„Die Welt ist bereit für mehr Vielfalt“ – Hercules & Love Affair im Interview

Foto: Victorine Scherre

Ein Hit, mehrere Dutzend Mitmusiker und vier abwechslungsreiche Alben: Andrew Butler, Nukleus des New Yorker Kollektivs Hercules & Love Affair, hat zehn bewegende Jahre zwischen Disco, Erfolg, Sucht und Entzug hinter sich. Ein Popstar will er jedoch nicht mehr werden, verrät er im SPEX-Interview.

Von Nu-Disco zur alten Garde: Hercules & Love Affair sind ein Sonnensystem aus knapp 25 Künstlerinnen und Künstlern, das um den Songwriter, Produzenten und DJ Andrew Butler zirkuliert und sich immer neu zusammensetzt. Was sie eint, ist eine Liebe für die Tanzmusik vergangener Tage und Lebensweisen jenseits festgefahrener Rollenbilder. Im Interview spricht Butler  über schwache Momente, seinen Weg vom Vinyl-digger zum Menschenkurator.

Warum so müde, Herr Butler? Hatten Sie eine lange Nacht in Berlin?
Nein, ich habe gestern zum ersten Mal ein Video von uns gedreht, also vom Konzept über Ausstattung bis zur Regie.

Ganz alleine?
Naja, ein Freund hat mir geholfen. Wir haben Masken gebaut, genäht, gemalt, uns Sachen ausgedacht. Am Ende hatten wir einige schöne Bilder zusammen. Ich weiß nicht, ob es ein ganzes Musikvideo wird, aber zumindest als Promo-Clip für die nächste Single werden wir es benutzen.

Ich habe Ihnen hier unsere Titelgeschichte von 2011 mitgebracht, um mit Ihnen über die Vergangenheit zu sprechen. Der Untertitel: „Die Orgie geht weiter.“
(Lacht) Oh mein Gott, bei uns gab es nie irgendwelche Orgien. Es ist so witzig, wenn Menschen auf das Projekt irgendwelche ausschweifenden sexuellen Konnotationen projizieren. Egal, in welcher Inkarnation – und das ist jetzt vielleicht langweilig – waren wir wirklich zahm. Außer ich in meinen wirklich schwachen, schwierigen Momenten.

Es gibt ein Zitat in diesem Artikel, in dem Sie dafür gelobt werden, Menschen aus komplett unterschiedlichen Kontexten zusammenzubringen. Sehen Sie sich als Kurator?
Da mag etwas Wahres dran sein. Vor zwei Jahren habe ich eine für meine Verhältnisse  recht große Party geschmissen. Das häufigste Kommentar, das ich zu hören bekam, war: Wie kann es sein, dass diese komplett unterschiedlichen Menschen aus den verschiedensten Ecken des Lebens sich gemeinsam so wohl fühlen? Es könnte sein, dass ich Menschen mit einem bestimmten Geist anziehe.

Die Kids haben sich komplett von binären Geschlechtsmodellen freigemacht.

Damals nahm die jüngste Welle queerer Poperoberung gerade ihren Anfang. Was hat sich seitdem verändert?
Es ist spannend, wie schnell sich alles bewegt. Manchmal kommen junge Menschen zu einem Konzert, haben vielleicht einen neuen Track gehört, und wissen gar nicht, dass wir schon vor zehn Jahren Musik gemacht haben. Und eben diese Kids haben sich komplett von Einschränkungen wie binären Geschlechtsmodellen freigemacht. Manchmal fühlt es sich an, als würden sie in einer anderen Welt aufwachsen.

Wie meinen Sie das?
Sie scheinen nicht so einen starken Druck zu empfinden, sich selbst in Schubladen zu stecken – es scheint mehr Platz für unkonventionelle Stimmen, die nicht die typische weiße, männliche, heterosexuelle Rockband sind, zu geben. Die Welt scheint so langsam für mehr Vielfalt bereit zu sein. Es würde eigentlich viel mehr Sinn machen, Hercules & Love Affair heute zu gründen. Von Anfang an waren wir ein Haufen misfits, die nicht ins binäre System passten, denen es nur darum ging, sie selbst zu sein. Das ist immer noch so und das Konzept verstehen Leute heute besser.

Aber ist nicht gerade das Musikgeschäft viel härter geworden?
Es ist schwerer von der Musik zu leben. In schwachen Momenten frage ich mich, warum ich nicht einfach die traditionelle Bandroute gegangen bin. Warum habe ich mir dieses Projekt mit gut 25 verschiedenen Leuten angetan, das bis heute anti-pop geblieben ist? Aber das Popleben mit seinem Personenkult hat mir einfach nie wirklich gelegen. Diese Leute waren früher nicht meine Helden und es sind immer noch nicht die Leute, die mich inspirieren oder begeistern.

Nicht nur inhaltlich haben Hercules & Love Affair spätere Trends vorweggenommen. Zu Zeiten ihres Debüts sprachen Kritiker noch von „Nu-Disco“, heute ist der Dance-Sound der späten Siebziger und Achtziger allgegenwärtig. Ihr neues Album klingt nun stellenweise nach altem House, welcher auch an Popularität gewinnt.
Ich fing in mit 18 oder 19 in New York an Disco-Platten zu sammeln. Ich war total obsessed, das war mein Moment. „Blind“ kam erst heraus, als ich 27 war. Dazwischen liegen zehn Jahre diggen, Platten suchen und mich über ältere Tanzmusik informieren.  Aber ich begann auch, mich mit softem, psychedelischem Folk, Ambient und Achtziger-Pop-Soul auseinanderzusetzen. Auf Omnion ging es für mich um emotionale Achtziger-Elektronik – ein paar Experimente, ein bisschen Techno. Ich glaube, dass mein breiter musikalischer Horizont und meine Offenheit für alle möglichen Stilrichtungen das Wichtigste sind, was ich bei Hercules & Love Affair einbringen kann. Wenn ich einfach ein disco kid wäre oder nur House hören würde, würde ich wahrscheinlich nicht bei einer Singer-Songwriterin wie Sharon Van Etten oder einer Band wie Mashrou‘ Leila anklopfen.


Unsere Titelgeschichte zu Hercules & Love Affair erschien in unserer Printausgabe SPEX No. 330, die weiterhin versandkostenfrei im Shop bestellbar ist.

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