FKA Twigs »M3LL155X« / Review

FKA Twigs einmal mehr in der Rolle der Gestaltwandlerin – überzeugend!

Einen Stern am Himmel des Avant-Pop vergleichen mit einer durch die vergangene B-Festivalsaison gejagten Genrefilm-Sternschnuppe? Hm. Wäre da nicht dieses Tertium Comparationis: ein schwangerer Frauenbauch. In dem zur dritten EP veröffentlichten Vierfach-Video der Britin FKA Twigs schiebt er sich (hineingerendert) unter dem Schlafanzug hervor, wird mit langen Nägeln befingert und entleert sich, unter angewidertem Männerblick, in bunten Strömen. Der Bauch von Louise in der Horror-Romanze Spring ist zwar flach, kündet aber durch dem werdenden Mutterleib entwachsende Skorpionschwänze, Werwolfgebisse und Krakententakel von seiner kommenden Rundung. Schwangerschaft, so scheint es aus beiden Bildgebungen zu rufen, ist eine monströse, unkontrollierbare Metamorphose – die gegenläufige Ergebnisse haben kann.

Im Fall von Spring vom Regieduo Justin Benson und Aaron Moorhead eines, das vor allem für Freunde dösbaddeliger Heteronormativität befriedigend ist – eine Satisfaktion, die die überwiegend positiven Filmkritiken röhrend durchdringt. Am Ende des Films tütet der »Ich will sie haben!«-Infantilist Evan (Lou Taylor Pucci) vor opulenter Old-Europe-Kulisse Louise (Nadia Hilker) als Mutter seines Kindes ein. Und das, obwohl Louise ein cooles 2000 Jahre altes Geschöpf ist, das sich alle 20 Jahre selbst neu gebiert und so ein ewig junges Leben lebt – aktuell in der Inkarnation einer extrem gutaussehenden Genetikerin. Die besorgt sich für die anstehende Runderneuerung Evans Samen, die Schwängerung ist erfolgreich, Louises Mutationen (Evolutions- und Horrorfilmgeschichte lassen grüßen) häufen sich, die Selbstwiedergeburt rückt näher. Evan dürfte gerne verschwinden, faselt aber von der Liebe seines Lebens. Der finale Hammer: Die uralte, kluge, schöne Louise wird den milchbärtigen Ami-Backpacker nicht los, hat sich offenbar sogar ohne ihr Wissen in ihn verliebt, weswegen ihr die Hormone in die Biologie funken und die Wiedergeburt ihr kein neues Selbst, sondern dauerhaft das aktuelle Ich beschert – in Form einer schwangeren, sterblichen Frau, treudoof glotzend den Kopf auf des Bubis Schoß gebettet. Ein Frauenopfer, eine Männerfantasie, ein Kritiker- und Publikumsliebling.

Wie gut, dass auf anderem popkulturellen Feld ein 27-jähriger Kontrollfreak Liebling ist, obwohl er kühl-nackte Tiefenmusik macht und zum Thema Hochzeit schweigt. Aber in Eigenregie ein Video wie M3LL155X dreht, ein 16-minütiges Vier-Song-Monster, dessen Titel »Melissa« ausgesprochen wird und für »meine persönliche weibliche Energie« steht.

Diese Energie macht auch FKA Twigs zur Gestaltwandlerin: Ihre Evolution beginnt im Körper einer alten Frau, einer Kreuzung aus traurigem Pierrot Lunaire und diabolischem Tiefseefisch (»Figure 8«). Nach einem Akt erleuchteter Autoerotik spuckt deren Mund eine Zygote, aus der sich eine Twigs-Sexpuppe entfaltet, begattet von einem Sabbernden, danach luftleer, geplättet (»I’m Your Doll«). Cut. Twigs ganz im Bild, im Schlafanzug und mit gelöstem Haar, hochschwanger, stolz. Abschätzig von einem Mann begutachtet performt sie mit Co-Tänzerinnen eine rustikale Nineties-Girlgroup-Choreografie (»In Time«), bis die Fruchtblase platzt und sie sich meterweise bunte Gaze zwischen den Beinen hervorzieht. Cut. Nächtlicher Wald, darin ein Laufsteg, darauf Twigs zusammen mit Vogue-Tänzern. Urban-queere Subkultur meets Natur, stupende Bewegungen, im so ernsten wie spielerischen Gemeinsamen kommt Twigs’ Transformation zu einem wunderschönen Halt. Eine Geburt kann Emanzipation bedeuten – oder eben eine uraltlavendelige Niederkunft sein.

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