»Die Minderheit wird immer größer« – die Primavera-Macher im Interview

Ambiente beim Primavera Sound vor zwei Jahren. Photo by Dani Canto

Vom 28. bis 31. Mai findet mit dem Festival Primavera Sound in Barcelona eines der größten und bestgebuchten Festivals in Europa statt. Dieses Jahr gehören neben Headlinern wie Arcade Fire, Pixies und Kendrick Lamar auch seltener gesehene Festivalgäste wie Television, Slowdive, Slint und Neutral Milk Hotel zum Line-up. Unsere Fragen zu einer möglichen Frauenquote im Line-up, dem Einfluss der Finanzkrise auf das Festival und dem besonderen Appeal der Veranstaltung beantworteten die Booker Abel González und Abel Suárez sowie Marketingchef Alfonso Lanza per E-Mail.

In den letzten Jahren stand das Primavera vor allem in Spanien zeitweise in der Kritik. Immer wieder kam der Vorwurf auf, das Festival kümmere sich nicht ausreichend um die Förderung der katalanischen und spanischen Musik. Dieses Jahr scheinen mehr lokale Bands als in der Vergangenheit im Line-up zu stehen.
Eigentlich buchen wir jedes Jahr mehr oder weniger die gleiche Zahl an katalanischen und spanischen Bands. Natürlich liegt uns die lokale Musikszene am Herzen. Mit vielen Bands aus Barcelona und Katalonien veranstalten wir das ganze Jahr über Konzerte. Ebenso klar ist aber, dass manche Leute nie mit unserer Arbeit zufrieden sein werden. Es wird immer Stimmen geben, die sich mehr spanische Bands, mehr weibliche Bands, mehr Pop oder Metal wünschen.

Das Primavera macht in puncto Diversität schon einen besseren Job als viele andere Festivals. Am Ende des Tages ist es aber immer noch eine Veranstaltung, die von weißen, männlichen Bands dominiert wird. Sehen Sie das als Problem? Denken Sie über bestimmte Gegenmaßnahmen nach, etwa eine Quote für weibliche Bands und Künstlerinnen?
Wäre es nicht eine Art von positiver Diskrimierung, wenn wir außermusikalische Maßstäbe anlegen würden? Wir glauben, dass es der richtige Weg ist, bei der Zusammenstellung des Line-ups überhaupt nicht auf Herkunft, Geschlecht und Genre zu blicken. Eine wie auch immer geartete Diskriminierung würde lediglich dazu führen, dass unsere Besucher bestimmte Bands aus den falschen Gründen verpassen würden. Wir möchten Seun Kuti, Dr. John, die Pixies und St. Vincent nebeneinander stellen – nicht um genügend Frauen, Schwarze, Dicke, Asiaten, Junge oder Alte zu buchen, sondern weil sie es verdient haben.

Festivals haben in den letzten zehn Jahren enormen Zulauf erfahren. Eine Zeit lang wurden sie immer größer und zahlreicher. In Deutschland scheint der Markt inzwischen übersättigt, die ersten kleineren und mittelgroßen Festivals verabschieden sich wieder. Gibt es in Spanien eine ähnliche Entwicklung?
Die Wirtschaftskrise der letzten Jahre hat auf jeden Fall einige Festivals in die Knie gezwungen. Das Hauptproblem in Spanien ist aber weiterhin, dass es zu wenig gute Festivals gibt, Festivals mit guter Philosophie und dem entsprechenden Line-up. 80% der Veranstaltungen in Spanien werden völlig unkreativ gebucht. Jedes Jahr spielen dort die gleichen Bands, es ist wirklich furchtbar. Wir sehen es durchaus als eine unserer Aufgaben an, den Besuchern auch obskurere Bands und Genres näher zu bringen. In Spanien passiert das weiterhin hauptsächlich auf kleinen Spezialfestivals.

Inwiefern hat das Primavera denn selbst die Finanzkrise gespürt?
Auch für uns sind die Zeiten härter geworden. Viele junge Menschen können sich ein 190-Euro-Ticket für das Festival nicht mehr so einfach leisten. Der Altersdurchschnitt unserer Besucher ist auf 30 Jahre gestiegen. Wir versuchen dem entgegenzuwirken, indem wir zum Beispiel die Möglichkeit anbieten, Tickets in Raten zu zahlen. Weil der Kartenverkauf bisher stabil geblieben ist, können wir uns weiterhin ein attraktives Line-up und insgesamt neun Bühnen leisten. Natürlich hilft uns auch, dass das Primavera für zahlreiche Marken ein sehr attraktives Werbeumfeld ist. 

Das Primavera gilt als Festival mit »Indie-Appeal«, auch wenn es längst die Ausmaße eines klassischen Mainstream-Rock-Festivals erreicht hat. Sorgen Sie sich darum, dass diese Anziehungskraft verloren gehen und das Primavera zu einer Veranstaltung unter vielen werden könnte? Wirken Sie dem entgegen?
Wir sind immer noch ein Festival, das sich an eine musikalische Minderheit richtet, auch wenn diese Minderheit in den letzten Jahren deutlich größer geworden ist. Solange wir den Geist und Qualitätsstandard unseres Line-ups aufrecht erhalten, machen wir uns keine Sorgen um unseren Indie-Appeal. Bisher feiert bei uns niemand mit dem Rücken zur Bühne. Außerdem veranstalten wir ja auch (eine Woche späterdas deutlich kleinere Primavera in Porto. Dort bewegen wir uns in Dimensionen, wie wir sie in Barcelona noch vor ungefähr fünf Jahren hatten.

Das Primavera Sound findet vom 28. bis 31. Mai in Barcelona statt. Noch gibt es Tageskarten und Festivalpässe.