Ghostpoet Shedding Skin

Jetzt noch deutlich Moll-monochromer: Ghostpoets Shedding Skin

Wenn Rodney Smith am 8. September 1972 geboren wurde und Obaro Ejimiwe am 18. Januar 1983, dann beträgt die wissenschaftlich jederzeit nachprüfbare Differenz zwischen beiden genau zehn Jahre, vier Monate und zehn Tage. Abgesehen davon teilen sie viele Gemeinsamkeiten, nicht nur ihren Geburtsort London. Dass der besser als Roots Manuva bekannte Rodney Smith dem besser als Ghostpoet bekannten Obaro Ejimiwe immer wieder als Vergleichsmaßstab vor die Nase gehalten wird, dürfte bei Letzterem mittlerweile für etwas Ermattung sorgen. Aber allen, die den knapp zehn Jahre zurückliegenden, in Stein gemeißelten Großtaten von Sir Manuva lebenslange Verehrung entgegenbringen, soll dieser Größenvergleich als aufmunternder, positiver Hinweis dienen. Er war bereits zwei Ghostpoet-Alben lang gültig und löst bei Dark-Hop affinen Menschen auch hier und jetzt sofort wieder Kuschelwohligkeit aus.

Personen, die Rap-Musik eher unemphatisch gegenüberstehen und denen Roots Manuva folgerichtig zu monochrom ist, sei von Shedding Skin allerdings abgeraten. Ghostpoet ist nämlich noch deutlich Moll-monochromer als der gefühlig-melancholisch-feinsinnige Teil der Manuva’schen Welt. Es handelt sich um komplett Aggressions- und Machismo-freie HipHop-Blues-Poesie in der Schnittmenge aus Tricky, Shabazz Palaces und Leonard Cohen. Wer eine Stimme hat, wie Ejimiwe sie hat, muss sein ganzes Leben lang laut sprechen, denn das macht die Welt wärmer, weicher, reicher. Und dunkler.

Ejimiwe hat diese und ähnliche Komplimente im Zuge seiner vorangegangenen Veröffentlichungen schon oft genug zu hören bekommen. Was bedeutet, dass er spätestens jetzt eventuelle Vergleichsgrößenverspannungen in seinem Rücken oder wo auch immer erfolgreich wegmeditiert hat. Weiterentwicklung ist beim ehemaligen Schlafzimmerklangschrauber trotzdem zu verzeichnen. Shedding Skin ist seine erste groß angelegte Bandproduktion mit reichlich weiblichen Gesangsgästen. Atmosphärisch wirkt alles gewohnt wohlig-spooky, der vormals vorherrschende dystopische Urban-Neon-Digital-Blues wurde mit angereichertem Instrumentarium durch geschmackvollen Wave-Rock, wattigen Sessel-Funk und Codein-Jazz ersetzt. Manchmal, wenn singende Gitarre und wandernder Bass die Stimmung in nordenglische Nostalgie treiben und Ghostpoet die Wortendungen noch mehr à la Mark E. Smith moduliert, meint man zu spüren, wie unser liebster selbstzerstörerischer Wüterich sein inneres Om findet, wie sich seine Gesichtsfurchen glätten und aus Hass Genuss wird. Ja, Genuss ist auch im Dunkeln möglich. Sollte es daran irgendwelche Zweifel geben: Hier ist sie, die offizielle Bewerbung für den delikatesten Film-Noir-Soundtrack dieser Tage.

1 KOMMENTAR

  1. „Der vormals vorherrschende dystopische Urban-Neon-Digital-Blues wurde mit angereichertem Instrumentarium durch geschmackvollen Wave-Rock, wattigen Sessel-Funk und Codein-Jazz ersetzt“
    Die Spex Redaktion kennt sich aus!

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