Entfesselte Wahrheit – das Sheffield Doc/Fest in der Retrospektive #2

Das Dokumentarfilmfestival in Sheffield ist für seine stets hervorragende Auswahl an Musikdokus bekannt. Aus dieser Sparte kommt auch der beste Film des diesjährigen Festivals: Breaking A Monster. Den großen Preis der Jury aber gewinnt mit Sean McAllister ein lokaler Regisseur.

Ein zwei Stunden langer Film über eine kleine schwarze Box mit bunten Knöpfen? Klingt reichlich unspannend. Aber wenn es sich bei dieser Box um die Roland TR-808 handelt, den legendären Drumcomputer, der die (post)moderne Popmusik fundamental beeinflusste, überlegt man sich das mit dem vorschnellen Urteil noch einmal. Regisseur Alexander Dunn zerrt in seinem schlicht 808 betitelten Rundumschlag so ziemlich jeden bekannten Musiker vor die Kamera, der mal so ein Ding im Studio stehen hatte. Vom Kraftwerk sampelnden Electro-Pionier Afrika Bambaataa über Phil Collins bis zu Damon Albarn und David Guetta kommt in Dunns epischer Musikdoku viel Popprominenz zu Wort.

Besonders viel Spaß machen die Anekdoten des Starproduzenten Rick Rubin und der Beastie Boys, die im Song »Paul Revere« eine 808 rückwärts abspielten – wie das ging, wissen sie selbst nicht mehr. Großartig ist, dass Dunn alle Rechte klären konnte und den Songs und ihren mörderischen Beats viel Raum lässt und sie durch ansprechende Visuals unterstützt. Leider weiß der Regisseur einfach nicht, wann es genug ist: Tatsächlich ist 808 mindestens 30 Minuten zu lang und langweilt, sofern man nicht selbst Beat-Bastler ist, am Ende doch einigermaßen.

Auf Dauer ebenfalls enttäuschend ist die Doku Hustlers Convention mit einem an sich spannenden musikhistorischen Thema: Proto-HipHop. Es geht um eine sagenumwobene Platte des New Yorker Künstlers Jalal Mansur Nuriddin a.k.a. Lightnin‘ Rod. Nachdem er zunächst im politischen Umfeld der Black Panther Party als Polit-Poet aktiv war, wurde er Ende der Sechzigerjahre zum Mitgründer der Last Poets und schuf 1973 mit dem Spoken-Word-Album Hustlers Convention (Filmstill unten) die Blaupause für Blaxploitation und Gangsta Rap.

Leider ist Mike Todds Film eine unerträglich dröge Aneinanderreihung von talking heads, die ausschließlich schwärmen und wenig Informatives zu erzählen wissen. Auch die amateurhaften Animationssequenzen können bei all dem Gequatsche nichts mehr retten.

Das Highlight des Sheffield Doc/Fests 2015 war eine andere Musikdoku: Breaking A Monster. Der amerikanische Regisseur Luke Meyer folgt darin der aufstrebenden Metal-Band Unlocking The Truth vom ersten Auftritt bis zur Aufnahme ihres Major-Debüts. Die Besonderheit: Die Mitglieder der Band sind zwischen 11 und 12 Jahre alte Afroamerikaner aus einem noch nicht gentrifizierten Teil Brooklyns.

Was Meyer ohne gängelnde voice-overs an nuancierten Beobachtungen zu Jugendwahn, schwarzer Identität und vor allem zum kontemporären Musikbusiness aus dem Thema herausholt, ist atemberaubend. Einerseits ist das oft sehr lustig, weil die hohlen Phrasen der Sony-Music-Executives und des skurrilen Bandmanagers im krassen Gegensatz zu den drei pfiffigen, talentierten Jungs stehen. Andererseits bleibt einem das Lachen angesichts der eiskalten Einbindung der Kinder in die Popmusikmaschinerie durch Manager und Eltern immer wieder im Hals stecken.

Nicht viel zu lachen gibt es im Gewinnerfilm des Doc/Fests 2015: Für A Syrian Love Story (Fimstill oben) folgte der Sheffielder Sean McAllister über vier Jahre einer syrischen Familie aus ihrem Heimatland ins politische Exil. Mutter Ragda sitzt zu Beginn des Films wegen eines gegen Präsident Bashar al-Assad gerichteten Pamphlets im Gefängnis, kommt aber kurz darauf frei. Durch seine Filmarbeit verdächtigt geworden, gerät nun McAllister selbst ins Visier der syrischen Geheimpolizei. Er wird mehrere Tage festgehalten, sein Videomaterial beschlagnahmt – dessen Inhalt bringt wiederum Ragdas Familie in Gefahr, die über den Libanon nach Frankreich zu fliehen versucht.

hustler

Wie sich in dieser groben Zusammenfassung bereits andeutet, reduziert A Syrian Love Story den üblichen Abstand zwischen dem Dokumentarfilmer und seinem Gegenstand auf Null. McAllister ist Teil der Geschichte, wenn er auch ein klarer Außenseiter bleibt – nicht unbedingt ein sympathischer. Ständig hält er Ragda und ihrem Mann Amer sowie den zwei kleinen Kindern seine Minikamera wortwörtlich unter die Nase und befragt sie nach ihren Gefühlen, Ängsten und Erwartungen.

Das wirkt schrecklich penetrant und distanzlos. Gleichzeitig aber erreicht der Film so (mit dem ausdrücklichen Einverständnis der Protagonisten) eine möglichst nahe Einbindung des Zuschauers in ein Flüchtlingsschicksal, wie es kein konventioneller Beitrag zum Thema vermöchte. Dabei geht es eben auch um die titelgebende Love Story zwischen Ragda und Amer, deren Beziehung unter den schrecklichen Belastungen der Flucht leidet. Kein bequemer, distanzierter Film, aber vielleicht gerade deswegen der verdiente Gewinner des großartig kuratierten Doc/Fests in Sheffield.

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