Gaika – Stadt zu Kleinholz

Gaika_by_Ronald_Dick
Foto: Ronald Dick

Dabei war die Familie nie wirklich arm. Während Gaikas Mutter gelegentlich als Verkäuferin jobbte, verdiente der mittlerweile verstorbene Vater sein Geld als Materialwissenschaftler, als ziemlich guter sogar. Dr. Tavares war der weltweit Erste, der es erfolgreich schaffte, ein hochleistungsfähiges Halbleitermaterial herzustellen – die wichtigste Grundlage heutiger Elektrotechnik. „Daher kommt wohl mein Faible für maschinenartige Klänge“, sagt Gaika. Während seine Schulfreunde mit Tamagotchis und Sammelkarten spielten, hantierte er zu Hause mit Röntgenspektrometern, magnetischen Systemen und anderem Fachwerkzeug seines Vaters. „Was für andere Papas Gitarre war, war für mich die Technik – die Initialzündung“, sagt er.

Dennoch geht es in Gaikas Musik immer auch um jene Ungerechtigkeit, die man als junger Schwarzer in den Vorstädten täglich erfährt. Die ohnehin längst Abgehängten würden immer weiter zurückgedrängt, ihre wachsende Unzufriedenheit brutal beantwortet, sagt Gaika. „Ich sehe von hier aus fünf CCTV-Kameras. Und wie viele nicht-kommerzielle Clubs oder echte Jugendzentren haben wir im ganzen Viertel? Vielleicht zwei.“ Diese Dinge sollen in seiner Musik spürbar werden, der ganz normale Wahnsinn: „Mehr Repression, weniger Chancen.“

Gaikas Musik ist mehr als mit der Klangfarbe von retrofuturistischen Sci-Fi-Filmen unterfütterter Post-Grime mit Hang zur Düsternis. Sie ist der Versuch einer Antwort der Marginalisierten. Seine Waffen sind Grime, House und eine der Sonne beraubte Version von jamaikanischem Dancehall. Daraus formt er ein Gemisch, das sich anhört wie der Soundtrack zu den Unruhen, die den Londoner Süden 2011 heimsuchten. „This is my city / And these are my streets / In a state of emergency“, heißt es in im Stück „3D“ von seiner jüngsten EP Spaghetto. In Gaikas Texten geht es um Ausweglosigkeit und Aufstand, die Unmöglichkeit der Liebe in einer kapitalgesteuerten Welt, um eine Standortbestimmung und nicht zuletzt ein kleines bisschen Romantik im Betondschungel. „We struggle every day in the rubble where we play / But I’ll stay and you’ll stay“, heißt es in „In Between 2“. Spaghetto klingt, als wolle Gaika mit seiner Musik eine Mischform skizzieren: Dystopie und Durchhalteparole zugleich.

„Während meine Stadt vor die Hunde geht, kann ich schlecht vom Chillen am Strand singen. Schließlich steuern wir geradewegs auf den großen Knall zu.“

„Bullshit“, sagt er und lacht laut auf. „Wir leben mitten in dieser verdammten Dystopie!“ Wer das anders sehe, solle einfach mal um sich schauen: „Wir haben eine repressive, faschistische Politik. Die Leute kaufen den Tories jede noch so blöde Finte ab. Es gibt einen tiefsitzenden Rassismus, wir werden ständig überwacht, verlieren wegen des Terrorismus unsere Bürgerrechte und unsere Freiheit. Sogar unsere Kultur wird sanktioniert“, rattert er runter, ohne Luft zu holen. „Real talk? Ich würde lieber in Orwells 1984 leben.“

Gaika ist kein Mann der sanften Diplomatie. Nicht in seiner Musik und auch nicht im Gespräch. Und er möchte es auch gar nicht sein, das hält er in Zeiten wie diesen für unangebracht. Er sieht sich als Realist, der schonungslos die Wahrheit vertritt, modisch, musikalisch und textlich. Seine oft düsteren Outfits, die aus Sneakers geschneiderte Maske auf dem Cover seiner 2015 erschienenen EP Machine, die stets durch diverse Filter gejagte Stimme, die wie ein Reggae-Entwurf des Internetzeitalters klingt, die gespenstischen Beats und anklagenden Texte sind für ihn Übersetzungen des Status Quo seiner Umgebung. „Während meine Stadt vor die Hunde geht, kann ich schlecht vom Chillen am Strand singen. Schließlich steuern wir hier geradewegs auf den großen Knall zu“, erklärt er trocken. Die Situation sei gefährlicher, als man im Alltag wahrnehme. „Und deshalb kann ich nur Musik machen, die gefährlich klingt.“

Die Politik der Tories treibe die Leute in die Selbstaufgabe. Keine Anerkennung, keine Sichtbarkeit, keine Gnade. Einem Jugendlichen aus Croydon sei es egal, ob er in den Knast wandert, weil er jemandem ein Messer in den Rücken rammt, oder ob er selbst den Löffel abgibt. „Perspektivlosigkeit ist das größte Problem“, sagt Gaika, und es betreffe nicht nur diejenigen, die sich einen Nine-to-five-Job wünschen: „Hier wird auch niemand mehr Künstler. Meine eigene Geschichte wäre heutzutage nicht mehr möglich.“

Gaika wuchs in einem anderen London auf, in einer Stadt der progressiven Clubs, der Pirate-radio-Sender, der sich entfaltenden Subkulturen. „Seit die Tories an der Macht sind, werden diese Fixpunkte systematisch plattgemacht“, sagt er. Er selbst hatte noch die Möglichkeit, Grime-Events aufzuziehen, junge Künstler zu fördern und eine Szene zusammenzubringen. Als 15-Jähriger schmiss er seine erste Party, zu der Ashley Walters von der bekannten Grime-Truppe So Solid Crew kam. Zwei Jahre später war Gaika schon eine Nummer in der Stadt, zu seinen Partys in einer stillgelegten Lagerhalle kamen Grime-Fans aus der ganzen Stadt, auch viele Weiße aus den gut betuchten Vierteln. In den Jahren darauf arbeitete er weiter als Veranstalter, verdingte sich nebenbei mit Designjobs für befreundete Bands und Labels, bevor er nach einer Weile genügend Kontakte und Erfahrung gesammelt hatte, um selbst voll auf die Musik zu setzen. Gaika ist der Spross einer Szene, die es in dieser Form nicht mehr gibt: „Heute schließt ein wichtiger Club nach dem anderen, Radiomacher werden hart bestraft, nur staatlich oder kommerziell getragene Orte überleben“, sagt er und zeigt in Richtung der O2-Academy, ein Venue für mittelgroße Konzerte am anderen Ende der Straße. „Wäre ich heute 18, ich wäre am Arsch.“

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here