Halil Altındere – „Ich kuratiere die Wut“

Foto: Cyril Schirmbeck

Ist widerständige Kunst in der heutigen Türkei noch möglich?
Ich sage nicht: Hier ist die Lage schlecht, es gibt Repression und Selbstzensur – im Gegenteil: Gerade in diesen Zeiten sollten wir Kunst machen. Denn Kunst ist Freiheit. Du solltest frei denken, du selbst solltest agieren. Du darfst keine Angst haben, musst mutig sein. Deine Aufgabe ist es, Inhalte in die richtige Form zu bringen und deine Rechte zu verteidigen. Das Wichtigste ist, sich nicht selbst zu zensieren. Das ist die Gefahr, wenn man in einem repressiven Umfeld lebt. Das sage ich den jungen Künstlern: Lass keine Zensur zu und zensiere dich niemals selbst! Sonst verliert Kunst ihre Bedeutung.

Ist die Türkei in diesen Zeiten ein guter Ort für Kunst?
Aufgrund der ganzen gesellschaftlichen Entwicklungen läuft die Kunst leider etwas im Hintergrund, weil sich das politische Tagesgeschehen in der Türkei sehr schnell ändert, jeden Tag passiert etwas. Und es gibt diese Polarisierung zwischen uns und denen. In den Monaten vor dem Verfassungsreferendum im April mussten viele kleine Firmen schließen, viele Menschen sind arbeitslos geworden. Im Moment gibt es wichtigere Dinge: Die Menschen brauchen Arbeit, sie müssen satt werden. Das hat Vorrang. Kunst kann sich erst entfalten, wenn du dein Leben im Griff hast.

„Vielleicht entsteht in der Türkei eine neue kreative Form des Protests. Ich habe Hoffnung.“

Dabei ist Ihre Kunst alles andere als weltfremd: Sie setzen sich dezidiert mit aktuellen gesellschaftspolitischen Entwicklungen auseinander. In Ihrem Multimedia-Projekt Space Refugee, das Sie 2016 im Neuen Berliner Kunstverein ausgestellt haben, schlagen Sie vor, Geflüchtete zum Mars zu schicken. Ist das als Kritik an der Doppelmoral Europas beim Flüchtlingsabkommen mit der Türkei zu verstehen?
Diese Doppelmoral gibt es auf der ganzen Welt. Ich wollte diese Heuchelei durch eine kleine Übertreibung in den Fokus rücken. Meine Idee war: Die ganze Welt will die Flüchtlinge nicht, also lasst sie uns auf den Mars schicken. Sie sind unerwünscht, und diese Tatsache habe ich in eine absurde Form gebracht, um die Welt mit ihrer Doppelmoral zu konfrontieren. Also haben wir recherchiert, ob sich meine Idee realisieren lässt. Wir haben mit Mitarbeitern der NASA gesprochen und einen Anwalt gefunden, der auf Weltraumrecht spezialisiert ist. Wir haben recherchiert, wie die Topografie auf dem Mars ist, ob dort eine Flora entstehen kann, wie die atmosphärischen Bedingungen sind – als wäre die Idee real. Ich habe einen 3D-Film mit dem Titel Journey To Mars gedreht, dadurch wurde die Sache noch absurder, weil es so gewirkt hat, als seien die Flüchtlinge wirklich auf dem Mars.

Sie haben in Space Refugee mit Muhammed Faris zusammengearbeitet, einem syrischen Astronauten, der 2012 in die Türkei fliehen musste, als der Krieg in Syrien ausbrach. Wie fiel Ihre Wahl auf ihn?
Als ich die Geschichte von Muhammed Faris in der Zeitung gelesen habe, hat er mich gleich fasziniert: Er war in Syrien ein Volksheld, heute ist er ein Flüchtling. Seine Geschichte ist eigentlich die Quintessenz dieser Welt. Er war im Weltraum und musste jetzt über die Grenze in die Türkei fliehen, wo er wie ein Gefangener lebt. Ein Mann, der alle Grenzen überschritten hat und im Weltraum war, ist heute an diesem Punkt angekommen. Die Realität dieses Mannes wirkt wie eine Künstlerfantasie. Leider ist sie real. Diese Wirklichkeit schafft die Politik.

An welchem Projekt arbeiten Sie im Moment?
Ich drehe einen Film mit Ballerinen und Polizisten. Ich will die Polarisierung der Menschen mit einer absurden Metapher zeigen: als Tanz. Ich bringe die Unschuldigsten mit den Brutalsten zusammen. Wie das Ja- und Nein-Lager vor dem Referendum in der Türkei. Die Ballerinen tanzen mit den Polizisten, und es kommt zu einem Kampf. Es wird hart werden, weil wir gerade harte Zeiten durchmachen.

Dieses Interview erschien in unserer Printausgabe SPEX No. 375, die weiterhin versandkostenfrei im Shop erhältlich ist.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here