Ghost Hardware

Ghost HardwareDer jüngst aus Köln nach Berlin umgesiedelte Hörbuch-Verlag Supposé ist  im Begriff, sein Programm zu erweitern. Bisher hat Verleger und Regisseur Klaus Sander vor allem Kunst zum Hören veröffentlicht, dazu »Audiophilosophie« und »erzählte Wissenschaft«. Auch unter den Neuerscheinungen wird diese Linie fortgeführt: Der Immunologe Stefan H.E. Kaufmann erzählt in einer Produktion vom »Kampf zwischen Mensch und Mikrobe«; Werner Nachtigall erläutert die Grundzüge der Bionik. Doch wie  Supposé derartige Tonträgerformate wie »Audiophilosophie« oder »erzählte Wissenschaft« überhaupt erst erfunden hat, entern zwei neue Formen jetzt das Spiel.

   

    In der aus 3 CDs und Booklet bestehenden Box  »Okkulte Stimmen – Mediale Musik« versammeln sich Aufnahmen unerklärbarer akustischer Phänomene, während Peter Kurzeck in »Ein Sommer, der bleibt« aus seiner Kindheit erzählt – und zwar ohne schriftlich fixierte Vorlage. Was beide Zusammenstellungen nun so hörenswert macht, ist das, was Burial »Ghost Hardware« nennen würde. Technische Aufnahmegeräte und menschliche Gehirne gleichermaßen sind für Geister anfällig: fürs Spuken der Ungenauigkeiten, Ungereimtheiten, und Unsauberkeiten. Ohne Geister wäre die Hardware kein Thema; doch: das meistgegoogelte Wort 2007 war »iPhone«.

Okkulte Stimmen    »Okkulte Stimmen – Mediale Musik« allerdings – herausgegeben von Andreas Fischer, Thomas Knoefel und Melvyn Willin – hat in manchen Passagen durchaus den Drive zum Thrill. Selbstexperimente in kleiner Runde, nachts auf dem Land (wo es also nach Sonnenuntergang auch dunkel wird …) mussten abgebrochen werden. Vorher hatten wir bereits Phänomenen wie den Raps gelauscht, also dem Klopfen von Geistern; hatten Medien gehört, die Musik spielten, der Erklärung gemäß eingegeben durch die Geister Chopins oder Liszts. Wir hatten Wesenheiten erlebt, die ihre Stimmen auf Anrufbeantwortern hinterlassen hatten, und auch Phänomene wie die Xenoglossie (ein Mensch spricht in einer Sprache, die er eigentlich nicht beherrschen dürfte) hatten uns amüsiert. Denn wenn Geister und andere Erscheinungen wie Ektoplasma auch hinreichend visuell dokumentiert sind, diese Supposé-Box trägt zum ersten Mal die akustischen Aufzeichnungen übernatürlicher Phänomene zusammen. Das führt zu einer Verharmlosung im Erleben, alleine schon, weil hier Kategorien aufgezeigt werden. Und Kategorien führen schnell zum Objektivieren.

    Als dann aber Anneliese Michel in ihrer bösen Stimme sprach – 1976 wurde an ihr ein großer Exorzismus nach alle Regeln der katholischen Kirche durchgeführt – wollten mehrere Stimmen die Stopptaste. Zu hören, wie eine Studentin in furchterregender Stimme behauptet, Nero zu sein, das kitzelt die Sensoren des Grauens. Es ist die Übereinanderlagerung der verfügbaren Informationen, die aus dieser Geschichte das Inkommensurable machen; das fundamentalistisch-katholische Elternhaus der Anneliese Michel, ihre Epilepsie, die bei ihr diagnostizierte paranoide Psychose, schließlich der archaische Ritus des Exorzismus. Es fällt auf, dass all diese Aufnahmen mit analogen Geräten aufgezeichnet wurden; sind denn die digitalen Gadgets weniger anfällig für das Okkulte, das Umstrittene?

Ein Sommer, der bleibtWeniger Rauschen, weniger akustische Spuren, die auf das Vermengen von Mythos, Mysterium und Ingenieurswesen hinweisen, finden sich auf der von Klaus Sander produzierten Aufnahme »Ein Sommer, der bleibt«. Der durch seine autobiografisch geprägten Romane bekannt gewordene Peter Kurzeck memoriert hier das Dorf seiner Kindheit. Aus der Region Böhmen kam seine Familie nach dem zweiten Weltkrieg in das hessische Dorf Staufenberg an der Lahn. Aus den Schuljahren erzählt hier Kurzeck; und jegliche Skepsis bezüglich einer  möglichen Verklärung der Vergangenheit erübrigt sich bald. Zwar macht Kurzeck in seiner Oral History deutlich, dass er eine angenehme Kindheit erlebt hat; die Eltern weniger rüde im Umgang mit ihren Kindern als so viele im Dorf; die US-Army hat der spätere Sponti als fahrende Bibliothek erlebt. Zur Literatur wird Kurzecks Erzählen, indem er in seine Memo-Fragmente immer wieder Redundanzen und Abschweifungen einbaut, von Blickachsen erzählt, von den Eigenarten einer Schlittenbahn oder, immer wieder, vom Licht zu einer bestimmten Tageszeit.

 

    Hier liegt der Geist in der Hardware Hirn und deren fehlerhaften Leistungen. Im Falle Kurzecks vertraue ich mich diesen Erinnerungsvorgängen dennoch gerne an. Ermessen, inwiefern das alles wirklich zutrifft, kann ich natürlich nicht. Aber darum geht’s nicht.

Andreas Fischer, Thomas Knoefel, Melvyn Willin (Hg.): Okkulte Stimmen – Mediale Musik. Recordings of unseen Intelligences 1905-2007.

Klaus Sander (Regie), Peter Kurzeck (Erzähler): Ein Sommer, der bleibt.
Peter Kurzeck erzählt das Dorf seiner Kindheit.

beide: Supposé Verlag, Berlin

 

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