich wünsch mich dahin zurück, wo’s nach vorne geht.« So lautet die erste Zeile auf diesem Album, dem fünften der Gruppe Ja, Panik. Bevor man es recht gemerkt hat, ist man mit diesen paar Worten schon auf und davon und »gone with the wind«. Der Ort des Geschehens wird außerhalb der Zeit definiert: zurück nach vorn; gleich danach wird die Uhr auf »back to the future« gestellt, Ordnungen sind verkehrt, aufgehoben. Man behauptet die Existenz eines Niemals- Nirgendwo-Überall und besetzt einmal mehr diesen zum Sterben schönen Nichtort – Utopia! Seufz. Bei Ja, Panik heißt er nun Libertatia.

Natürlich möchte man sich vorstellen, dass es einen solchen Ort, irgendwie, irgendwo, irgendwann, schon einmal gegeben hat. Trotz der anfänglichen Rede von einem Programm: Das Wort »Pirat« ist hier nicht unbedingt im Doppel mit »Partei« zu denken, sondern im romantischen Sinne zu verstehen, eben wie in »Seeräuber« (wenn auch nicht wie in »Jack Sparrow«). Ja, Panik imaginieren sich mit ihren neuen Songs zurück ins 17. Jahrhundert im Indischen Ozean. An der Ostküste Madagaskars soll es damals eine Kolonie von freien Individuen gegeben haben, geprägt von anarchistischen Idealen und Bürgerrechten, wie sie in Europa teilweise erst im Zuge der Französischen Revolution rund 100 Jahre später nach und nach durchgesetzt wurden. Es gab Basisdemokratie, Gemeinschaftsgut, die Sklaverei war abgeschafft. Ja, Paniks Gewährsmann für das historisch nicht eindeutig belegte Libertatia ist ein gewisser Captain Charles Johnson (möglicherweise ein Pseudonym von Robinson-Crusoe-Autor Daniel Defoe), der darüber in seiner Freibeuterenzyklopädie A General History Of The Robberies And Murders Of The Most Notorious Pyrates aus dem Jahr 1724 geschrieben hat.

… IN DER ZENTRALE

Andere Lebenswelten, selbstbestimmte Wirklichkeiten – das war für die Band immer schon Thema. Die berühmte Ja-Panik-Zentrale, die im Jahr 2009 vom 16. Wiener Gemeindebezirk nach Berlin-Friedrichshain verlegt worden war, gibt es in dieser Form nicht mehr. Stefan Pabst wohnt zwar mit anderen Freunden, darunter die neue Gitarristin der Band, Laura Landergott, noch in derselben Wohnung, doch die Deckungsgleichheit zwischen Band und WG ist aufgelöst. Christian Treppo und Thomas Schleicher haben Ja, Panik verlassen, das neue Album entstand im Wesentlichen zu dritt. »Das hier ist so ein bisschen unsere neue Zentrale«, sagt Spechtl im Probekeller, »wir haben hier viel von der Platte aufgenommen, auf jeden Fall alles geschrieben.«

Man teilt den Raum mit Jens Friebe und der Band La Stampa. Die Instrumente wurden heute schon weggeräumt. Eine Floor-Tom steht noch etwas verlassen da, auch ein Mikrofon, das fast vorwurfsvoll ins Leere zeigt, neben dem Sofa lehnen immerhin mehrere Gitarren nebeneinander wie eine verschworene Gang. An einer Seite des Raums steht ein Mauerklavier, darüber ist, kaum erkennbar, ein Foto von James Brown zu einem Lampenschirm gedreht, der ein frisches Stencil-Graffito beleuchtet: das Freibeuterlogo der neuen Ja-Panik-Heimat Libertatia mit zwei flatternden schwarzen Flaggen.

