How To Dress Well »Care« / Review

Pop, der nicht populistisch sein will: Tom Krell sucht auf Care in Zeiten von Twitter und Instagram nach der bedingungslosen Liebe. Kulturpessimistisch? Zumindest ein Versuch von Haltung im Pop!

Wenn man Tom Krell alias How To Dress Well eins ganz gewiss nicht vorwerfen kann, dann, seinen Sound nicht beständig weiterzuentwickeln. Sein Debüt Love Remains enthielt noch Lo-fi-Basteleien zu verwaschenen Ambient-Klängen, auf den Folgealben gewannen die Songs an Struktur, die Produktion wurde glatter, die Refrains größer. Mit Care erreicht diese Entwicklung nun ihren Höhepunkt.

Care sei »wahrhaft freudvoll«, ließ der Sänger über seine Homepage wissen, es solle »Vergnügen bereiten«. Gleich das eröffnende »Can’t You Tell« löst dieses Versprechen ein. Luxuriöse Synthesizer-Arrangements, schwüle Oh-oh-yeah-yeah-Schmachter, Zeilen wie: »Love my hands running down your spine / Pulling on my shoulders when I kiss your thighs.« Macht Spaß, in der Tat. Ebenso die folgenden Ausflüge in EDM, Softrock, Indie- und Breitwand-Pop – verwurzelt allesamt in verschwenderischem R’n’B.

Alles hohl, alles leer im Twitter-Albtraum.

Doch halt, das wäre dann doch zu einfach. Krell sieht sich selbst als Grenzgänger zwischen Indie und Mainstream, als Vertreter eines »Pop, der nicht populistisch sein will«. Dafür zitiert er auch mal Nietzsche: Unter der Maske der Zugänglichkeit wolle er seine Botschaft von »Schönheit, Empathie und Wahrhaftigkeit« in den Mainstream tragen. Es ist diese Sehnsucht nach Authentizität, nach echtem Sentiment, die Krell – auch auf Care – in die Tradition sozialbewusster Barden stellt. Sorgt füreinander, das ist die Kernaussage dieser Platte. Helft dem, der am Boden liegt, und geht nicht, blind auf euer Handy starrend, weiter. »Why am I so pathetic? / Why am I addicted to such attention? / When all I want is that love and affection«, heißt es in »Anxious«. Alles hohl, alles leer im Twitter-Albtraum.

Zu glitzernden Popoberflächen sucht Care nach echtem Gefühl und bedingungsloser Liebe – und das in Zeiten von Facebook und Instagram. Man kann das für kulturpessimistisch halten, für naiv, kitschig, klar. Wen interessiert’s: Die Platte unternimmt zumindest den Versuch von Haltung im Pop. Und ist dabei tanzbar wie nie.

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