Fatima al Qadiri Desert Strike EP

Fatima Al Qadiri »Desert Strike EP«

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Fatima Al Qadiri ist eine dieser faszinierenden Persönlichkeiten, deren Lebenslauf vor diversen Aktivitäten in sämtlichen Kunstdisziplinen nur so überquillt. Die in Dakar geborene und in Kuwait während des Zweiten Golfkriegs und seiner Nachwehen aufgewachsene Künstlerin betreibt nicht nur verschiedene musikalische Projekte (darunter Ayshay, mit dem Al Qadiri auf dem umtriebigen Label Tri Angle traditionelle islamische Gesänge in düster vibrierende Dub-Hymnen transformiert), sie ist auch Multimedia- und Installationskünstlerin. Anfang 2012 setzte sie zusammen mit ihrem Kindheitsfreund Khalid Al Gharaballi, mit dem sie zwei Jahre zuvor schon den satirischen Comic Whatever The Price veröffentlicht hatte, für die Contemporary Art Platform Kuwait eine riesige, pinkfarbene Kleenex-Box als das nationale Symbol Kuwaits in Szene. Außerdem arbeitet die mittlerweile in Brooklyn ansässige 32-Jährige auch als Kuratorin, Autorin und an Projekten wie ihrer eigenen Kolumne und Radiosendung Global.Wav, mit der sie ihren Zuhörern obskure, von der westlichen Welt oft überhörte Musikströmungen à la Post-Arab Spring Dictatorial Techno nahebringt.

   Desert Strike, Al Qadiris neuestes Werk, erscheint nun auf Fade To Mind, dem von Genreverschmelzer Kingdom ins Leben gerufenen Label, auf dem auch das hochgehandelte L.A.-Duo Nguzunguzu und Ballroom-Voguer MikeQ operieren. Die EP nährt sich wie Al Qadiris Veröffentlichungen zuvor von ihrer Vorliebe für konzeptionelle Konstrukte und einer konsequenten Vermengung westlicher und arabischer Klangsignaturen. Während sie auf der 2011 veröffentlichten EP Genre-Specific Xperience die konzeptionelle Seite noch eher als handwerkliche Fingerübung anging – Al Qadiri widmete jeden ihrer fünf Songs je einem Subgenre der Tanzmusik: Juke, HipHop, Dubstep, Electro-Tropicalia und Gregorian Trance der 90er-Jahre –, verortet sich die neue Platte an einer konkreten autobiografischen Zäsur und hievt Al Qadiris Erinnerungen an die Annexion Kuwaits durch den Irak auf eine höchst abstrakte Ebene. Desert Strike: Return To The Gulf heißt das Computerspiel, das sich die zehnjährige Al Qadiri während der Besatzungszeit zulegte und mit dem sie nahezu ihre gesamte schulfreie Zeit zockend vor dem PC verbrachte.

   Die nach diesem Ballerspiel benannte EP hört sich 20 Jahre später an wie die abstrahierte, vertonte Erinnerung an apokalyptische Schrecken und virtuelle Kriegsrealitäten. Alles rattert, klickt und wummt, es fallen Schüsse und Patronenhülsen, darüber hängt ein Schleier aus ätherischen Sirenengesängen und Gesumme, im Untergrund hallen Bässe und flimmernde Bits und Bytes. Im Opener »Ghost Raid« (dessen neues Video nachfolgend zu sehen ist), benannt nach nächtlichen Angriffen des Tarnkappenbombers F-117A Nighthawk, ist die drohende Gefahr durch einen Schutzschleier der Künstlichkeit zu spüren, während »Oil Well«, dominiert von einer verführerisch flötenden Frauenstimme, in den Grund der Erde lockt. »War Games« hingegen kündet mit oszillierenden Bassfolgen zugleich von aufkommendem, unausweichlichem Terror sowie von der sicheren Möglichkeit eines Resets und steht damit exemplarisch für die gesamte EP. Game over? Start new game!

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2 KOMMENTARE

  1. […] Noch mal biografisch: Man kann Asiatisch hören als triumphale Rache einer hybriden Künstlerin an all jenen, die Zeit ihres Lebens versuchen, sie identitär zu fixieren auf wahlweise Senegalesin, Kuwaiti, Amerikanerin, Migrantin, Linguistin, whatever. Wenn sie platteste asiatische Klangzeichen und Drachentattoos mit abstraktem R’n’B und britischer Bassmusik kreuzt, reitet sie auch mal auf der Schmerzgrenze. Oder auf der Schamgrenze, wenn falsche Panflöten ins Spiel kommen. Falsche Steeldrums schlagen die Brücke zu alter Exotica, aber auch zu Van Dyke Parks’ Amerika-ist-nicht-nur-USA-politics-of-sound. Dann wieder betreibt sie umgekehrtes yellowfacing: Wie das frühe Yellow Magic Orchestra es mit Japan tat, verkauft Al Qadiri dem Rest der Welt jene gebrauchten Bilder von China zurück, die diese Erste Welt sich zu machen pflegte. Was dem Yellow Magic Orchestra Ende der Siebziger der Space Invader war, das ist ihr Desert Strike: Return To The Gulf, das Shooter-Game zur Operation Desert Storm. Fatima und ihre Schwester Monira, so die Al-Qadiri-Legende, haben den realen Wüstensturm in Kuwait überlebt, aber sie wurden Desert-Strike-Junkies. […]

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