Erste Worte zu Boris‘ neuem Album Smile

In unserer Reihe »Erste Worte« berichten wir regelmäßig frühzeitig von neuen Alben, auf deren Veröffentlichung viele unserer Leser warten. Raphael Smarzoch hat dafür das neue, Ende April erscheinende Album »Smile« des  japanischen Trios Boris angehört und fand ein hochkonzentriertes musikalisches Werk vor.

Boris

BORIS: Klassisch unbeschwerte Rocknummern, elektro-akustische Klangminiaturen und eiserne Akkordketten
(Foto: © Miki Matsushima / Southern Lord)


Zwei tonnenschwere Akkorde münden in einen Wirbelwind aus Feedbacks und weißem Rauschen. Beinahe könnte man denken, Boris hätten sich auf ihrer neuesten Platte »Smile« ihren klanglichen Wurzeln zugewandt, einer zermürbenden Schwerfälligkeit aus tieftönig verzahnter Bass-Gitarre und mühselig sich dahinschleppendem Schlagwerk. Die Doom-Alben »Absolut Ego« (1996) und »Amplifier Worship« (1998) – letzterer Titel ist eine perfekte Umschreibung der nahezu religiösen Inbrunst ihrer dröhnenden Triebkräfte – repräsentieren diese unnachgiebige musikalische Agenda. Doch alles kommt ganz anders!

    Die Kakophonie endet schon nach wenigen Sekunden – ihr entspringt eine der bezauberndsten Balladen, die das japanische Trio jemals dargeboten hat. Elegant in der kompositorischen Ausführung basiert »Flower Sun Rain« auf einer graduellen Entwicklung, die zunehmend an emotionaler Dichte gewinnt. Herausragend sind hierbei die Gitarren-Soli des Gastmusikers Michio Kurihara (Ghost), die dem Stück eine ergreifende Dramaturgie vermitteln. Wieso aber eigentlich eine Ballade, war soeben doch noch die Rede von den finsteren Abgründen des Doom-Metals?

    Charakteristisch für Boris' mittlerweile zwölf Jahre währende Karriere ist die stilistische Diversität der Band aus Tokio. Waren die ersten Veröffentlichungen noch von der zermalmenden Brachialität subharmonischer Tonstudien gekennzeichnet, so verschoben sich mit den Jahren allmählich die musikalischen Koordinaten. Ihrem Sound ließen sie lediglich die gewaltige Heavyness, der immer wieder neue Konzeptionen und Spielweisen zu Grunde gelegt wurden. So zeichnet sich beispielsweise die Veröffentlichung »Flood« (2000) durch eine Koketterie mit dem Post-Rock aus, während das zwei CDs umfassende Epos »Dronevil« (2005) eine ultimative Huldigung an die Magie des Borduns darstellt. Beide Tonträger müssen zeitgleich auf separaten Abspielgeräten wiedergegeben werden, damit sich das gesamte Klangerlebnis vollends entfalten kann – ein aus der Soundart bekanntes Phänomen. Diese Experimentierfreude führte Boris mit Vertretern der japanischen Avantgarde zusammen. Sie spielten Platten mit dem Klangschamanen Keiji Haino ein und lärmten mit Masami Akita alias Merzbow. Den Zenit ihres künstlerischen Schaffens erreichten sie mit der Platte »Pink« (2005) – ein bis heute ungeschlagenes Kompendium der unterschiedlichsten Derivate des Rocks samt ihrer jeweiligen produktionstechnischen Charakteristika.

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Schnipsel-Performance auf gelbem Grund. Boris geben sich im Performance-Video zu »Statement« leidenschaftlich und distanziert. Eigenschaften, die auch ihr neues Album »Smile« prägen.

 

VIDEO: Boris – Statement
(Regie: Fangsanalsatan / Ryuta Murayama)

Der offizielle Nachfolger »Smile« führt diese variantenreiche Programmatik fort, weist aber bei weitem nicht das Stil-Sammelsurium des Vorgängers auf. Boris präsentieren ein hochkonzentriertes musikalisches Destillat aus präzise realisiertem Songwriting und energetisch freifließenden Experimenten. Das führt zu klassisch unbeschwerten Rocknummern, wie der aktuellen Singleauskopplung »Statement« oder zu elektro-akustischen Klangminiaturen wie »My Neighbour Satan«, bei dem ein im Hintergrund sanft pulsierender Breakbeat mit zarten Gitarrenläufen und verzerrten Loops ergänzt wird, bis das ganze Konstrukt in sich zusammenfällt, von einem psychedelischen Interludium aufgefangen und erneut wieder zusammengebaut wird.

    Nicht selten droht die Destruktion des gesamten Klangbildes, wenn sich Watas ekstatische Gitarrensoli, die zumeist deutlich lauter als die restlichen Instrumente ausfallen, aus Takeshis eisernen Akkordketten emporheben. Die Komposition »KA RE HA TE TA SA KI – No Ones Grieve« exemplifiziert dieses klangliche Chaos. Im unbetitelten und knapp sechzehnminütigen Stück beruhigt sich die Situation. Zusammen mit Stephen O’Malley zelebrieren Boris eine kontemplative Reise an die Randbereiche des Universums. Zarte Klangeffekte und monotone Gitarrenloops enden in einem pathetischen Finale aus hypnotischen Powerchords und kosmischen Drones.

    Boris haben ihrer Laufbahn mit »Smile« einen weiteren Meilenstein hinzugefügt. Ein kontemporäres Rock-Album, das gekonnt die Tradition mit der musikalischen Praxis des 21. Jahrhunderts verknüpft. Kurzum, ein Meisterwerk.

»Smile« von Boris erscheint am 25. April 2008 (Southern Lord / Soulfood), die auf 1000 Exemplare limitierte Single »Statement« inklusive dem nicht auf dem Album enthaltenen Stück »Floor Shaker« ist bereits erschienen. Weitere Hörproben finden sich hier, im April und Mai sind Boris Live zu sehen. Mehr zu Boris in SPEX #314, ab dem 18. April am Kiosk.

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