Halil Altındere – „Ich kuratiere die Wut“

Foto: Cyril Schirmbeck

Best of 2017: Halil Altındere macht politische Kunst in einem Land, in dem freie Meinungsäußerung zur Gefahr geworden ist. Im Interview setzt sich der türkische Künstler mit der Frage nach Protestformen in Zeiten Erdoğans auseinander. Einer der SPEX-Artikel des Jahres.

Die Lebensrealität von Halil Altındere ist die Gefahr. In einem Land, in dem freie Meinungsäußerung zunehmend beschnitten und riskant wird, äußert er sich so kämpferisch und politisch wie eh und je. Die Werke des in Istanbul lebenden Künstlers erzählen vom Rap-Protest in der Türkei, dem Geist der Gezi-Proteste und von Syrern im Weltall.

Halil Altındere, in Ihren Kunstwerken setzen Sie sich auf provokante Weise mit den repressiven und ungerechten politischen Systemen dieser Zeit auseinander. Ihre Videoarbeit Wonderland, die die Gentrifizierung kritisiert, ist zum Beispiel sehr wütend. In der Gesellschaft wird Wut eher negativ wahrgenommen. Welche Bedeutung hat sie für Sie?
Wut, Ironie und Musik sind für mich wichtige Waffen. Wonderland habe ich 2013 gemacht, es thematisiert die Gentrifizierung in Istanbul. Das Werk bringt die berechtigte Wut der Rapper Tahribad-i Isyan, die im alten Romaviertel Sulukule geboren und aufgewachsen sind, über den Abriss ihres Viertels zum Ausdruck. Wut ist ein Gefühl, das man zensiert. Eigentlich trägt jeder diese Wut in sich, aber viele behalten sie für sich. Dieses Kunstwerk oder Musikstück drückt die Dinge aus, die du nicht aussprechen kannst. Wenn du die Schwierigkeiten, die du erlebst, nicht in dir aufstaust, sondern nach außen trägst, können die Menschen miteinander ins Gespräch kommen, weil sie sich davon angesprochen fühlen. So gesehen hat Wut auch eine kreative, positive Seite. Ich kuratiere die Wut. Wie ein DJ.

Welchen Einfluss hat die Popkultur auf Ihre Kunst?
Wir sind die Generation MTV. Der Humor der Gezi-Proteste hat der Regierung monatelang die Hände gebunden, weil Satire eine sehr effektive Waffe ist. Die Graffiti und Gesten von Gezi waren überraschend, weil so etwas zuvor noch nie dagewesen war. Verfremdungen, Schockeffekte und Ironie sind gute Formen, um ein Symbol in sein Gegenteil zu verkehren. Deshalb habe ich von der MTV-Sprache manche Gesten entlehnt und mit Alltagsgesten zusammengebracht. So ist etwas Neues, Lebendiges entstanden. Den Rappern aus Sulukule habe ich eine Plattform gegeben, um sich selbst auszudrücken. Jeder kann am besten über das sprechen, was er selbst erlebt hat. Ihr Rap ist nicht metaphorisch, sie beschreiben ihre Realität. Deshalb überwindet ihre Musik Grenzen und Sprachen. Obwohl sie auf Türkisch rappen, wurden ihre Probleme zu einem Thema, das jeder nachvollziehen kann. Indem ich ihre Geschichten zugespitzt habe, wurden ihre Sorgen sichtbarer.

Wie haben die Menschen auf Wonderland reagiert?
Wonderland habe ich im Februar vor Gezi gemacht. Das Video kam den Menschen sehr heftig vor. Ich habe ihnen geantwortet, dass die Künstler in ihrem Leben viel Härte erfahren haben. Der Staat hat ihre Häuser zerstört, sie sind obdachlos geworden. Nach Gezi haben die Leute begriffen, was ich meine. Dort ist jeder aggressiv geworden. Das Geschehen in der Türkei wurde durch den Mut einer Generation, von der wir das nicht erwartet hätten, in einer neuen Form verarbeitet: ironische, kreative Satire, die niemand aufhalten kann.

„In meiner Kunst lebe ich immer den Widerstandsgeist von Gezi.“

Was ist aus der Wut und dem Widerstand von Gezi heute geworden?
Zwischen Gezi und die heutige Lage hat sich nach dem Putschversuch im Juli 2016 der Vorwurf geschoben, Unterstützer der Gülen-Bewegung zu sein. Dadurch wurden die Menschen daran gehindert, ihre Wut oder ihre berechtigten Forderungen auszudrücken. Wenn du aufbegehrst, nennt dich die Regierung einen Terroristen. Wenn du Nein sagst, bist du ein Terrorist. Wenn du für deine Rechte einstehst, bist du ein Unterstützer der Gülen-Bewegung. Die Menschen wollen nicht mehr mit dem Lebensstil, den sie während Gezi gepflegt haben, oder den soziokulturellen Protesten weitermachen. Das System ist konservativer geworden, wie eigentlich überall auf der Welt. Diejenigen, die für ihre Rechte einstehen, suchen nach neuen Protestformen, weil die Protestformen von Gezi heute nicht mehr funktionieren. Vielleicht entsteht ein anderes Medium oder eine neue kreative Form. Ich habe Hoffnung.

Ist Kunst für Sie Widerstand?
Natürlich, Kunst ist immer Widerstand. Manchmal kann auch der Protest stärker sein als Kunst. Während Gezi war der Widerstand zum Beispiel so groß, dass die Künstler sich wie zu Hause gefühlt haben, als sie zum Gezi-Park gekommen sind. Jeder war ein Künstler, weil es solch eine Solidarität gab, dass das Leben selbst zur Kunst wurde. Das war ein schöner Moment. Aber natürlich ist das Leben nicht immer wie in Gezi. Wir sind wieder zu unserer Kunst zurückgekehrt. In meiner Kunst lebe ich ohnehin immer den Widerstandsgeist von Gezi. Kunst schlägt die Regierung mit ihren eigenen Waffen. Die Herrschaft soll ihre Waffen auf sich selbst richten.

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