Fat White Family »Songs For Our Mothers« / Review

An der Grenze des Verkraftbaren: wo die Fat White Family aufschlägt, rümpft die Geschmackspolizei die Nase. Wann waren sie je wichtiger als heute?

Früher hätte man Lias Saoudi einen Bürgerschreck genannt. Der Sänger der Fat White Family pöbelt, provoziert und teilt aus. Seinen Musikerkollegen Mac DeMarco forderte er in einem Facebook-Post dazu auf, sich umgehend aus dem Business und der Öffentlichkeit zurückzuziehen. Ansonsten würde er, Saoudi, in die nächste Maschine nach Syrien steigen und sich dem IS anschließen. In Zeiten, in denen Terroristen im Stadtzentrum von Paris eine Konzerthalle stürmen und Dutzende Menschen auf grausame Weise hinrichten, bekommen solche Ansagen einen sehr bitteren Nachgeschmack. Ist es wirklich angebracht, Witze über eine Terrormiliz zu machen, die Hunderttausende aus ihrer Heimat vertreibt und weltweit Menschen in Angst versetzt?

Wo die Fat White Family aufschlägt, rümpft die Geschmackspolizei die Nase. Die britische Chaotentruppe um die beiden Songschreiber Saoudi und Gitarrist Saul Adamczewski segelt seit ihrem 2013er Debüt Champagne Holocaust hart an der Grenze des Verkraftbaren. Ihre Liveauftritte machen in puncto Einsatz von Körperflüssigkeiten der Prosa von William S. Burroughs Konkurrenz. Es wird geschwitzt, masturbiert und sich mit Fäkalien beschmiert. Die Fat White Family ist eine gleichermaßen von Garagenpunk und Psychedelia befeuerte Satire auf den Rock’n’Roll und das Dispositiv Rockkonzert. Diese blassen Jungs zerlegen Popgeschichte und bauen daraus die Kulisse für ihre hochpolitische Performancekunst, die keine Grenzen mehr zwischen Bühne und Leben kennt. Am Tag, als Margaret Thatcher starb, hing ein Plakat aus dem Fenster der Band-WG: »The Witch Is Dead«. (Zugegeben: nicht nur aus ihrem WG-Fenster.)

»Ja, dieses rücksichtslose Spiel ist Kunst.«

Auf ihrem zweiten Album Songs For Our Mothers bleibt die Family ihrer Agenda des Unfriedens treu. Der Song »Duce« marschiert zu bedrohlichen Chorälen und klingt dabei wie ein faschistoider Italo-Western; in »Lebensraum« schunkelt eine Tuba in bierseliger Gemütlichkeit, bevor letzte Grüße aus dem Führerbunker (»Goodbye Goebbels«) das Album beenden. Noch verspulter als das Debüt klingen diese Songs, Saoudis Stimme versinkt fast völlig im benebelten Mix. Lennon-Sohn Sean hat ein Stück koproduziert, nach den Beatles klingt trotzdem ein anderes, nämlich »Love Is The Crack«. Oder besser: nach dem liegengebliebenen Magical-Mystery-Tour-Bus, der in einer fiesen Nachbarschaft von ein paar Junkies ausgeschlachtet wurde.

Ja, dieses rücksichtslose Spiel mit Symbolik und Ästhetik von politischen Lagern und kulturellen Strömungen, das ist Kunst. Eine Kunst, die radikal auslotet, was eine freiheitlich-demokratische Grundordnung aushalten kann. Und aushalten muss. Dissidenz, Grenzgängertum und Witz. Wann waren sie je wichtiger als heute?

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