Family 5 »Was zählt« / Review

Immer wieder genial, Peter Heins romantische Durchhalteparolen!

In einem neuen Song von Family 5 heißt es: »Von den guten Zeiten wird gern viel erzählt / Viele tun so, als hätten sie’s erlebt / Als wüssten sie genau, woran es grade fehlt / Als hätten sie der Zukunft Hebel umgelegt.« Inzwischen hat sich herumgesprochen, dass Family 5 eine der wichtigsten deutschen Bands aller Zeiten sind. Jahrzehnte lang waren sie eine Band der 5000. So hoch war die Auflage ihres ersten Albums Resistance, das die meisten Besitzer schon damals für eines der aufregendsten hielten, die jemals in Deutschland erschienen sind. Family-5-Fans schenkte man Vertrauen, als seien sie Schwestern und Brüder, auch wenn man sie eben erst getroffen hatte. Der Witz, eine Punkband so zu nennen, als sei sie eine Disco-Playback-Combo, wurde also noch mal auf ganz andere Weise wahr. »Manchmal ist dann auch noch jemand da, der ähnlich ist wie ich / Dann fällt die trübe Masse draußen gar nicht mehr so ins Gewicht«, texteten Family 5 schon 1983.

Xao Seffcheques Gitarre lässt einen weinen.

Wenn sie inzwischen die Anerkennung bekommen, die sie verdient haben, ist das schön. Aber es nervt den Fan, wenn einem Jahrzehnte später der Kanon hinterherlatscht, sich wichtig macht und sein Todesurteil ausspricht. So oder so wären das alles olle Kamellen, wenn nicht vor ein paar Wochen etwas doppelt Unwahrscheinliches passiert wäre, als ankündigungslos der Blitz einschlug: Nach 12 Jahren Funkstille haben Family 5 erstens ein neues Album namens Was zählt aufgenommen, das zweitens so gut ist, dass man sich fragt, wie das überhaupt sein kann. Ihr Soul-Punk ist so energisch, melodiös und emotional, aufs Wesentliche reduziert wie eh und je. Die Bläserbatterie von Markus Türk und Martin Graeber bringt den Hormonhaushalt durcheinander, Xao Seffcheques Gitarre lässt einen weinen, Ferdi Mackenthun und Simon Heinen an Bass und Schlagzeug machen es funky. Peter Heins Lyrics changieren dazu wie immer zwischen expliziten, unmissverständlichen Slogans zum Mitsingen und verrätselten, ironischen, manchmal nicht ganz nachvollziehbaren Grübeleien.

Los geht’s mit »Draht«, einem Kommentar zur sogenannten Flüchtlingskrise: »Da ist kein Mitleid, nur blanker Neid, aus einer finsteren Vergangenheit / Niemals eine Vision, nur eine kranke Illusion«. Treffender kann man die Lage nicht zusammenfassen. Das Stück endet mit einer leicht veränderten Zeile aus »On The Run« von Eddie & The Hot Rods: »I should be pitied, but they’re getting me committed.« Und so läuft das weiter. Immer wieder genial, Heins romantische Durchhalteparolen: »Aus dem Dreck, den wir seh’n / Holen wir nicht viel raus / Aber es langt zum Überleben / Sieht doch gar nicht so schlecht aus.«

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