FKA twigs Lp1

Wäre Aaliyah als digital native in diese Welt gekommen, sie würde heute wohl hauchen, stöhnen, kieksen und schmachten wie FKA twigs. Diese, auf den Tag genau neun Jahre nach Aaliyah geboren, betritt die Szenerie als ihr eigener Kirchenchor. Schon mit der »Preface« ihrer LP1 entführt sie in neuzeitliche, digital verspiegelte Sakralgewölbe. So choral und erhaben war die Musik der 26-jährigen Engländerin auf ihren bisher erschienenen zwei EPs noch nicht zu haben.

Man möchte die Gewölbeechos kurzschließen mit FKA twigs‘ Biografie als einsame, katholisch erzogene Außenseiterin aus der englischen Provinz – und am liebsten auch mit der gesamten R’n’B-Historie, von der die Künstlerin doch ausdrücklich nichts wissen will: mit Gospel, Glaube, Spirituals, Spiritualität.

Songs wie »Closer« wirken wie Hymnen auf die Abgeschiedenheit, wie Hohelieder auf das sterile Kribbeln körperlicher Kontaktaufnahme durch zeitgenössische Kommunikationskanäle: Hier fühlt sich jemand sehr zuhause im Verlorensein. Und auch im metallischen Geklapper, zwischen den verrutschten Keyboardakkorden und den Snare-Schlägen wie Peitschenhieben, die diese Songs in Phasen rasanter Verdichtung antreiben und dann wieder bis hin zum Stillstand entzerren. Über dem Chaos und der Ruhe dominiert immer diese Stimme, zerbrechlich und souverän zugleich, selbstbespiegelt, manipuliert, aufpoliert, ins Körperlose oder Hässliche gezerrt durch die gesamte Palette digitaler Effekpinselei – Pitch-Shifting, Layering, Vocoder, Endlosecho …

FKA twigs zerdehnt und entkernt die Konvention namens »Song« immer wieder wie eine Kaugummiblase, treibt sie bis an die Grenze zum Zerplatzen. Wenn durch ihre EPs gespenstische Echos auf das Morgen hallten, dann klingt LP1 nun so sehr nach heute, wie man es sich von einem Debüt nur wünschen kann. Dieses Album könnte es schaffen, alle The xx-Fans beim Engtanz im Indie-Streichelzoo abzuholen und sie kurzerhand im luftleeren Raum auszusetzen. Da zappeln sie dann und erfreuen sich an der eigenen Gänsehaut und an diesem Sound, den der R’n’B – ganz egal mit welchem Präfix – so stripped down noch nicht erlebt hat.

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