»God Festival«? Good Festival! Das Roskilde 2016 in der Rückblende

Foto: Helena Lundquist

Entgegen dem aktuellen Sicherheitsaktionismus: Schneller Bändchencheck, Blick in den Rucksack, Lächeln nicht vergessen. Trotz allem, an der Zeiten Unruhe führt natürlich auch für Roskilde kein Weg vorbei.

Roskilde wirkt fast wie ein Anachronismus. Während in Frankreich eine Hochsicherheits-EM im nationalen Ausnahmezustand läuft, europaweit vor Fanmeilen und anderen Großveranstaltungen Spezialeinheiten in kugelsicheren Westen und mit halbautomatischen Maschinenpistolen patrouillieren und Metalldetektoren bei Einlasskontrollen mittlerweile zur Standardausstattung gehören, wird man beim Roskilde Festival von netten, jungen Menschen angelächelt, die schnell das Bändchen checken, vielleicht noch kurz einen Blick in den Rucksack werfen, um einen dann mit einem frohlocktem »God Festival« zu entlassen.

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Ganz entgegen dem aktuellen Sicherheitsaktionismus setzt auch die 46. Auflage des größten Rockfestivals nördlich der Alpen ganz auf das orange feeling, also das eigentlich paradoxe Unterfangen, hunderttausend schwer trunkene Teilnehmer in einer möglichst familiär rücksichtsvollen Atmosphäre zu vereinen. Dies klappt auch 2016 und natürlich vor allem aufgrund eben jener gut gelaunten Mitarbeiter, welche als freiwillige Helfer rund ein Viertel der Gäste des Benefizfestivals ausmachen und dabei von der Rahmenprogrammgestaltung bis hin zum Ausschank ihre Finger in allen wesentlichen, logistischen Abläufen desselben haben. Ein Husarenstück, das auch langjährige Roskildisten immer wieder aufs Neue beeindruckt, vor allem aber in diesem Jahr von besonderem Mut zeugt.

roskilde_Erik LindstrømA little bit of Woodstock – Roskilde Festival 1984 / Foto: Erik Lindstrøm

Trotz allem, an der Zeiten Unruhe führt natürlich auch für Roskilde kein Weg vorbei. Im Gegenteil, stärker als sonst legt das diesjährige Festival den Fokus auf ein politisch ambitioniertes Line-up. Gleich die Ouvertürenkooperation zwischen Damon Albarn und dem syrischen Nationalorchester lässt sich als scharfe Kritik an der europäischen, vor allem aber auch der restriktiven dänischen Flüchtlingspolitik verstehen, welche nicht zuletzt auch die mit dem Zug angereisten Gäste in Form von strengen Passkontrollen an der deutsch-dänischen Grenze erfahren durften.

Der zweite große europäische Krisenherd natürlich: Großbritannien. Auch hier hat Roskilde mit den Sleaford Mods und PJ Harvey zwei der aktuell wohl politisch virulentesten, britischen KünstlerInnen auf ihre Bühnen geholt, wobei sich letztere zwischen ihren Protestfalsetten auch Zeit für ein klares Statement gegen den Brexit nimmt und dafür mehr Applaus erntet als für alle anderen Stücke zusammen.

Doch wenn sich dann noch Festivalheadliner Neil Young nach einer im Übrigen famosen Soloversion von »Heart of Gold« mitsamt Orange Stage symbolisch in Pestizide einnebeln lässt, um anschließend von seiner Monsanto-Dystopie zu künden, zeigt sich auch, wie schnell mitunter Gutgemeintes ins plakativ Predigthafte abdriftet. Und tatsächlich muss man sich einige Male vor und abseits der Bühne fragen, ob man hier auf einem attischen Moralistenwettstreit oder einem Rockfestival gelandet ist und inwiefern diese Tendenz zum Botschaftspop nicht selbst wiederum nur jenes genormte Bedürfnis und jenen omnipräsenten Imperativ nach ethisch-orthorektischem Exzess bedient.

roskilde_Thorbjørn HansenFoto: Thorbjørn Hansen

Sei’s drum, auch das gehört eben zum orange feeling des Roskilde, welches sich ja immer als eine Art skandinavisches Pendant zu Woodstock verstanden hat und diese Tradition in viereinhalb Dekaden Verbundenheit dabei immer an das jeweilige en vogue jugendlicher Wertvorstellungen angepasst hat. Diese Gratwanderung zwischen Tradition und Progression spiegelt auch die diesjährige Bandbreite an Musikveteranen wider, welche von Rock- und Elektrogreisen wie Neil Young und Hans-Joachim Roedelius bis hin zu den ebenfalls allesamt ergrauten James Murphy (LCD Soundsystem), Jack Black (Tenacious D) und Everlast (House of Pain) sowie die gesamten New-Order– und Red-Hot-Chili-Peppers-Belegschaften einen jeweiligen Genrekonsens zu repräsentieren scheinen. So scheint Roskilde 2016 auch musikalisch mitunter wie aus der Zeit gefallen und über ihr zu stehen, wenn es einem jeden Gusto das entsprechende Häppchen Nostalgie serviert.

syrian-national-orchestra-of-arabic-music-damon-albarn-onstage-at-the-roundhouse-london-2010-with-members-of-the-syrian-national-orchestra-for-arabic-music-photographer-mark-allan-1280x720-1200pxDamon Albarn und das syrische Nationalorchester / Foto: Mark Allan

Hinter all diesen großen Namen und Themen wird da Mac De Marco zum klammheimlichen Helden des Festivals. Gewohnt unprätentiös, skurril und publikumsnah liegt er minutenlang in der Menge, parodiert Limp Bizkit, spielt dabei ironisierend mit allen Festivalkonventionen und -floskeln und gönnt dem Roskilde dadurch eine kurze Auszeit von Ernst, Attitüden, Exzessritualen und Legendenbeweihräucherung. »There are a lot of beautiful people out there,« gluckst sein Bassist und schüttelt sich den Schweiß von seinen behaarten Schultern und Rücken, »you just gotta deal with it, you just got to.«

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