Family Fodder

Family Fodder

Die schon vor einiger Zeit wiedervereinigten Family Fodder kommen mit einem neuen Album und bewegter Historie auf Tour.

Die Geschichte der Popmusik wird von Zufällen bestimmt. Von glücklichen, aber auch unglücklichen. Nicht zur rechten Zeit am rechten Ort? Pech gehabt. Beispiel Family Fodder: Die üblichen Ehrerbietungen blieben ihnen verwehrt. John Peel spielte ihre Singles in seiner Radioshow, lud sie aber zu keiner seiner legendären Sessions ein. Selbst in Simon Reynolds Standardwerk Rip It Up And Start Again. Postpunk 1978-1984 wird das Londoner Kollektiv um den Multiinstrumentalisten Alig Fodder nur ein einziges Mal erwähnt. Die drei Best-of-Compilations, die während der letzten drei Jahrzehnte erschienen, konnten rückwirkend nichts ändern, die Comeback-Versuche in den Jahren 2000 und 2010 wurden ignoriert.

Das Berliner Label Staubgold startet nun einen weiteren Rehabilitierungsversuch und legt frühes Material der Band neu auf. Monkey Banana Kitchen versammelt das gleichnamige Album, die Schizophrenia-Party-EP sowie zwei Singles aus den frühen 1980er-Jahren auf einer CD beziehungsweise zwei LPs. Muss das sein? Wenn eine 1975 gegründete, vereinzelt auch heute aktive Band im Jahr 2014 noch weitestgehend unbekannt ist, dann wohl zu Recht. Oder? Nein. Monkey Banana Kitchen zeigt Family Fodder als eine vor genialen Ideen und Überhits wie »Film Music« sprudelnde Band, die eng am Puls der Zeit agierte und mit unvergleichlicher Spielfreude nachfolgende Generationen beeinflusste. Nicht unwahrscheinlich, dass LCD Soundsystems James Murphy ihre Platten eingehend studiert hat. Family Fodder, die Lieblingsband der Lieblingsband, Stifterfiguren im Schatten ikonisch gewordener Zeitgenossen.

Das Verstummen der No-Future-Schlachtgesänge gegen Ende der 70er-Jahre eröffnete eine Leere, in der neue Ideen wucherten. Während die Welt ihre Ohren jedoch auf Manchester richtete, werkelten auch in London Bands eifrig an der ikonoklastischen Nachlassverwaltung von Punk. This Heat beispielsweise. Deren Charles Bullen half bei Family Fodder aus und konnte sich, anders als bei seinem schwermütig-destruktiven Hauptprojekt, mit aller Fröhlichkeit auf das sorglose Bricolagieren von Codes und Konventionen schmeißen. »And I remember / When you make music / You play«, erklärt die Band ihre »Philosophy«. Progressivität bedeutete hier Party. Dem kargen, deprimierten Minimalismus ihrer Zeitgenossen setzten Family Fodder einen überdrehten, popaffinen und polyglotten Experimentalismus entgegen, der unbekümmert Dub, Reggae, Punk und Power-Pop zusammenwarf und auch vor einer pathetischen Pianoballade oder Beach-Boys-Harmonien nicht zurückschreckte. Mal aufgeräumt-spartanisch, mal exaltiert-bombastisch, immer ansteckend optimistisch. Die Krise aber wurde nicht geleugnet: »Everything we know is wrong.« Family Fodder begegneten dieser Tatsache mit neugierigen Fragen, anstatt in Kulturpessimismus zu versumpfen.

Drei Jahrzehnte später verblasst Alig Fodders Projekt jedoch vor der Folie seiner eigenen Ver- gangenheit, die sehnsüchtig evoziert wird. »Why don’t we do it all again / And take a hippie bus to Spain?«, heißt es in einem Song des 2013 erschie- nenen, vergleichsweise farblosen Albums Variety. Der Titel – eine einzige Übertreibung. Nicht nur blieb der Nachruhm aus, die Ideen versiegten. Früher aber repräsentierten Family Fodder all das, was Post-Punk so großartig, wichtig und nachhaltig machte. Die (Wieder-)Entdeckung der Band durch Staubgold könnte einen der unglücklichsten Zufälle der Musikgeschichte ins Positive wenden. Hoffentlich.

SPEX präsentiert Family Fodder live
20.05. Köln – King Georg
23.05. Stuttgart – Rakete
25.05. Berlin – Roter Salon
26.05. Hamburg – Golden Pudel Club