Die Momentaufnahme in diesem Raum Ende November 2013 zeigt die Band »in einer Art Zwischenstadium«, wie Stefan Pabst sagt. Es gibt zwei neue Bandmitglieder: Besagte Laura Landergott, eine alte Bekannte und »eine der besten Musikerinnen, die ich kenne« (Spechtl), die, wie es der Zufall wollte, gerade von Wien in die deutsche Hauptstadt gezogen war. Und Jonas Poppe, früher beim Berliner Duo Kissogram und nun der »Quotendeutsche«, dank dessen BRD-Reisepass man vielleicht doch mal einen Echo-Kritikerpreis gewinnen dürfe, wie später gescherzt wird. (2012 wurde die Nominierung von Ja, Panik durch den ehemaligen SPEX-Chefredakteur Jan Kedves nicht zugelassen mit der Begründung, die Bandmitglieder seien österreichische Staatsbürger.) Gerade finden die ersten Proben zu fünft statt. Landergott und Poppe müssen noch ältere Stücke einstudieren, die gesamte Band überlegt und testet, wie die zu dritt und großteils in langwieriger Editierarbeit am Computer entstandene neue Platte live auf die Bühne übertragen werden kann.

GELD, ANGST, TRAUER … UND VON VORN

Spechtl, Pabst und Janata beschreiben die relativ lange Zeit seit der letzten Albumveröffentlichung als Neuerfindung ihrer selbst. Libertatia sei »irgendwie eine zweite erste Platte«, sagt Spechtl. »Wir haben gerade noch mal angefangen.« Bisher wurde bei den Aufnahmen meist nach dem Moses-Schneider-Prinzip verfahren: Alle zusammen in einem Raum versuchen, in möglichst kurzer Zeit die Songs möglichst unmittelbar einzufangen. Mit dem reduzierten Band-Personal war diese Option vom Tisch, ohnehin wollte man nach vier Alben neu ansetzen und, wie die Band fast etwas esoterisch erklärt, tiefer in die Musik gehen. Spechtl fasst das so zusammen: »Vielleicht haben wir etwas von der uns immer unterstellten Intellektualität auf die Musik übertragen. Bis jetzt war die Musik ja das Anarchischste, in der Art: Ach, schauen wir mal, was passiert, wenn wir so in unsere Gitarren hauen! Jetzt denke ich vielleicht zweimal darüber nach, bevor ich den ersten Ton anschlage.« So wurde in einem entsprechend langwierigen Prozess viel dezentraler gearbeitet, vorwiegend am Computer arrangiert und das Material schließlich gemeinsam mit Tobias Levin produziert und gemischt.

Völlig neu ist die Arbeitsweise nicht. Vor vier Jahren schon hatte Spechtl in SPEX erklärt, dass die Musik oft durch Hin- und Hergeschiebe einzelner Bausteine am Bildschirm entstehe. »Das Konzept einer Rockband existiert bei uns nur noch auf der Bühne«, gab er zu Protokoll. Nochmals zwei Jahre zuvor hieß es im »Programm in 6 Punkten« zum Album The Taste And The Money, angelehnt an Valerie Solanas: »Schneidet die Penisse aus der Popkultur! Zerfleischt sie! Reißt sie aus allen Künsten!« Beides ändert nur bedingt etwas daran, dass man Ja, Panik wie schon in ihren frühesten Tagen immer noch vor allem als (Jungs-)Rockband mit charismatischem Frontmann wahrnimmt. Was der Band in ihrer reflektierten Art natürlich bewusst ist. Man klopft sich also immer auch auf die eigenen Finger: das Manifest als Appell ans eigene Selbst.

