In Strahlgewittern: Pet Shop Boys live in Hannover

Go east? Pet Shop Boy Neil Tennant wartet auf Erleuchtung aus dem Osten (Foto: Ken McKay)
Go east? Pet Shop Boy Neil Tennant wartet auf Erleuchtung aus dem Osten (Foto: Ken McKay)

Das Geheimnis der Welt ist das Sichtbare, nicht das Unsichtbare, wusste schon Oscar Wilde. Und das wissen auch die Pet Shop Boys, wie sie am 25. Juni in der Swiss Life Hall in Hannover mit einem Spektakel aus Farben und Licht, Laserstrahlen und LEDs einmal mehr unter Beweis stellten.

Vor knapp 20 Jahren wollten die Pet Shop Boys schon einmal Station in der Stadt machen, die wie Lover auf over endet, dann aber verunglückte ein Mitarbeiter der Crew bei einem Unfall auf dem Weg in die niedersächsische Metropole tödlich. Der Auftritt fiel ohne Nachholtermin aus. Damit nicht genug: Man nahm den Vorfall als Menetekel und ließ verlautbaren, dass man nie wieder in dieser Stadt ein Konzert geben werde.

Ich hatte Karten, war damals noch klein und entsprechend leicht entflammbar von Mitmensch und Musik, die Liebe – die Erfindung einer cleveren Geschlechtskrankheit, wie amerikanische Wissenschaftler ja unlängst herausgefunden haben – lächelte mir mit ihrem Paradiesversprechen zu und ließ sich keck dunkle Strähnen in die blasse Stirn fallen, nur um sie dann mit einer anmutigen Geste wieder aus dieser hinausschütteln zu können. Wie schön hätte da ein Konzert der beiden auf dem Grat zwischen unspezifischer urbaner Melancholie und großem Lebens-Ja wandelnden Disco-Dandys gepasst.

Zum Glück scheinen Neil Tennant und Chris Lowe entweder vergesslich oder aber nicht sonderlich nachtragend zu sein. Jedenfalls kehrten sie im Rahmen von fünf Zusatzterminen ihrer Super-Tour in Deutschland an den Ort des Geschehens zurück. Und wie! Es beginnt mit dem minimalistisch pulsierenden „Inner Sanctum“ aus dem aktuellen Album. Schon hier wird deutlich, wie stark die nicht oft genug betonte Verwurzelung des Duos in Italo Disco und Eurodance ist. Wer eine Blaupause für das prototypische PSB-Stück hören will, möge nur einmal „Don’t Cry Tonight“ von Savage aus dem Jahr 1983 hören.

Lichtwunderwelten: die Pet Shop Boys im Bühnenbild von Es Devlin (Foto: Ken McKay)
Lichtwunderwelten: die Pet Shop Boys im Bühnenbild von Es Devlin (Foto: Ken McKay)

Die Stage-Designerin Es Devlin hat zur Show eine bunte Bühne geschaffen, die zwischen Pop Art und einem fancy Albert-Speer-meets-Robert-Wilson-Lichtdesign changiert. Lysergische Kreise tanzen, Phalangen aus blauen, roten und grünen Scheinwerfern flammen auf, später kommen zuckende Lasernetze und Texturen aus Strahlgewittern hinzu. „Nur oberflächliche Menschen urteilen nicht nach dem äußeren Erscheinungsbild. Das Geheimnis der Welt ist das Sichtbare, nicht das Unsichtbare.“ Dieses auf die Tiefe der Oberfläche hinweisende Oscar-Wilde-Diktum könnte als Maxime über dem Spektakel aus Farben, Licht und LED-Reigen stehen, das die Pet Shop Boys vor 2.500 Zuschauern in der gut gefüllten, wenngleich nicht ganz ausverkauften Mehrzweckhalle veranstalten.

Das Eröffnungsstück geht in „Opportunities (Let’s Make Lots Of Money)“ über. Der Saal tobt, weil hier die eigene Jugend zur Wiederaufführung gelangt. Niemand ist unter 30, die meisten sind 40 oder 50 plus, viele im besten Schlaganfallalter. Ein Hauch von Altersheim, aber gutgelaunt und Rollator-los. Vielleicht gibt der in eleganter Abendgarderobe auftretende und aufgeräumt durch über 30 Jahre Pet Shop Boys führende Conférencier Neil Tennant, der es noch immer versteht, seine Stimme wie die eines Teenagers klingen zu lassen, deshalb auch nicht „Twenty-something“ zum besten. Dafür hören wir etwas Ähnliches, nämlich den Hit „The Pop Kids“.

