Gravenhurst The Western Lands

Eine ganze Woge von noisigen Dreampop-Bands kam und kommt aus dem einstigen Sklavenverschiffungshafen Bristol. Flying Saucer Attack, Third Eye Foundation, Crescent. Mit dabei seit dem Jahre 2002 (und 2004 von Warp in der neu eröffneten Gitarrensparte unter Vertrag genommen): Gravenhurst. Die Einmann-Band um Nick Talbot transformierte zunächst zum Trio, nun ist er beim Quartett angekommen, das Sehnsüchte und Melancholie nicht mehr als Folkanleihe durch die Mundharmonika bläst, sondern, wenn es sein muss, auf einem druckvollen Drone aus My-Bloody-Valentine-Gitarren herbei schweben lässt.

    Dass »The Western Lands« in Momenten ein wenig nach Morrissey klingt, in anderen nach Art Garfunkel, liegt daran, dass Talbot einfach über diese herzerweichend elegante, mit natürlicher Autorität ausgestattete Stimme verfügt, die jeden Raum erfüllt wie Weihrauch die Kirche. Doch endlich kommt auch viel hörbarer als früher all das hinzu, was Talbot als verheirateten Nerd schon immer geprägt hatte: das Phantasmagorische von Philip K. Dick und Alan Moore, der drogeninduzierte Unterbewusstseins-Irrsinn von William S. Burroughs, dessen »The Western Lands« titelgebend für die neue Gravenhurst-Platte war. Talbot hat die dream machine angeworfen, vor den Aufnahmen soll er sogar noch ein Extrakilo C.G. Jung gelesen haben, von dem er behauptet: »Hätte Jung damals Indierock hören können – vielleicht hätte er Gravenhurst gemocht.« Ein obsessiver Filmfan ist er, Science-Fiction-Verehrer, und wer es hören will, dem erzählt er auch noch, wie wichtig Iron Maiden für seine Entwicklung gewesen sind (»waren so was von geil«) oder welcher Horrorfilm »Halloween«) unbedingt mit auf die einsame Insel muss.

    Nur: Wirklich angehört hat man die Einflüsse dieses subkulturellen Referenzsystems den drei vorhergehenden Alben nicht. Es war eher Motor für die eigene Arbeit denn echter Fixpunkt. Gravenhurst haben sich vielmehr einen Namen als erste akustische Warp-Band gemacht, die man im Koordinatensystem zwischen Red House Painters und Spain einordnen konnte – als verhuschte Slowcore-Band, die viel zu traurig klang, um jemals etwas für ein größeres Publikum zu werden. Wie man sich täuschen konnte. Als ob er es satt hätte, im Vorprogramm der ›richtigen‹ Bands den Grüßaugust mit der Gitarre in der Hand mimen, komponierte und textete er zehn Songs von diamantener Strahlkraft. Sie tragen wie aus der Folkwelt adaptierte Titel wie »Song Among The Pines«, »Grand Union Canal« oder »Hourglass«. Talbot erweist sich in seinem Gespür für atmosphärisch dichte Stimmungen als schlafwandlerisch-instinktsicher. »The Western Lands« ist zugleich Ökonomie der Mittel: Lange, instrumentale Tiefebenen werden von karg arrangierten Klippen aus Rückkopplungen eingefasst.

    Talbot hat sich von seinem Schemel erhoben, um nun endlich Rockstar zu werden, und damit geht er einen Weg, der auf den ersten Blick dem von Mark Hollis (Talk Talk) einst eingeschlagenen entgegengesetzt wirkt. Ein ähnliches Soundverständnis verbindet die beiden jedoch, auch wenn Talbot mit selbstbewusster Geste in den Jagdgründen der Wirkungsmusik wildert. »The Western Lands« ist: episch. Teilweise gar: wütend. Das hätte man ihm noch vor kurzem niemals zugetraut.

    »Farewell, Farewell« von Richard Thompson wird auf der Platte gecovert, und der Song »She Dances« ist eine Hommage an Sandy Denny. Das ist auch nahe liegend. Fairport Convention und überhaupt dieser ganze Joe-Boyd-geprägte englische Frühsiebziger-Folk bis hin zu Vashti Bunyans Comeback ist derzeit bekanntlich in der weltweiten Weird-Folk-Szene angesagt wie Ed Banger bei Flatrate-Partys. Doch während bei den anderen Weird- und Freak-Folk-Bands der Lagerfeuerund Drachentötersound von damals regelrecht zercuttet und dekonstruiert wird, um den Folk in die Postmoderne zu überführen, kommen Gravenhurst mit einer majestätischen Reinheit daher. Sie überspringen die Theorie und die Neoromantik und zitieren gleich bei 4AD, statt sich mit den Kauzigkeiten der Bartträger aus irgendwelchen Hinterwäldern gemein zu stellen. Gravenhursts Rock ist kompakt und klingt doch immer auch nach Rock mit Anführungszeichen. Die Konturen sind ein wenig verwischt, aber wer genau hinsieht, erkennt in »The Western Lands« den erhabenen Monolithen seiner Zeit.

LABEL: Warp Records

VERTRIEB: RTD

VÖ: 07.09.2007

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