„Ich hatte Todesangst“ – Dillon im Interview

Foto: Joseph Kadow

Morgen erscheint Dillons drittes Album Kind und es klingt wie ein Befreiungsschlag der Musikerin. Im SPEX-Interview spricht sie über ihre neue Herangehensweise, ihre Verweigerung gängiger Erzählungen – und über ihre Todesangst.

Hypnotisch sanft, ehrlich und zerbrechlich, nicht von dieser Welt. Dominique Dillon de Byington ist die Art Künstlerin, der niemand länger als ein paar Minuten widerstehen kann. Auf ihrem mittlerweile dritten Album erwartet man von der Wahlberlinerin und Ex-Kölnerin mit Wurzeln in Brasilien eigentlich das gleiche wie bisher: Schmerzbewältigung zu minimalistischen, elektrisierenden Popbeats. In früheren Interviews betonte die Musikerin gerne, wie schwer ihr der Schreibprozess fiel und es wirkte zeitweise als durchlebe sie eine Art Märtyrium, um ihr Publikum weiterhin mit Gefühlen in Liedform zu versorgen.

So viel vorweg: Auf Kind geht es ihr besser, das hört man. Und man merkt es auch, wenn man sie zum Interview zu treffen. Die spürbare Verunsicherung, die in alten Videointerviews mit ihr förmlich greifbar war, scheint verflogen. Sie ist herzlich und witzig, auch wenn sie sich sehr bedacht ausdrückt. Sie weiß genau um ihre Stärken, ohne eitel zu wirken, lacht herzlich über meinen Nachnamen. Anders als bei den bisherigen Alben, vor allem dem dunklen, intimen The Unknown, freue sie sich darauf, Kind mit der Welt zu teilen: „Weil ich weiß, dass ich niemanden damit belaste.“

Dillon, wann sind Sie heute Morgen eigentlich aufgestanden?
So um neun Uhr. Also vor einer Stunde. Wieso?

Sie sprachen in früheren Interviews oft davon, nur früh am Morgen schreiben zu können. War es bei Kind ähnlich?
Nein, das war viel freier. The Unknown war ein Album, bei dem ich mich zum Schreiben zwingen musste, weil ich mich nicht freiwillig mit den Themen auseinandersetzen wollte. Jetzt war es komplett anders. Dieses Mal war meine Arbeit hemmungslos und frei.

Inwiefern ist Kind noch anders als Ihre früheren Alben?
Bei Kind hatte ich zum ersten Mal das wirkliche Verlangen mit anderen Menschen zu kollaborieren. Das war für mich total aufregend, weil ich mich so nicht kannte. Ich habe nie andere Künstler angesprochen und gefragt, ob sie mit mir arbeiten wollen. Für Kind habe ich das auf jeder Ebene gemacht. Das war wahnsinnig schön. Denn mit je mehr Menschen man Liebe teilt, desto mehr bekommt man zurück.

 

Haben die wechselnden Helfer auch dazu beigetragen, Ihre Schreibblockade zu überwinden?
Die Schreibblockade ist in meinem Kopf, die hat nichts mit meinem Umfeld zu tun. Und es ist auch keine Schreibblockade, sondern Todesangst. Ich will das dann nicht dokumentieren, deswegen schreibe ich nicht Ich kann dann einfach nicht über mich schreiben. Und dieses Mal war es nicht so, weil ich keine Angst hatte.

Mit „Te Procuro“ und „The Present“ finden sich auf Kind zwei Songs, die kaum bearbeitete I-Phone-Aufnahmen sind. Ist das, nach zwei ziemlich durchproduzierten Alben, eine Art Befreiungsschlag?
Absolut. Das war mein Geschenk an mich selbst. Es war mir wichtig, mich so drauf zu haben, wie ich mich selbst höre. Ich höre mich nicht an wie in „Contact Us“ oder „Lullaby“, genauso wie ich nicht aussehe wie in den Magazinen. Ich will mir selbst nichts vormachen, weil ich möchte frei sein.

„Ich habe keinen Bock mehr auf Geschichten, die sich einfach nur auflösen und an deren Ende alle sterben.“

Wie verbringen Sie diese Freiheit, wenn gerade kein Album ansteht?
Kommt drauf an, ob ich auf Tour bin oder nicht. Eine Tour streckt sich oft über Monate, es gibt immer wieder diese kurzen Unterbrechungen und schon ist ein Jahr vergangen. Eigentlich ist es immer so gewesen: Ein Album rausbringen, zwei Jahre touren und dann ein Jahr klarkommen.

Wo wir gerade bei Konzerten sind: Es gibt eine Doku über einen Ihrer Auftritte. Da sagen Sie, dass Sie für Konzerte auch ein bestimmtes Mindset haben möchten …
(unterbricht) Ich hab einfach keine Wahl. Man kann sich nicht aussuchen, depressiv zu sein oder eben nicht. Man kann nur depressiv sein und es zulassen. Ich fange auch oft auf der Bühne an zu lachen. Darüber spricht aber niemand. Nur darüber, dass ich manchmal weine. Ich kontrollier’s nicht und ich zensier mich nicht. Aber ich provoziere auch nichts. Es ist nicht so, dass ich mit irgendwem einen Streit anfange, bevor ich auf die Bühne gehe, damit ich nervös bin.

Sie beschrieben das Album kürzlich als Samen, der zum Baum heranwächst. Das Album beginnt und endet aber mit demselben Song. Was steckt dahinter?
Ich will das eigentlich gar nicht erklären. Wenn man es nicht hören möchte, kann man es einfach ignorieren. Mir war wichtig, dass das Ende der Anfang und der Anfang das Ende ist. Ich habe keinen Bock mehr auf Geschichten, die sich einfach nur auflösen und an deren Ende alle sterben. Ich weigere mich.

Und Sie hören diese Geschichte im Pop zu oft?
Nicht nur da, überall. Klar, jeder stirbt am Ende. Und ich weiß: Ich werde irgendwann sterben, aber jetzt noch nicht. Bei The Unknown war das andersherum. Da gehe ich ins Meer und komme nicht mehr zurück. „Currents Change“ war genau das. Ich laufe ins Meer bis ich ertrinke und komme nie wieder zurück. Ich bin zurückgekommen. Ich bin zurückgekommen und – I’m here to stay.

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