„Huillet und Straub waren Punk“ – die Kuratoren der Retrospektive im Interview / Verlosung

Danièle Huillet und Jean-Marie Straub in den Gärten des Palais de Chaillot, Paris, 1990er Jahre / Foto: Belva Film

Die zweimonatige Ausstellung Sagen Sie’s den Steinen in der Akademie der Künste in Berlin widmet sich dem unkonventionellen Filmwerk von Danièle Huillet und Jean-Marie Straub. SPEX sprach mit den Kuratoren Annett Busch und Tobias Hering – und verlost Tickets für die musikalische Inszenierung des Antigone-Skripts von Mouse On Mars und Astrid Ofner.

Sperrig, schwierig, polarisierend – Danièle Huillet und Jean-Marie Straub rebellierten mit ihrer Filmarbeit knapp fünf Jahrzehnte gegen die Konventionen und Traditionen des Kinos. Das Paar steht mit seinen Filmen für ein Diskurskino im Zeichen des politischen Widerstands.

Dem gemeinsamen Werk von Huillet und Straub widmet sich nun die zweimonatige Ausstellung Sagen Sie’s den Steinen – Zur Gegenwart des Werks von Danièle Huillet und Jean-Marie Straub in der Akademie der Künste in Berlin, die durch eine interdisziplinäre Kontextualisierung neue Perspektiven auf das Schaffen öffnen will. Es geht um die Arbeitsweise der Filmemacherinnen, ihre Diskutierbarkeit und ihren Aktualitätsanspruch.

Letzteres wird vor allem mit dem Event des New Composers Collective (einem Spin-Off-Projekt des Duos Mouse On Mars) in Kollaboration mit der Regisseurin Astrid Ofner deutlich: Am 11. November präsentieren sie ihre musikalische Inszenierung des Antigone-Skripts von Huillet und Straub.

Erinnern Sie sich an Ihre erste Begegnung mit dem Werk von Huillet und Straub?
Annett Busch: 1994 habe ich beim Festival in Locarno auf der Piazza den Film Lothringen! gesehen – unvermittelt, zufällig, ich hatte keine Ahnung, was ich da sehe. Das habe ich eher durchstehen müssen. Als ich zehn Jahre später im Filmmuseum in Wien Sicilia! begegnet bin, war ich schon ein Stück weiter. Zusammen mit dem Pedro-Costa-Film Wo ist euer Lächeln geblieben, wo man den beiden anderthalb Stunden im Schneideraum beim Arbeiten zusieht, hat sich mir dann vieles erschlossen.

Auch das langwierige Durchstehen?
AB: Man ist bei den Filmen auf sich zurückgeworfen, man muss sich ihnen selbst nähern. Sie drängen sich nicht auf oder überwältigen mit Emotionen. Wenn man anfängt, die Arbeit und Konzeption in den Filmen zu sehen, wird es eine reichhaltige Geschichte – und auch nicht so schnell langweilig. Weil sich das nicht erschöpft.

Tobias Hering: Das Interesse, ihnen bei der Arbeit zuzusehen, und von dort mit einem neuen Blick an das „Produkt“ dieser Arbeit heranzugehen, ist etwas Zentrales in der Ausstellung. Dass man sich für die sozialen, ökonomischen und ästhetischen Konflikte und Bewegungen interessiert, die da überhaupt hingeführt haben. Es geht um den Blick – nicht hinter die Kulissen, denn die Filme sind ja keine Kulissen; sie sind transparent für das, was in sie hineingeflossen ist. Es geht auch darum, Entscheidungen zu verstehen. Denn auch wenn es kleine Entscheidungen sind, steht immer etwas auf dem Spiel.

„Es gibt eine ganze Literatur, in der Huillet überhaupt nicht vorkommt als Mitwirkende. Wenn man das heute liest: unerträglich.“
Tobias Hering

Stichwort: Arbeitsweise. Danièle Huillet sagte einmal: „Wir haben alles zusammen gemacht, nur dass es damals nicht in Mode war, die Frauen zu erwähnen. Keiner hat es bemerkt. Bis die Mode kam: Da haben sie plötzlich bemerkt, dass ich immer im Vorspann war.“ In der Ausstellung geben Sie ihrer Arbeit jetzt viel Raum.
AB: Klar ist es eine bewusste Verschiebung – was auch damit zu tun hat, dass es eine gewisse Rededominanz bei Jean-Marie Straub gibt. Huillet war aber in jedem Prozess eine total wichtige Figur. Abläufe, für die man normalerweise fünf, sechs Leute braucht, hat sie alleine übernommen. Das ist total irre. Aber es wird weiterhin selten benannt.

Huillet ist bei Ihnen auch in der Nennung nach vorn gesetzt: Huillet/Straub.
TH: Es gibt viel Literatur, in der Huillet überhaupt nicht vorkommt als Mitwirkende. Wenn man das heute liest: unerträglich. Es wird immer von Straub geredet. Es sind seine Filme. Oder es sind die Straubs. Man muss sich irgendwann fragen, wie man das schreiben will: Macht man einen Bindestrich? Einen Schrägstrich? Warum lässt man nicht einfach die Reihung in alphabetischer Nennung zu ihrem Recht kommen? Huillet hat aber eine sehr eigene und interessante Form gefunden, auf die Angebote des feministischen Diskurses, sich zu positionieren, einzugehen oder auch nicht einzugehen. Da lohnt es sich, genau hinzuhören, wie sie das tut. Wie sie mit bestimmten Erwartungen und Ansprüchen an ihre Person umgegangen ist.

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