Ich bereue ernsthaft, meine glow bracelets zu Hause vergessen zu haben.

Dann folgt der erste Höhepunkt der Show: eine knallige, Beat-gepimpte Version des minimalistischen Eurosynth-Smashers „In The Night“, 1985 als B-Seite von „Opportunities“ veröffentlicht und jahrelang der Titelsong von The Clothes Show auf BBC 1. Die DJ-Logik würde jetzt ein Stück von The Flirts im unmittelbaren Anschluss fordern. Doch es kommt das Discofox-geeignete „Burn“ vom Super-Album – und genau jetzt bereue ich ernsthaft, meine durch Knicken aktivierbaren glow bracelets zu Hause vergessen zu haben. Es folgt eine von Michael Nyman aufgegriffene, barockfiebrige Henry-Purcell-Hookline, und das kann ja nur eins bedeuten: „Love Is A Bourgeois Construct“. Solche Titel bekommen nur die Pet Shop Boys hin.

Ist das jetzt das dandyistische Raffinement des Einfachen oder die Simplifizierung hochkultureller Komplexität? Jedenfalls ist die Verbindung von highbrow und dance culture, verweisungsreichem intellektuellen Anspruch und Dancefloor-Volksnähe bei keinem anderen Popduo der Welt so zwanglos und charmant geknüpft wie bei den beiden Briten. Als eine der ersten modernen Bands schrieben sie Songs, welche der postmodernen Lieblingskategorie des Doppelcodierten angehörten und so Mainstream und Subversion elegant miteinander kombinierten.

Wenn du ein Flugzeug entführen willst, musst du dich halt erst mal reinsetzen, wie es irgendwo bei Antonio Gramsci heißt. Und so kann der fleißige CNC-Fräser in Wochenendstimmung ebenso zu ihnen abtanzen wie Typen, die irgendwelche Fonds verwalten, während der Popconnaisseur verschlungene Auskennerintertexte verfolgen und sich über den Tongue-in-cheek-Esprit der beiden freuen darf. Am schönsten aber ist die Vermählung beider Codes im tanzenden Auskenner-Pop-Kid: die Vereinigung des strömenden Beats mit dem zerebralen Reigen der sich jagenden Signifikanten.

Schutzmaßnahme bei Strahlenalarm: die „Super“-Helme der Pet Shop Boys (Foto: Ken McKay)
Schutzmaßnahme bei Strahlenalarm: die „Super“-Helme der Pet Shop Boys (Foto: Ken McKay)

Am Ende gibt es in Hannover noch drei Zugaben – mehr nicht, man ist ja nicht The Cure und spielt sich schweißtreibend den Arsch ab. Das hier ist schließlich Pop, nicht Rock. Als gerade mal der Abend zu dämmern beginnt, ist das Konzert schon wieder vorbei. Menschen stehen herum, man verspürt ihr Bedürfnis, sich noch ein wenig unverbindlich begegnen zu können, aber das Schicksal ist gnadenlos. Also geht es ein bisschen erschöpft und auch ein bisschen glücklich allein oder in Zweiergrüppchen in die vernieselte Nacht von Lower Saxony.

Suppenhaare gibt es kaum und wo doch, haben sie mit Individualbefindlichkeiten des Rezensenten zu tun. Erstens: Mein im Geiste der Völkerverständigung sozialisiertes politisch-spirituelles Immunsystem reagiert immer ein bisschen über, wenn Leute reichsparteitagsrhythmisch mitklatschen und dazu gar vom – sagen wir: Frontmann Robinson-Club-mäßig angeheizt werden. Zweitens: Ich hätte gern noch die beiden Überstücke „The Way It Used To be“ und „Try It (I’m In Love With A Married Man)“ gehört, aber man kann ja nicht alles haben. Die Boys, die immer etwas von der musikalischen Entsprechung von Rutschen für Erwachsene haben, versöhnten jedenfalls vortrefflich mit dem einst gecancelten Konzert, und vielleicht macht ja auch die Liebe demnächst irgendwann noch mal ihren alten Trick.

Ein Bericht vom Super-Tourauftakt der Pet Shop Boys im Royal Opera House in London ist hier nachzulesen. Ein ausführliches Interview mit Neil Tennant und Chris Lowe zum Album Elysium findet sich hier.

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