Die klassische Panik-Kausalkette lautete bisher immer: Geld, Angst, Trauer. Schon die Albumtitel künden davon, wie diese Trias zunehmend verdichtet wurde: Ja, Panik, The Taste And The Money, The Angst And The Money und schließlich Die Manifestation des Kapitalismus in unseren Leben ist die Traurigkeit. In Libertatia ist im Grunde alles noch auf diesem Dreiklang gebaut, aber da ist ein neuer Swing in den Tönen. Allein der Titel – eine Befreiung! Andreas Spechtl gibt, noch etwas zaghaft, die passenden Parolen aus: »Weg mit dem ganzen Moll! Faust in die Höhe und jetzt erst recht und so.«

ZUCKERWATTETRAURIGKEIT FÜR ALLE

Die Band beruft sich auf eine lange Tradition des Kampfs gegen Unterdrückung im Pop. »Ich will es so sagen: Ich sehe diese Lieder eher als Gospelstücke«, sagt Spechtl. »Ich sehe sie schon als Protestsongs, aber als solche, die man mitsingen kann, gerade in den schwierigsten Zeiten. Ich bin nicht der Typ, der traurige Lieder hört, wenn er traurig ist. Die Idee war, etwas Hymnisches zu schreiben. Im weitesten Sinne sehe ich das in einer Tradition von politischen Stücken, aber so, wie ein Soul-Song ein politisches Stück ist, wozu man auch tanzen kann.«

Vom Gospel kommt auch dieser selbstbewusste, selbstverständliche Tonfall, in dem Spechtl mehrmals von »sisters and brothers« singt, diese beschwingt-pathetische Wir-Haltung. Es gab mal ein Wort dafür: Empowerment. Aber man schmeckt in diesen utopischen Gesängen immer wieder auch Traurigkeit. Nur ist sie kein bisschen bitter, man möchte sich regelrecht hineinkuscheln wie in ein Bett aus Zuckerwattetraurigkeit.

Ähnliches gab es durchaus schon auf dem letzten Album, etwa in einem Lied, das sich »Ärger« nennt. »We’re in trouble, trouble, trouble, deep, deep, deep trouble«, sang Spechtl zu sacht twangenden Gitarren auf so genüssliche Art, als ginge es bei diesem »Trouble« um die süßeste Versuchung, die man sich diesseits des Paradieses vorstellen kann. Ich hätte bitte gerne das, was der Mann da auf der Bühne hat – Probleme!

Insgesamt aber war DMD KIU LIDT der schwere, kantige Klotz, den eine Band mit solchem Anspruch und nach solchen Vorgängeralben eben hinwuchten musste. Libertatia tritt verglichen damit fast bescheiden auf: als straighte Liedsammlung in der Tradition großen Gitarrenpops der 80er-Jahre – also natürlich höchstens tongue-in-cheek-bescheiden. Es gibt keine 15-Minuten-Sprechgesangsmonster als unauflösbar ineinander verquickte Herzschmerzverarbeitung und weltumspannende Polit-Bestandsaufnahme (wie das damalige Titelstück »DMD KIU LIDT«), es gibt keine schwergewichtig betitelten 40-Sekunden-Songs (wie »Modern Life Is War«). Dafür aber: explizite Avancen an The Smiths, Handküsschen für die Talking Heads, ein kleines bisschen Prince-Funk, der wie ein Nummernhäschen vor dem nächsten potenziellen Radiohit vorbeihopst; außerdem souveränes Weltbürgertum, immer on the road und überall zu Hause, Unbill mit einer beneidenswerten Nonchalance ausblendend und mit der nächsten Hookline oder einem Johnny-Marr-Lick überspielend. Andreas Spechtl hat wieder etwas mehr Falco in seinen Phrasierungen als Dylan. Alles ist rund, aus einem Guss, ein manieristisch zwitscherndes Sopransax (in der tollen Ballade »Eigentlich wissen es alle«) sorgt da noch für das größte Irritationsmoment.

