Floating Points »Elaenia« / Review & Vorabstream

Typen wie Sam Shepherd gehört die Zukunft, sie bauen gerade daran. Über eine Woche vor dem offiziellen Release gibt es das Debütalbum des Briten unter dem Moniker Floating Points nun im Stream zu hören.

Er trägt eine Nerdbrille, das kurze Haar ist rötlich, und wie in Großbritannien tagsüber üblich, spricht Sam Shepherd nicht zu laut und äußerst höflich. Er ist einer dieser stillen jungen Männer, die im Zug konzentriert vor dem Laptop sitzen und einen riesigen Kopfhörer aufhaben. Aber nicht, um eine endlose Fernsehserie zu schauen. Das machen ihre Väter, die damit die Gegenwart verlängern und jeden Gedanken an die Zukunft verscheuchen.

Typen wie Shepherd gehört die Zukunft, sie bauen gerade daran. Zum Beispiel im Zug. Zwischen Manchester, wo er herkommt, und London, wo er wohnt, baut er unter seinen Kopfhörern schon mal einen Track mit einem Sample, das er sich vor der Abreise besorgt hat. Seit etwa sechs Jahren gibt es unter dem Pseudonym Floating Points hier und da etwas zu hören von den Ergebnissen dieser Fahrten. Sein Leben als DJ trägt Shepherd auch weiter, wenn die schön vernebelten, leicht angejazzten und britisch bassinformierten Housestücke »Myrtle Avenue« heißen wie die Straße im neo-hipsterhaften Bushwick-Brooklyn oder »Montparnasse« wie der historische Bohemebezirk in Paris. Jedenfalls: Floating Points ist Dance mit Bewusstsein.

Klingt natürlich furchtbar, wie Dance mit Diplom. Und weil dieses wunderbare Geschäft noch immer einen Minderwertigkeitskomplex hat gegenüber der Welt der Bücher und der Bildung, erklärt jede Info und jede Anmoderation, dass Sam Shepherd einen Doktortitel hat. In Pharmakologie, das ist ja schon mal nicht schlecht für die Endkunden auf dem Dancefloor. Weiter heißt es, dass die klassische Musik sein zu Hause sei und er so zum Jazz gefunden habe. Bevor er dann doch, zu unserer Freude, im Zug einfach coole Dinge zusammengeschoben hat. Habe ich schon erwähnt, dass er im Knabenchor sang?

Jetzt, mit Ende 20, gibt es mit Elaenia das Debütalbum von Floating Points. Und es muss etwas viel schultern: Doktor Dance, Klassik, Jazz – bei wem meldet sich da nicht gleich der Rücken? Gemessen daran geht Shepherd die Sache allerdings souverän an. Das musikalische Gepäck ist im Grunde auch gar nicht so schwer. Die Harmonik spielt eine geringe Rolle, es geht in jedem der sieben Albumtracks viel stärker um die Sounds und ein ruhiges Spiel mit ihren dynamischen Möglichkeiten. Wie schon auf einigen seiner alten Stücke ist das Fender Rhodes Piano eine Art Signaturklang. Jazzer denken gleich an Miles Davis in der elektrischen Phase ab Ende der Sechziger.

Aber auf In A Silent Way, Bitches Brew und den folgenden Alben wollte Davis vor allem Druck erzeugen: mit jeweils zwei Pianos, Bässen, Schlagzeugen. Floating Points macht das Gegenteil, Elaenia nimmt Druck raus. Gerade im längsten Track, »Silhouettes (I, II & II)«, spielt ein akustischer Drummer mit, dessen heiße Zurückhaltung an Tony Allen erinnert. Auch am Ende des Albums, in »For Marmish« und »Peroration Six«, übernimmt wieder ein dynamisches, vom Schlagzeug geführtes Interplay. Streicher mischen sich dazu, sogar ein harmonisch offener Chor tritt auf, wie er auf der Schwelle von Free Jazz und transzendenten Experimenten auftauchte und etwa auch bei Kamasi Washington zurückkehrt.

Die andere Hälfte von Elaenia spielt mit analogen Synthesizern, bleibt klanglich deutlicher dem Club verpflichtet, geistig aber leider der Etüde. Wie sich Shepherd davor sowohl von seinen DJ-Produktionen wie von seinem kulturellen Background befreit, das bläst Bedenken und körperliche Beschwerden mühelos weg – mit musikalischen Mitteln.

Via NPR kann das Album bereits jetzt in voller Länge hier gestreamt werden.

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