Hinds »Leave Me Alone« / Review & Albumstream

Hinds sind bisher weniger Kritikerlieblinge als Kritikerdarlings, eine Band, über die mit gönnerhafter Nachsicht und Ermutigung geschrieben wird, Tenor: »Ihr seid ja noch jung und habt so kleine Hände, aber das Spielen lernt ihr auch noch irgendwann.« Heute erscheint ihr Album Leave Me Alone – komplett im Netz zu hören.

Hey Peoples, hier kommt das Rock’n’Roll-Nichtskönner-Album des Jahres. Also, des Jahres 2016. Hinds aus Madrid haben es aufgenommen, eine junge, mit allerlei Fehlern und Lastern behaftete Band, die versucht, ihre Karriere nach dem Modell der Strokes aufzuziehen. So zumindest haben Hinds es erzählt, im SPEX-Interview Anfang des Jahres (also: des Jahres 2015), vor einem Konzert in einem Berliner Club, der gerade renoviert wird. Das Debütalbum, auf dessen Zuwehung die Band damals lümmelnd, rauchend und Bier trinkend wartete, sollte aus elf Antwortsongs auf die elf Songs des Strokes-Debütalbums Is This It bestehen. Es gab sogar ein Notizbuch mit entsprechenden Notizen. Der Plan war allerdings wie alle Pläne von Hinds: zum Scheitern verurteilt.

Leave Me Alone ist in der Gesinnungsfindung bereits einen Schritt weiter als das berühmte Strokes-Lied »Take It Or Leave It«. Außerdem enthält das Album zwölf Songs, also einen zu viel. Was bei ihren Vorbildern schluderig und draufgängerisch klang, in Wahrheit aber sehr exakt komponiert und aufgenommen war, ist bei Hinds tatsächlich schluderig und draufgängerisch – aus dem Dunstkreis der Band heißt es nicht ohne Stolz, sie könne keinen Song zweimal gleich spielen. Immerhin die Texte der Songwriterinnen Carlotta Cosials und Ana García Perrote haben den jungen Julian Casablancas verinnerlicht. Es geht um Nichts, Trotz und nicht zu ernste Beziehungen. Das euphorische Drei-minus-Schulenglisch, mit dem häufig alle Hinds-Mitglieder gleichzeitig singen, unterstreicht die existenzielle Bedeutung dieser Themen.

Machen wir uns nichts vor: Die notdürftig verklebten Akkorde, die windschiefen Vocals und die unachtsam hinterher torkelnde Rhythmusgruppe (Spezialität: Sekundenschlaf) fügen sich auf Leave Me Alone zu einer grandiosen Selbstermächtigungsgeste, die die Abkapselung von den männlichen Rock’n’Roll-Vorbildern im eleganten Trampeltierstil mitvollzieht. Hinds sind bisher weniger Kritikerlieblinge als Kritikerdarlings, eine Band, über die mit gönnerhafter Nachsicht und Ermutigung geschrieben wird, Tenor: »Ihr seid ja noch jung und habt so kleine Hände, aber das Spielen lernt ihr auch noch irgendwann.« »Nie und nimmer!«, antwortet Leave Me Alone und krabbelt unter dem nächsten zusammengestürzten Song hervor. Hinds kriegen vielleicht kein Stück zweimal gleich hin, haben aber schon etwas Wichtiges erkannt: Das Schönste am Rock’n’Roll kann manchmal das Nichtskönnen sein.

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