Hype Williams „Rainbow Edition“ / Review

Rainbow Edition ist ein Anti-Christopher-Nolan-Werk. Zeit ist hier kein virtuos auf 70-Millimeter-Film in Szene gesetztes Gestaltungsprinzip, sondern in Verzerrung aufgehoben.

400.000 Mann, ein Wort: „Home!“ Es ist das Sehnsuchtswort in Christopher Nolans Kriegsfilm Dunkirk. Fast zum Greifen nah liegt „home“ auf der anderen Seite des Ärmelkanals, und mehr als dieses einsilbige Sesam-öffne-dich-Gestammel bringen viele von Nolans Figuren in ihrer aussichtslosen Lage, am Strand des französischen Ortes Dunkerque von einer Nazi-Übermacht umzingelt, nicht über die Lippen. Einige nicht mal das. „Home“ ist in Nolans Film eine Verheißung, ein Versprechen, dessen Einlösung schon in den historischen Tatsachen begründet liegt: Der Großteil der bei Dunkerque eingeschlossenen britischen und französischen Truppen konnte im Jahr 1940 über eine Seebrücke nach England gebracht und gerettet werden.

Ein Sound wie ein nasser Flickenteppich.

Rainbow Edition, ein Album, das wenige Wochen nach dem Kinostart von Dunkirk unter dem Pseudonym Hype Williams erscheint, lässt sich als Anti-Nolan-Werk begreifen. Zeit ist hier kein virtuos auf 70-Millimeter-Film in Szene gesetztes Gestaltungsprinzip, sondern in Verzerrung aufgehoben. Die Stücke klingen wie Collagen aus verblassten Erinnerungen an etwas, das vielleicht mal ein Trap-Beat und ausgebremster Steinzeit-Techno war oder als Filmkulisse herhalten musste. Ein Sound wie ein nasser Flickenteppich.

Mittendrin, in „Ask Yee“, der elften von 20 Instrumentalskizzen, ertönt wiederholt ein Ruf: „Home!“ Manchmal nur wie ein Echo seiner selbst: „… om …“ Er kommt aus einem entpersönlichten Off, mit dem niemand zu tun haben will. Die wesentlichen Informationen zur Veröffentlichung dieses Albums sind Dementis: Nein, wir sind nicht die, für die ihr uns haltet. Wir sind nicht die, die wir waren. Wir sind nicht das, was ihr wollt. Unter dem Namen Hype Williams – auch er ist Erinnerung und Aneignung, geklaut von einem weiteren Regisseur – veröffentlichten bis 2012 Inga Copeland und Dean Blunt ebenso rätselhafte wie faszinierende Musik. Rainbow Edition verwischt die Spuren der Urheber und Zusammenhänge noch konsequenter und löst sich noch fatalistischer von allem, was Halt geben könnte. Nolans Trostwort wurde jeglicher Zauber ausgetrieben. Der Ruf nach Heimat schallt aus dem Nichts.

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