Idris Ackamoor & The Pyramids »We Be All Africans« / Review

Die Utopie Afrika funktioniert immer noch, selbst in Berlin. Oder muss man sagen: wieder?

Irgendwann in den Sechzigerjahren wurde Leon Chancler zu Ndugu. Ronald Kirk drehte Buchstaben und erweiterte seinen Namen zu Rahsaan Roland Kirk. Und etwas später benannte sich Charles Jones, Vater von Nasir Jones alias Nas, in Olu Dara um. Irgendwie »afrikanisch« klingende Künstlernamen waren vor ein paar Jahrzehnten ein verbreitetes Phänomen unter den spirituell interessierten, politisch aktiven afroamerikanischen Jazzmusikern. Afrika diente damals (neben dem Islam – momentan kaum vorstellbar) als Fluchtpunkt, als Utopie, auch als politisches Statement. Heute hallt all das noch in afroamerikanischen Namen wie Ferlisha, LaShawn oder Da’rion nach.

Irgendwann in den Siebzigern benannte sich auch Bruce Baker um, er wollte fortan Idris Ackamoor heißen. Sein Freund Thomas Lee Williams wurde zu Kwame Kimathi Asante. In »We Be All Africans«, dem Titelstück des neuen Albums ihrer gemeinsamen Band, der früher eher obskuren und heute erfolgreicher reinkarnierten Spiritual-Jazz-Combo The Pyramids, preisen Ackamoor und Asante nun ein paar afrikanische Touri-Sehenswürdigkeiten wie den Kilimandscharo oder die äthiopischen Felsenkirchen von Lalibela. Und im Refrain heißt es: »We be all Africans, coming from the motherland / Garden of Eden, cradle of humankind«. Na ja. Solche Verklärung wird dem Kontinent genauso wenig gerecht wie die sonst vorrangig abgespulte Leier von Kriegen, Krisen, Katastrophen. Es ändert aber nichts daran, dass die Pyramids mit We Be All Africans ihr bislang eingängigstes, vielleicht sogar bestes Album vorlegen.

Vorbei ist es mit strukturell offenen Muschelhorn-Jams.

Vorbei ist es mit strukturell offenen Muschelhorn-Jams oder Mbira-Freakouts wie noch auf dem Vorgänger Otherworldly (2012). Statt an den Dschungel am Kongo-Fluss erinnern die Mbiras nun an Earth Wind & Fire. Und statt auf freien Drum-Wolken zu schweben, treibt geradliniger Funk die Stücke voran – ein Wandel, der an die Entwicklung der Kollegen Juju beziehungsweise Oneness Of Juju vom freejazzigen A Message From Mozambique (1973) zu African Rhythms (1975) erinnert. Das ist vermutlich das Werk von Max Weissenfeldt, bekannt von den Poets Of Rhythm oder den Polyversal Souls, der diese knackig-kurze Platte in Berlin aufgenommen hat, mit ihren kleinen Spiritual-Jazz-Hits, nicht weit von The Creator Has A Master Plan (von Pharoah Sanders, ursprünglich Farrell Sanders), wenn auch längst nicht so jenseitig entrückt. Und bei Rhapsody In Berlin gibt es dann sogar Afrobeats. Die Utopie Afrika funktioniert also immer noch, selbst in Berlin. Oder muss man sagen: wieder?

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