»Ich verspüre Furcht« – Yann Tiersen im Interview

Foto: Gaelle Evellin

Mit der Filmmusik von Die fabelhafte Welt der Amélie ist Yann Tiersen berühmt geworden. Aber im Werkkatalog des Komponisten sind auch Exkurse ins Elektronische und Postrock-Gefilde zu finden. Auf seinem neuen Album geht es aber wieder reduzierter und minimalistischer zu. EUSA versammelt 18 Aufnahmen, mit denen Tiersen seine Heimat, die gleichnamige Insel in der Bretagne, musikalisch in Szene setzt. Die Stücke wurden zunächst als Partitur veröffentlicht – jetzt hat Tiersen die Aufnahmen für ein Konzeptalbum gebündelt, dessen roter Faden ein subtil meditativer Drone ist, der sich aus Field Recordings der Insel zusammensetzt. SPEX hat den Künstler zum Album befragt – Tiersens Antworten bleiben – wie sein Werk – vage.

Yann Tiersen, EUSA ist Ihr erstes Album, das nur auf einem Klavier eingespielt wurde. War es für Sie als Multiinstrumentalist eine Herausforderung, sich derartig zu reduzieren?
Ursprünglich hatte ich bei diesem Projekt gar kein Album im Kopf. Vor einem Jahr habe ich die zehn Nummern nur für ein Buch mit Bildern und Links zu Field Recordings geplant. Auf den Konzerten wollte ich die Pianostücke dem Publikum möglichst gefällig präsentieren. Nach der Tour gab es aber eine weitere, bei der ich die Stücke mit Field Recordings im Hintergrund spielte. Erst durch die Improvisation, die zwischen den Kompositionen entstand, kam ich zu dem Entschluss, ins Studio zu gehen. Wenn mir jemand vor einem Jahr gesagt hätte, dass ich bald ein Piano-Soloalbum veröffentliche, hätte ich sehr gelacht. Das Klavier war niemals das Instrument, auf dem mein Fokus lag, auch wenn es gerade Klavierstücke waren, mit denen ich bekannt geworden bin.

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Foto: Christopher Espinosa Fernandez

Der Drone gibt den Pianosoli einen Rahmen und jedes Stück ist nach einem spezifischen Ort der Insel Ouessant (EUSA ist die bretonische Schreibweise für Ouessant) benannt, auf der Sie leben. Verarbeiten Sie mit diesem Werk persönliche Erfahrungen?
Zu Beginn hatte ich vor, an bestimmten Plätzen Mikrofone zu installieren. Ganz unabhängig von einer bestimmten Tageszeit. Es geschah viel durch Zufall. Erst während der Aufführungen bin ich dann auf die Idee gekommen, einen Drone aus dem Rohmaterial zu kreieren. Ich habe viel moduliert. Die Idee der Kompositionen war vielmehr, eine musikalische Landkarte zu erschaffen. Anders als bei einem Foto oder einer Zeichnung geht es auf einer Karte um die Form des Ortes. So wird auch Distanz ermöglicht.

Wie kann instrumentale Musik als Narrativ funktionieren, wenn sie anders als Sprache ohne konkrete Zeichen arbeitet?
Das Magische an Musik ist, dass sie jenseits von Sprache wirkt. Musik an sich bedeutet nichts. Wenn sie etwas bedeuten will, handelt es sich um schlechte Musik. Es gibt ein großartiges Buch von Oliver Sacks mit dem Titel Musicophilia. Ich meine mich daran zu erinnern, dass in der Einleitung diskutiert wird, wie die Welt ausgesehen haben könnte, wenn man anstelle von Wörtern und Sprache nur mit musikalischen Ausdrücken kommuniziert hätte – ganz ohne Bedeutung, nur mit rohen Emotionen.

»Musik An sich bedeutet nichts. Wenn sie etwas bedeuten will, handelt es sich um schlechte Musik.«

Auf Ouessant leben nicht einmal 1000 Menschen. Wie kann man sich das Leben dort vorstellen?
Keine Bäume und ziemlich viel Wind. 800 Einwohner – das ist doch ein guter Durchschnitt. Geografisch ist man hier natürlich sehr abgeschieden, doch das soziale Leben erscheint zumindest mir vom Ablauf her einfacher als im urbanen Raum. Ich gehe hier öfter aus als in der Stadt.

Profitiert Ihr musikalisches Gehör von der Natur?
Selbstverständlich! Ich glaube, dass es intensive Verbindungen mit der Natur gibt. Das kann den Ort betreffen, wo man geboren wurde aber auch eine andere Gegend, die man für sich entdecken konnte. Ich denke, dass es gut ist, einen solchen Ort zu haben – um sich selbst zu finden, zu wachsen und um Abstand zu manchen Dingen finden zu können.

Auf Ihrem Album Skyline haben Sie an einer Stelle gesungen: »All monuments of men / are sinking in vain«. Diese nahezu apokalyptische Zeile stammt aus einem Song, der – was die Instrumentierung betrifft – eher friedlich wirkt. Auch die Arrangements auf EUSA spielen streckenweise mit der Ambivalenz von Ruhe und Bedrohung.
Wir leben in schwierigen Zeiten. Was das 21. Jahrhundert angeht, bin ich ziemlich pessimistisch – aber wiederum optimistisch mit Blick auf das 22. Sicherlich gibt es bei mir Passagen, die man als apokalyptisch umschreiben könnte. Wie vermutlich viele Menschen verspüre ich Furcht. Auf der anderen Seite versuche ich aber immer zu genießen –  etwa die Natur, die uns noch bleibt, ehe sie beschädigt wird und verschwindet.

Nicht selten fühlt man sich an die Klavierkompositionen von Qluster erinnert.
Ich habe jedenfalls viel Wert auf die Improvisation und die Übergänge zwischen den Tracks gelegt. Mit meinem elektronischen Projekt ESB (Yann Tiersen kollaborierte mit Lionel Laquerriere und Thomas Poli) war ich vergangenes Jahr auch bei der Roedelius-Woche in Berlin vertreten. Ich bin auf jeden Fall ein Fan von Qluster. Das ist aber kein bewusster Einfluss für dieses Album gewesen.

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