Gaika – Stadt zu Kleinholz

Gaika_by_Ronald_Dick
Foto: Ronald Dick

London ist also nicht mehr zu retten. Auch kreativ nicht: „Musik kann die Situation hier nicht retten. Meine nicht und auch die der anderen nicht“, sagt Gaika. Warum nicht? „Weil die Stimmen der Kids aus den Ghettos immer mehr verstummen. Es gibt keine Möglichkeiten mehr, außer man ist eine verkackte weiße Indieband ohne Meinung.“ Es gebe massenweise talentierte, junge Künstler in den Randbezirken, „aber ohne Clubs und Treffpunkte bildet sich keine neue Szene“.

In der Folge sterbe auch jene künstlerische Energie langsam ab, die London lange Zeit einzigartig machte, die Leute wie Gaika überhaupt erst ermöglichte. Acts, die plötzlich auftauchen, an den Sound ihrer Vorbilder anknüpfen und ihnen gleichzeitig ihren eigenen Entwurf kontemporärer Musik an den Kopf werfen – für Gaika ein Phänomen der Vergangenheit. „Wen gibt es denn noch?“, fragt er mit ausgebreiteten Armen. „Skepta und seinen Bruder JME, seit Ewigkeiten dieselben Leute.“ Man könnte zwar noch Dizzee Rascal oder Wiley zur Liste hinzufügen, auch junge MCs wie Stormzy oder Bossman Birdie, aber die Botschaft ist klar: „Meine Generation kann noch von den Errungenschaften unserer musikalischen Vorfahren leben. Aber nach uns ist Schluss. Die Regierung hat die Stimme der Ghetto-Kids erfolgreich abgewürgt.“

„Die Kids müssen alles kurz und klein hauen. Nur das hilft. Und das wird auch passieren.“

Wenn alles derart aus den Fugen gerät, wenn Politik, Gesellschaft und auch die Musik versagen, wie kann die Lösung der Probleme aussehen? Für den Realisten Gaika ist die Sache klar: „Die Kids müssen alles kurz und klein hauen. Nur das hilft“, sagt er ohne Ironie. „Und das wird auch passieren.“ Auf die Ausschreitungen 2011 sei nichts gefolgt als mehr Repression. „Äußerlich wurde weiterhin business as usual betrieben, unter der Oberfläche aber haben sich die Bedingungen noch einmal drastisch verschlechtert. Dieser Druck muss dringend überkochen.“ Da ist sie wieder, die hohe Schule der Diplomatie nach Gaika. Von der britischen Presse wird er für solche Aussagen gerne wahlweise als Protestkünstler oder Gangster-Rapper bezeichnet, beides Zuschreibungen, die er vehement ablehnt. Gaika ist kein Gangster, nur weil er von der Straße erzählt, und genauso wenig ein Protestler, bloß weil er zum Aufstand aufruft. Sondern das vertonte schlechte Gewissen einer zerfallenden Zivilgesellschaft. Mit den tradierten Kategorien zivilen Ungehorsams kann er ohnehin nichts mehr anfangen: „Ich werde mich jedenfalls nicht hinstellen und etwas von friedlichem Protest faseln. Ich sage: Macht die Stadt zu Kleinholz!“

Moment mal. Sich erheben? Gegen „die da oben“? War da nicht gerade etwas? „Der Brexit war eine rein weiße Bewegung“, sagt Gaika unbeeindruckt. „Und die Weißen hier sind bekanntlich irre.“ Niemand aus der schwarzen Bevölkerung Brixtons hätte gegen den Verbleib in der EU gestimmt. „Denn wir wissen, was als nächstes kommt: exit for us.“ Überhaupt sei das Gerede vom Aufstand im Zusammenhang mit der Kampagne für den Austritt aus der EU eine Farce. „Das waren Angehörige der Mittel- und Oberschicht, die sich der Rhetorik des Klassenkampfes bedient und unsere Sprache gestohlen haben“, sagt er. „Die sollen sich ficken.“

Während Gaika sich langsam von seiner gut einstündigen Brandrede erholt und die Sonne hinter der nahegelegenen St. Matthew’s Church untergeht, traut man sich kaum zu fragen, ob es überhaupt noch Hoffnung gebe. Für London, Großbritannien, die Welt. „Darum geht es doch in meiner Musik“, sagt er und schaut etwas verwundert. „All meine Songs sind für diese Ghetto-Kids geschrieben.“ Er zeigt aus dem Fenster. „Es geht mir dabei nicht um Hoffnung an sich, auch nicht um Besserung. Aber wenn ich ein paar Leuten das Gefühl geben kann, dass man ihr Leben versteht, ist meine Arbeit getan.“

Auf dem Weg aus dem Kinocafé, hinaus in die kühle Brixtoner Abendluft, erzählt Gaika beiläufig, dass der Onkel eines schwarzen Bekannten gerade an gebrochenen Rippen und einem kaputten Jochbein laboriere. „Polen“, sagt er. „Sie haben ihn anscheinend auf offener Straße angegriffen.“ Einige karibischstämmige Londoner hatten nach dem Brexit Osteuropäer überfallen. „Weil sie unsinnigerweise glaubten, die hätten irgendetwas mit ihrer miesen Situation zu tun“, sagt Gaika. Der Angriff jetzt sei wohl eine wahllose Racheaktion gewesen. „Wie soll man da noch Hoffnung haben?“

Dieser Text erschien in unserer Printausgabe SPEX No. 372, die weiterhin versandkostenfrei im Shop bestellbar ist.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here