Guilty Simpson »Detroit’s Son« / Review

Öffentlichen Nahverkehr gibt es in der Stadt, die einst stolz war auf fast 600 Meilen Tramnetz, kaum noch, auch Bürgersteige sind etwas für Verrückte. Guilty Simpson feiert Detroit trotzdem mit laut aufgerissener Bassanlage beim bekifften Cruisen um den Block.

Boomtown der Autoindustrie, Zentrum der Bürgerrechtsbewegung, Heimat von Motown-Soul, Geburtsstätte von Techno: die Motor City Detroit. Wo heute Ruinenbeton von Bluttaten kündet, begangen für ein paar lumpige Dollars, ein Glas Schnaps und einen Besuch in der Kirche, genau dort spielt Guilty Simpsons Detroit’s Son. »Armut«, sagt er, »bringt ehrliche Menschen dazu, Unrecht zu tun.«

Detroit hat seit seinen Hochzeiten in den Fünfzigerjahren zwei Drittel der einst 1,8 Millionen Einwohner verloren, zurück blieben Industrieruinen, verfallende Familienhäuser, unzählige Leerstände und die ärmsten Teile der schwarzen Bevölkerung. Nicht wenige ehemalige Bewohner haben ihr Glück in gated communities einige Meilen stadtauswärts gefunden, ganze Detroiter Viertel wurden zu Ödland, berüchtigt für Crack- und Hurenhäuser und grassierende Obdachlosigkeit.

»Street life« ist in Detroit ein dem öffentlichen Raum entgegengesetztes Konzept. Öffentlichen Nahverkehr gibt es in der Stadt, die einst stolz war auf fast 600 Meilen Tramnetz, kaum noch, auch Bürgersteige sind etwas für Verrückte. Selbst tagsüber ist Downtown Detroit nahezu menschenleer, überragt von den gewaltigen Türmen von General Motors’ Renaissance Center. Noch 119 Jahre nach der Produktion des ersten Ford Quadricycle steht Detroit im Bann der automobilen Lebensweise, die von Guilty Simpson mit laut aufgerissener Bassanlage beim bekifften Cruisen um den Block gefeiert wird. Autorennen. Wettbewerb. Lebenslust.

Wenn man sich abends auf Parkplätzen trifft, läuft kein Techno. Detroit ist HipHop – und hat mit J Dilla, Xzbit, D12 oder Eminem Weltstars hervorgebracht. Und Hiphop ist automobil. Unterwegs in Gotham City, wo die Zeit reift für die Revolution. Eine Revolution findet seit einigen Jahren tatsächlich statt: Man erkennt sie an der zunehmenden Zahl von Fahrradfahrern, die mit der neuen Mobilitätsform auch ihre Vision in die Stadt gebracht haben. Angezogen vom Ruinösen und vom Weltruf saugt es Vorstadtkids, Künstler und Bohemiens in die Stadt, Block für Block. Mit ihren Fahrrädern halten die Hipster dem kaputten Detroit eine heile Welt entgegen, in der Outdoor-Rauchverbote, Tattoos, Techno-Festivals und Keine-Macht-den-Drogen-T-Shirts auf wundersame Weise harmonieren. Die Biomarktkette Whole Foods ersetzt Soulfood.

Das neue Detroit hat das alte Problem geerbt: Segregation. Brücken schlagen: das Hauptquartier der Techno-Aktivisten Underground Resistance, das Museum, Verkaufs- und Produktionsstätte zu einer Community verbindet, Freak-Rap à la Danny Brown, das Museum Of Contemporary Art Detroit und neuerdings wieder die Achse Detroit-Berlin. Vielleicht gibt es bald eine Detroiter Love Parade – mit Gangsterrap, versteht sich. Detroit ist reich an Soul, und darum auch an Utopien. Doch am liebsten bleibt man unter sich: Hier die Nirvana-Cover-Fans, in Abendgarderobe Sekt schlürfend, dort, 30 Meter auf der anderen Straßenseite, die Motown-Bierbar, in der Zurufe der Liveband die Ekstase auf dem Dancefloor modellieren. So schmeckt Schuld sehr süß. Und »sie ist immer voller Hoffnung«, wie Guilty Simpson sagt. Der Mann ist guilty of busting some serious rhymes.

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