UNTERWEGS

Wenn Ja, Panik Sun Ra zitieren – »space is the place« –, ist damit keine Weltall-Fantasia-Diaspora gemeint. Dieses Libertatia ist hier und heute ein space in unseren Köpfen. »Wo wir sind, ist immer Libertatia«, heißt es im Titelstück, »worldwide befreit von jeder nation.« Es geht um keine Parallelwelt, eher um ein anderes Denken. Ja, Panik wissen, dass das Entwerfen von Idealzonen immer vor allem mit einem zu tun hat: mit Grenzziehungen. Drinnen, draußen, oben, unten. Da reicht am Wochenende ein Blick auf die Schlange vor der Tür zum Club, auf die streng reglementierten Teilhabebedingungen von Ökokommunen im Speckgürtel, von den Leichen, die im Graben vor den europäischen Festungsmauern schwimmen, ganz zu schweigen. »Ich finde es schwierig, das so enklavenmäßig zu behaupten. Es geht bei uns überhaupt nicht um diese Schöne-Insel-Utopie«, sagt Andreas Spechtl. Die Bandmitglieder erzählen von der Gated-community-Welt, die sie im Sudan kennenlernten. Beziehungsweise davon, dass sie außerhalb dieser abgezirkelten Bereiche leider eben nichts kennenlernten.

Reisen in die sudanesische Hauptstadt Khartoum und nach Alexandria und Kairo in Ägypten – die Band war Ende 2010 auf Einladung des Goethe-Instituts dort – markierten einschneidende gemeinsame Erfahrungen in den letzten Jahren. Gerade »die Ignoranz auf beiden Seiten« (Spechtl) und produktive Missverständnisse sorgten für erhellende Momente. In Alexandria klappte das Zusammenspiel mit einer gleichaltrigen Band überraschend gut, obwohl es eigentlich keine gemeinsame Basis gab. »Bob Dylan war unbekannt«, fasst Sebastian Janata die Ausgangslage kurz und knapp zusammen. Andreas Spechtl erinnert sich an Khartoum: »Wir wurden vom Goethe-Institut als Indie-Band angekündigt – und dann dort gefragt, ob wir etwas Indisches machen.« Gemeinsam mit Christiane Rösinger, mit der er kontinuierlich zusammenarbeitet, war Spechtl rund ein halbes Jahr später ein zweites Mal in Ägypten, dazwischen lag die Revolution des 25. Januar. Spechtl malt Gänsefüßchen in die Luft, als er das Wort zum ersten Mal ausspricht. »Da kriegt man fast so eine Revolutionsromantik mit. Mir haben Leute stolz erzählt, wie sie an vorderster Front mit dabei gewesen sind. Man kann das überhaupt nicht verallgemeinern, aber bei den Jungs in unserem Alter, die wir kennengelernt haben, hatte ich den Eindruck, als wüssten sie nicht genau, wofür da eigentlich gekämpft und gestreikt und demonstriert wird.«

Die unmittelbaren Eindrücke dieser Reisen sind im ersten Band der Schriften von Ja, Panik nachzulesen (2011 auf der Band-eigenen Plattform Nein, Gelassenheit erschienen). Auf längere Sicht war vor allem das Erlebnis wichtig, sich vor dem afrikanischen Publikum auf eine rein klangliche Dimension reduziert zu sehen, sozusagen die eigene Musik befreit von Bedeutungsüberfrachtung wahrnehmen zu können. »Die Beschäftigung mit den Texten hat so überhand genommen und ist aus dem Ruder gelaufen«, meint Andreas Spechtl, »ich fand das immer etwas schade.« Emanzipation vom eigenen Wort ist also auch Teil des aktuellen Ja-Panik-Programms. Aber Spechtl macht es sich und seinem (zumindest dem deutsch verstehenden) Publikum nicht leicht. Er klaut, montiert und textet wie immer so treffend, dass es schwerfällt, nicht ständig aus den Songs zu zitieren.

Wenn schon ein Leben, das nur Mauern schafft
Dann wenigstens nicht mehr in Einzelhaft
(»Chain Gang«)

TROTZ( )HALTUNG

Es geht vor allem: um Haltung. Die Band hat ein gutes Wort dafür, eines von geradezu kindlicher Einfachheit: Trotz. »Ich fände es in so einer Zeit gefährlich, zu sagen: Alles ist gut. Ich würde unseren Ansatz als Trotzhaltung beschreiben.« Mit dieser Attitüde entwerfen Ja, Panik eine Welt, in der ein Kürzel wie ACAB eben keine Beleidigung der Exekutive mehr sein muss, sondern sich in Liebeskitsch aus einer Kuschelwelt verwandelt: »All cats are beautiful« wird die Buchstabenfolge ACAB im Refrain des gleichnamigen Songs aufgelöst. Wie gehabt: Zitat, Aneignung, Überschreibung. Die Gruppe Ja, Panik betreibt ihr Freibeutertum seit jeher ebenso stolz wie explizit, aber so dreist optimistisch war es noch nie.

