Halbzeit: Die Album-Top-20 der SPEX-Redaktion 2017 so far

#10 Algiers – The Underside Of Power  

Alexis Waltz in SPEX No. 375:
Schmerz und Wut stehen sich in einem komplexen klanglichen Resonanzraum direkt gegenüber. Algiers verarbeiten das Erbe des Punk so, dass es um mehr geht als um Außenseitertum und Verweigerung des Status quo.

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#09 SZA – Ctrl 

Dennis Pohl:
Schon 2012 schien alles klar: SZA aus New Jersey wurde zum nächsten großen R’n’B-Ding hochgejazzt, arbeitete mit Granden von Beyoncé bis Kendrick Lamar, stand kurz vor dem großen Erfolg. Doch dann überwarf sie sich mit ihrem Label Top Dawg (Lamar, Schoolboy Q, u.a.), deren Macher sie angeblich zum Superstar formen wollten – und legt jetzt ein radikal subjektives Album vor, das man als Antwort auf die Ambitionen anderer lesen kann. Ctrl klingt wie Gustave Flauberts Erziehung des Gefühls für das Internetzeitalter. Verlangen und Vernunft, Selbstbewusstsein und -ekel, die Libido und diese Sache namens Liebe stehen sich kontrastreich gegenüber. Wie man sowas nennt? Am besten schlicht menschlich.

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#08 Richard Dawson – Peasant

Arno Raffeiner in SPEX No. 375:
Obwohl die Energie, die in Dawsons Musik steckt, groß ist, kann man nicht behaupten, dass sie den Weg des geringsten Widerstands geht. Die Lyrics sind verschachtelt, die Sprachbilder – das Optische scheint wegen der Sehstörung in Dawsons Vorstellungswelt umso stärker zu wirken – spannen sich in halsbrecherischem Satzbau schon mal über eine gesamte Strophe, das Vokabular ist expressionistisch überzogen und wird im Vortrag noch expressionistischer zerknödelt.

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#07 Arca – Arca

Shilla Strelka auf spex.de:
Zwischen der tabulosen Inszenierung seiner Sexualität und dem vokalen Pathos offenbart sich ein verletzliches Künstler-Ich, das nach einer direkten Übersetzung tiefer Gefühle und Schönheit fahndet und dabei konsequenterweise nicht vor Kitsch zurückschreckt – und damit ein Album mit dem Potential vorlegt, eine Trendwende in der queeren Post-Clubkultur einzuläuten.

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#06 Vince Staples – Big Fish Theory

Dennis Pohl auf spex.de:
Was danach kommen soll, wenn Staples mit dieser Intensität weitermacht? Wir wissen es auch nicht.

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#05 Jonwayne – Rap Album Two

Daniel Gerhardt:
Um ein außergewöhnlicher MC zu werden, musste Jonwayne einfach nur aus seinem Alltag erzählen. Rap Album Two erlaubt Einblicke in die Gedankenwelt eines ehemaligen Rap-Mitläufers, der sich als tortured soul und gehässiger Menschenfreund neu erfindet. Schön auch: den Hitsingle-Versuch „The Single“ gibt Wayne schon nach einer Minute verloren.

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#04 Jlin – Black Origami

Christoph Braun auf spex.de:
Dichter ist, was Jlin alleine an den Geräten und den Choreografien ihrer künstlerischen Partnerin, der Tänzerin Avril Stormy Unger im Sinn hinterlässt. Das beschleunigt das Knicken. Mit den irre arrangierten Marsch-Trommeln in „Hatshepsut“, zerklüftet und ausgesandt in eine völlig fiktiv erscheinende Realität; mittels der Leerstellen von „Carbon 7 (161)“ befeuert sie die Emanzipation von der Zählzeit-Eins als Signum des Unveränderlichen, weil Wiederkehrenden. „Nyakinyua Rise“ mit derbem Schlagwerk, „Kyanite“ als Hi-Speed-Gleiten: Black Origami ist eine Einladung zum Finden der angemessenen Form, für Pliés, für Dabs, für Körperlichkeiten. Und für alles andere.

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#03 Sophia Kennedy – Sophia Kennedy

Alexis Waltz auf spex.de:
Durch ihr Gesangstalent und ihre Vorbilder entsteht eine Idee von Größe und Meisterschaft. So sehr ihre Fähigkeiten überraschen, so bedingungslos nimmt sie ihre Heldinnen auseinander. Dieses Album ist ein mind game: Es gibt eine Stimme, aber keinen Adressaten, es gibt einen Song, aber keine Botschaft.

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#02 Aldous Harding – Party

Michael Döringer in SPEX No. 375:
„Harding denkt viel, bevor sie wenig sagt. In ihrem Kopf scheint eine ganze Welt verborgen, ihre Musik lässt das erahnen. Manche werden ihr neues Album bedrückend finden, obwohl Party doch im Zeichen des Glücks steht. Es enthält Lovesongs für Fortgeschrittene (oder klägliche Anfänger), zaudernd, aber umso ernster gemeint. Harding geht es aber nicht darum, verstanden zu werden. „Wozu eigentlich dieser Artikel?“, fragt sie am Ende des Interviews. „Es wäre doch schön, wenn man einfach schreiben könnte: Aldous Harding – es war weird, ich weiß nicht so recht. Es war komisch.“

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#01 Kendrick Lamar – Damn.

Daniel Welsch auf spex.de:
Tatsächlich ist Damn ein zutiefst religiöses Album geworden, dessen Spiritualität aber selten nervt, weil sich Kendrick Lamar nicht als erleuchteter Prediger präsentiert, sondern als suchender Sünder. Als einer, der Versuchungen nicht widerstehen kann und der mit seiner Rolle des (Rap-)Messias hadert. Zwar setzt sich Damn weniger explizit mit Themen wie institutionellem Rassismus und schwarzer Identität auseinander, ist aber keineswegs unpolitisch. Wie schon auf Good Kid M.a.a.d City und To Pimp A Butterfly versteht es Lamar, seine persönliche Geschichte mit den komplexen politischen und gesellschaftlichen Zusammenhängen dahinter zu verweben.

Ausführliche Besprechungen der meisten Alben sowie Features zu vielen der Künstler sind in den Printausgaben von SPEX erschienen. Alle Back Issues sind versandkostenfrei im Onlineshop zu haben.

1 KOMMENTAR

  1. schön und gut, liebe spex.
    möchte allerdings noch 3 hervorragende alben anfügen, die ihr m.E.n. übergangen habt.
    einerseits Broken social scene – „Hug of thunder“ … zum anderen die zwar schamlos aber gekonnt plagiierenden Lea porcelain aus Frankfurt/Main mit ihrem Album „hymns to the night“ und natürlich (für mich völlig zu unrecht hier nicht gelistet) Slowdive!!!
    lieben grusz.

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