»Ich habe Angst davor, im Schlaf zu sterben« – eine kurze Begegnung mit Courtney Barnett

Früher wäre Courtney Barnett liegen geblieben. Heute arbeitet sie 24/7 für Musik, die sich nicht nach Arbeit anhört – eine Begegnung auf dem Haldern Pop Festival. Und ein neues Video der schlagfertigen Songwriterin mit Gitarre, die nichts weniger ist als Songwriterin mit Gitarre.

»Klar kannst du dir den Arsch abarbeiten und dir davon einen Plasma-Fernseher kaufen«, meint Courtney Barnett. »Wenn das deine Vorstellung von Freiheit ist — nur zu!« Es regnet auf dem Haldern Pop Festival. Barnett, die Sängerin mit der aktuell lässigsten Ausstrahlung, muss hart für dieses Image arbeiten.Das mit dem Fernseher, findet man schnell heraus, meint die Australierin nicht einmal böse. Ihr aktuelles Album Sometimes I Sit and Think, and Sometimes I Just Sit handelt durchweg von verschiedenen Lebensentwürfen, die sich zwar gegenseitig kritisieren, aber trotzdem auf engem Raum koexistieren. Das Gegenteil von Cowboy-Logik à la »Die Stadt ist zu klein für dich und meinen Plasma-Fernseher«.

»Yes I like hearing your stories / But I’ve heard them all before«, singt sie im neuen Video zu »Nobody Really Cares If You Don’t Go To The Party«. Ja, ich sehe dich und finde dich langweilig. Aber ich werde dich nicht dafür fertig machen. Mehr noch: Unsere Unterschiede sind kein Hindernis für unsere Liebe.

In ihren Songs lässt Barnett hedonistische und introvertierte Personen aufeinandertreffen — und so zwei vermeintlich verfeindete Welten miteinander kommunizieren: Workaholic und Langschläfer, Businessfrau und Tagträumer. Der Höhepunkt und vermutlich Bezugspunkt Nummer eins im Titel »Pickles in a Jar«: Courtney und ihre deutlich ältere Lebenspartnerin Jen Cloher.

Gegensätze ziehen sich bei Barnett nicht unbedingt an — aber sie stoßen sich auch nicht ab. Eine versöhnliche Nachricht. Das Workaholic-Credo »Du kannst schlafen, wenn du tot bist« dreht Barnett dementsprechend um: »Ich habe Angst davor, im Schlaf zu sterben«. Mit solchen zynischen Sätzen macht sich die 27-Jährige gerade schwerelos. Sie beschäftigt sich zudem nie länger mit den Problemen anderer, präsentiert lieber eigene Lösungen: »Irgendetwas in unserem Kopf diktiert uns permanent: Werde besser, arbeite schneller, setze dir immer neue Ziele. Und: Versuche immer etwas zu erreichen. Mein Ziel ist dagegen immer, dass mein nächster Song besser wird als der vorherige.« Die Karrieremesslatten, die andere anlegen, blendet sie aus: »Es gibt keinen Maßstab für gute oder schlechte Songs. Darüber entscheide alleine ich.« Das Versprechen der Leistungsgesellschaft – eine Lüge: »Arbeit wird uns als die große, wirklich gewordene Freiheit versprochen«, sagt Barnett. »Sie wollen uns erzählen: Arbeite lange; so lange, dass du es eines Tages nichts mehr tun muss. Was für ein Schwachsinn.«

Dennoch setzt Barnett das Workaholic-Credo auf ihre Weise um: Seit sie sich mit ihrer Gitarre selbstständig gemacht habe, arbeite sie tatsächlich 24/7. Aber das mache sie auch glücklich. »100-Stunden-Woche, 200-Stunden-Woche — wen interessiert das dann noch? Du kannst dir jeden Tag die selbe Frage stellen: Bleibst du im Bett, oder stehst du auf?«

courtney2

Damals wäre Barnett liegen geblieben: Die letzte Möglichkeit, die Welt zu schockieren. Klappt nicht mehr: »Früher habe ich nachts gearbeitet und mit dieser Ausrede den Nachmittag im Bett verbracht. Für mich war klar: Glück ist eine Ausziehcouch. Heute versuche ich meinem Leben möglichst einen Rhythmus zu geben, der sich nicht nach Verschwendung anfühlt. Es geht mir nicht mehr darum zu schockieren. Es geht mir darum, nicht das zu tun, was mir gesagt wird — das wäre Verschwendung.«

Und wenn das auch irgendwann aufhört Spaß zu machen? »Come on, ich bin 27!«, lacht Barnett. „Bisher ist es einfach nur super. Frag mich in 30 Jahren noch mal.«

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here