So wird zum Beispiel auch der Latex-Leder-Nihilisten-Glamour des deutschen Post-Punk derart lässig geentert, dass man es im ersten Moment gar nicht mitbekommt. »Dance The ECB« wird in einem Song gefordert. Eigentlich kennt man diesen Tanzimperativ von DAF, aber der Mussolini und der Hitler und der Jesus Christus aus deren Song von 1981 wollen einem erst nicht so recht in den Sinn kommen, weil der Befehl bei Ja, Panik so luftig klingt und so viel – zugegeben: ein klein wenig hölzerne – Afrorhythmik atmet.

Ohnehin ist man mit diesem Album auf angenehmste Art ständig unterwegs. Verschwinden, Taxifahrt, Einfach-raus-Sein, Neverland, »gone with the wind«. Ein süßes, fast ein bisschen fauliges Aroma schwebt über diesen Songs. Wie ein Hauch nur, aber er ist da: der Duft des Exotismus. Ja, Panik fordern »Fresh fruits in unknown places« und schicken eine Grußpostkarte an die Adresse von Kid Creole & The Coconuts (Fresh Fruit in Foreign Places, 1982), sie träumen von fernen Metropolen, von Antananarivo zum Beispiel. Die Stadt mit rund zwei Millionen Einwohnern ist bekannt (oder vielleicht eher: unbekannt) als Kapitale Madagaskars, berühmt nicht zuletzt für die vier As in ihrem Namen, eine Herausforderung für jeden ambitionierten Liedtexter.

Antananarivo also ist der Fluchtpunkt der musikalischen Reise von Ja, Panik in Richtung Libertatia: der letzte Song, das letzte gesungene Wort. Das Stück handelt vom ewigen Wieder-von-vorn, es verbreitet eine Aura von ungemeiner Zuversicht, ist schön, tröstlich, gut; ein Schlusspunkt, den man sich wunderbar als Abschied auf Konzerten vorstellen kann, in der ersten Reihe haben alle Tränen in den Augen. Aber ist das lyrische Ich, das hier spricht – genau besehen ist es wieder ein lyrisches Wir –, nicht doch das eines weltenbummelverwöhnten Flaneurs, für den Afrika vor allem das madagassische Flora-Fauna-Wunderland ist? Der sich kurz in Port-au-Prince seine Dosis Augenauswaschung holt und wieder auf und davon macht, über London nach Beijing vielleicht, wenn er genug hat vom Post-Erdbeben-Armuts-Porno? Hätte in der Aufzählung der wohlklingenden Städtenamen, die sich in dem Song zum Refrain formen, aktuell nicht noch Tacloban gefehlt? Andreas Spechtl nimmt sich die Kritik zu Herzen, stimmt sofort zu. Aber der Song sei anders gemeint, erklärt er, spiele in einem längst schon befreiten Irgendwann-Danach, »wo alle Versprechen eingelöst worden sind, wo ein egalitäres Reisen eben wieder möglich ist«

Dazu singt – pling pling – die Aschenbecher-Steeldrum in der Ja-Panik-Zentrale noch einmal ihr Lied. »Es war noch ein bisschen naiv, wie man sich’s wohl auch vorstellt, kurz nachdem so etwas passiert ist. Wenn noch keiner weiß, was daraus wird.« Das hatte Spechtl kurz vorher über seine Eindrücke nach der Revolution in Kairo gesagt. Aber er kann genauso gut auch sich und seine Band gemeint haben: Ein ähnliches Gefühl von Aufbruch hat man nach dem Hören von Libertatia.

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